Er weiß, wie sich das anfühlt, ausgeschlossen zu sein. Was das mit einem macht, wenn man einfach nicht dazugehört – egal wie sehr man sich anstrengt. "Schon im Kindergarten ließen mich die anderen Kinder nicht mitspielen, weil ich anders aussah als sie", erinnert sich Dennis Kirschbaum, der in der ehemaligen DDR geboren ist, in Berlin-Mitte.

Als Gewinner-Typ in der Verlierer-Schublade

Der 29-Jährige studiert heute Ethik und Politik auf Lehramt, arbeitet ehrenamtlich als Anti-Rassismus-Trainer und lebt im Berliner Stadtteil Wedding. Seine Geschichte ist die eines Anti-Helden, der mutig und stark ist – allen Widerständen zum Trotz. Ein Gewinner-Typ, den die Gesellschaft immer wieder in die Verlierer-Schublade stecken möchte. Denn die Erfahrung, nicht dazuzugehören, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Als Dennis nach seinem Abitur in einem Berliner Supermarkt jobbte, um sein Studium zu finanzieren und ein Namensschild trug, während er die Regale einräumte, kam ein Kunde und sagte "Kirschbaum heißen sie? Sie sind ein Jude, euch sollte man umbringen".

Als er anfing zu studieren, sagte ein Kommilitone zwei Plätze weiter im Hörsaal plötzlich zu ihm: "So wie du aussiehst und so wie du deinen Bart stutzt, bist du eindeutig ein Salafist." 

"Ich habe immer das Gefühl, mehr als andere machen zu müssen", sagt er. Trotzdem lässt er sich nicht entmutigen. Mehr noch: Er macht er anderen Mut. Wie auf der Z2X-Konferenz an einem heißen Septembertag in Berlin.

Als Dennis, der auch Slam Poet ist, vor hunderten Visionären sein Gedicht vorträgt, nicken die jungen Menschen im Takt seiner Worte.

"Gemeinschaft kommt nicht von allein,
Gemeinschaft kommt von schaffen
Darum lass uns gemeinsam aufraffen."

© Reinaldo Coddou

Dennis rafft sich auf. Jeden Tag aufs Neue. Er engagiert sich seit über zehn Jahren ehrenamtlich für andere und trotzdem stößt er immer wieder auf Vorurteile. So wie im Winter vor zwei Jahren, als der islamistische Terrorist Anis Amri einen Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt verübte und zwölf Menschen tötete.

Dennis erinnert sich genau an den Abend: "Ich bin ausgebildeter Seelsorger, und als ich in den Nachrichten von dem Anschlag hörte, fuhr ich sofort hin und war einer der ersten Ersthelfer vor Ort." Er erzählt mit ruhiger Stimme, seine Enttäuschung schwingt trotzdem mit. "Nach meinem spontanen Einsatz sollten mein Kollege und ich noch als Seelsorger zu den Feuerwehrmännern fahren, die all das Leid gesehen hatten. Mein offensichtlich deutscher Kollege und ich stiegen ins Taxi, der Fahrer sah mich wohl nicht auf der Rückbank Platz nehmen, er begann sofort mit einer Hasstirade, dass er den nächsten Moslem, den er auf der Straße sieht, sofort totfahren wolle. Das war sehr verletzend."

Dennis ist vor 13 Jahren zum Islam konvertiert. "Meine Eltern haben das nie verstanden, sie sind Atheisten – typisch für die DDR –, doch ich fand die Religion schon immer spannend und habe mich da sehr zu Hause gefühlt."

Starke Stimme der jungen Muslime

Heute ist er zu einer starken Stimme der jungen Muslime in Deutschland geworden. Er ist Vorstandsvorsitzender des Vereins JUMA. Die Abkürzung steht für jung, muslimisch, aktiv und ist inzwischen der größte deutschlandweit agierende muslimische Jugendverein, der klassische Jugendarbeit leistet, verbandsunabhängig ist und ohne religiös bekennende Angebote.

Derzeit baut Dennis Kirschbaum neben seinem Studium ehrenamtlich Regionalverbände in Baden-Württemberg aus – dort gibt es schon sieben. In Sachsen und Hessen baut er sie auf, da gibt es noch keine. 2019 wurde er dafür vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement zum Botschafter für Junges Engagement ernannt.

Mutmacher fürs Miteinander

Wer verstehen will, wie aus dem dauernd Ausgeschlossenen der dauernd eingeladene, gern gebuchte Redner geworden ist, muss ihn erleben, wenn er mit Jugendlichen arbeitet, wie er als "i,Slam"-Poet seine Zuhörer begeistert oder wie er die jungen Visionäre auf der Z2X-Konferenz herausfordert. i,Slam war ursprünglich die muslimische Version des Poetry Slam, also ein Dichter*innenwettstreit, bei welchem junge Wortkünstler*innen selbst verfasste Texte auf einer Bühne performen und um die Gunst des Publikums dichten.

© Reinaldo Coddou

Dort bietet er einen Betzavta-Workshop an. Das Programm wurde 1988 in Jerusalem entwickelt, hat das Ziel, die Erziehung zur Demokratie in Israel zu fördern. Dennis ist ausgebildeter Betzavta-Trainer. Bei einer Übung geht es um die Dynamik, die in einer Gruppe entsteht, wenn sie sich selber Regeln geben soll, die für alle gelten.

Dennis schweigt, als die Teilnehmer miteinander ringen, dann bestimmt er plötzlich die Regel, laut Helene Fischer zu hören. Die Teilnehmer sind entsetzt, trauen sich dann aber, eine neue Regel aufzustellen. "Wir mögen keine Helene Fischer, also schalten wir den Lautsprecher aus", sagt Ben, ein 26-jähriger angehender Lehrer aus Berlin. Neben ihm sitzt Till, der nun aufsteht und die Musik ausschaltet.

Dennis lacht zufrieden. Er beobachtet genau und analysiert. "Ich mache diese Übung oft in Schulen in Kreuzberg, und glaubt mir, da hat sich noch keiner getraut, mir meine Musik auszumachen", lobt er.

Momente wie diese sind es, die ihn antreiben. Wenn er Menschen die Augen öffnet, sensibler füreinander und für Gruppendynamiken zu werden. Wenn er sie für das Miteinander gewinnen kann.

© Reinaldo Coddou

Seine Augen strahlen als er davon spricht, was ihn motiviert. "Kürzlich habe ich mit palästinensischen Kids in einem Jugendtreff in Neukölln gearbeitet. Die berichteten mir davon, dass sie nach unserem gemeinsamen Workshop jetzt jüdische Freunde im Kiez haben. Das ist so eine schöne Geschichte. Das gibt mir sehr viel."

Regelmäßig reist er mit Jugendgruppen nach Israel, um die verbindenden Gemeinsamkeiten zu betonen, nicht die Unterschiede. Dann sagt er einen typischen-Dennis-Kirschbaum-Satz: "Ich habe einen deutschen, jüdischen und islamischen Namen. Ich hasse mich quasi selbst." Als Dennis zum Islam konvertierte, suchte er sich seinen Zweitnamen Sadik aus. "Der Treue und Loyale" heißt das übersetzt in Deutsche. Seine Worte wirken. Man nimmt sie ihm ab, wie er da steht mit der kurzen Jeