Vor 100 Jahren entstand im idyllischen Weimar eine radikale künstlerische Utopie: das Bauhaus.

Radikal deswegen, weil sie auf damals einzigartig experimentelle Art Kunst, Gestaltung, Handwerk und Architektur miteinander verband. Radikal auch, weil sie bis heute unser Leben prägen.

Professoren und Studierende diskutierten gemeinsam darüber, wie Menschen in einer modernen und sozialen Welt leben können. Schon damals forderten die Bauhaus-Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe im Gründungsmanifest "den neuen Bau der Zukunft".

Furcht und Faszination

"Die Welt jener Zeit durchlief einen drastischen Wandel", erklärt Katia Baudin, Direktorin der Kunstmuseen Krefeld. Sie beherbergen die beiden Bauhaus-Villen Haus Lange und Haus Esters. Anfang Mai hat dort anlässlich des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums die Ausstellung Anders Wohnen eröffnet.

"Nach dem Ersten Weltkrieg stellten die Menschen ihre Vergangenheit in Frage, suchten Lösungen für die Zukunft – und begegneten den neuen Entwicklungen mit einer Mischung aus Furcht und Faszination. Allen voran der Maschine."

Die Protagonisten der Bauhaus-Bewegung griffen diese Situation auf: "Sie stellten die Maschine in den Dienst der Menschen", so die Direktorin. "Es sollten Objekte realisiert werden, die durch industrielle Herstellung nicht nur der Elite vorbehalten waren, sondern den Alltag aller Bürger bereicherten – aber dennoch ästhetisch und aus hochwertigen Materialien wie Glas, Metall, Textilien und Töpferton."

Licht, Luft und Rationalität

Die Bauhaus-Designer Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Marcel Breuer und Marianne Brandt gestalteten Gebäude und Objekte entsprechend ihrer Funktion mittels einfacher, aber eleganter Formen. "Ornamente galten als Verbrechen", sagt Katia Baudin. "Vor diesem Hintergrund entstand auch das Bauhaus-Grundprinzip: Die Form folgt der Funktion."

Ludwig Mies van der Rohe während der Arbeit an der Bauhaus-Villa Haus Esters. © Sparkasse

Die Zimmer wurden kleiner, aber die Fenster größer, Tapeten und Vorhänge verschwanden. Alles wurde heller, praktischer und orientierte sich an den Bedürfnissen der Menschen. Durch den Einsatz edler Materialien war das neue Wohnen sinnlich. Aber der Anspruch verschwand, mit dem Zuhause den gesellschaftlichen Status zu repräsentieren.

Haus Lange und Haus Esters

Haus Esters in Krefeld: Revolutionär zu seiner Zeit, jetzt Inspirationsquelle für neue Wohnformen. © Sparkasse

Diese Aspekte zeigen sich sehr anschaulich in Haus Esters und Haus Lange in Krefeld. Das Ensemble gilt als beispielhaft für das Bauhaus: "Stararchitekt Ludwig Mies van der Rohe hatte die benachbarten Gebäude entworfen. Sie zeugen von seiner Bestrebung, eine neue Raumauffassung mit der Alltagstauglichkeit von Wohnhäusern zu vereinen. Klare rechtwinklige Formen treffen dabei auf offene Raumfolgen und große Fenster, die das Innere mit den Gartenanlagen verbinden – so können sie zu Recht als Ikonen des Neuen Bauens bezeichnet werden", so die Direktorin der Kunstmuseen Krefeld.

Zahlreiche Stahlträger unterstützen die Konstruktion der Villen, die äußeren Backsteine haben keine tragende Funktion. So gab das Stahlträgergerüst dem Architekten die Möglichkeit, Wände relativ frei zu setzen und große Fensteröffnungen zu schaffen. Ludwig Mies van der Rohe war selbst gelernter Maurer, und die Außenfassade nimmt Bezug auf das traditionelle Handwerk.

Jedes Schlafzimmer hat ein eigenes Badezimmer. "Selbst die Kinderzimmer", betont die Direktorin. "Dieser Hygieneaspekt war neu und ein wesentlicher Fortschritt jener Zeit."

Renaissance von Furcht und Faszination

Die Situation heute ist in vielfacher Hinsicht vergleichbar mit der vor 100 Jahren: Es herrscht Wohnungsnot und Mietwucher bereitet den Menschen Sorgen. Viele fragen sich, wie sie in Zukunft leben wollen und können. Denn Wohnraum wird immer teurer und knapper.

Während 1950 rund 25 Prozent der weltweiten Bevölkerung in Großstädten lebten, wird dieser Prozentsatz nach Schätzung der Vereinten Nationen bis 2050 auf 70 Prozent anwachsen. Das sind 6,4 Milliarden Menschen. Architekten, Zukunftsforscher und Stadtplaner sind sich einig: Landflucht, Digitalisierung und Globalisierung werden das Leben der Zukunft prägen.

So wie die Maschine vor einhundert Jahren Furcht und Faszination auslöste, gilt das heute vor allem für die Digitalisierung. Einerseits nutzen die Menschen sie begeistert. Andererseits haben viele von ihnen Angst, dass die Neuerungen ihnen die Arbeit streitig machen. So erlebt die Mischung aus Furcht und Faszination des frühen 20. Jahrhunderts eine Renaissance.

Bauhaus 4.0

Auf der Suche nach Lösungen bietet sich daher der Blick zurück in die Vergangenheit an. "Vom Bauhaus zu lernen heißt zwar nicht, die Bauhaus-Formen zu kopieren", betont Baudin. "Aber so wie die Protagonisten des Bauhauses vor 100 Jahren auf die gesellschaftlichen Entwicklungen reagierten, empfiehlt es sich auch heute wieder."

Die Gebäude orientierten sich damals an einem Gesellschaftssystem, das auf der traditionellen Familie basierte: Eltern, Kinder und Großeltern lebten oft ein Leben lang zusammen in derselben Wohnung. Dieses Modell ist überholt. Heute leben viele Menschen allein, die Familie besteht maximal aus Eltern und Kindern. Die Wenigsten verbringen ihr ganzes Leben in nur einer Wohnung. Umzüge gehören zur Biografie des modernen Menschen.

Es ist wichtig, dieser Mobilität gerecht zu werden: "Die Anzahl der Arbeitsnomaden hat sich vervielfacht", so Katia Baudin. "Spannend sind daher die Wohnmodelle, die ihnen die Chance auf ein Zuhause ganz ihrem Lebensstil entsprechend bieten, im Idealfall aus nachhaltigen Ressourcen." Auch hierbei sollte die Form der Funktionalität folgen.

Wohnen von Morgen

Das thematisiert auch das Bauhaus-Museum Weimar. Die Einrichtung des neuen Ausstellungskapitels "Der neue Alltag" haben die Sparkasse Mittelthüringen, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und die SV Sparkassen-Versicherung unterstützt. Darin geht es auch um das Musterhaus am Horn in Weimar, das erste Versuchs-Gebäude im Bauhausstil.

Die Ausstellung "Anders Wohnen", die die Kunstmuseen Krefeld anlässlich des Bauhaus-Jubiläums initiiert haben, hat die Frage nach dem Wohnen der Zukunft aufgegriffen. Internationale Künstler, Architekten und Designer haben dazu neue Werke geschaffen.

"Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen haben sie alternative, teils utopische, teils dystopische Wohn- und Lebensmodelle entwickelt", so Katia Baudin. Unsere Gesellschaft biete reichlich Nahrung für eine kritisch-reflektierende Haltung: von der Ausbeutung der Ressourcen über den Klimawandel bis hin zu Überbevölkerung, Wohnungsnot und Digitalisierung.

"Unsere Absicht ist es, möglichst viele Bürgerinnen und Bürger anzusprechen. Nur so werden wir diesem Thema gerecht", betont die Direktorin. "Denn das Wohnen von Morgen geht alle Menschen an."


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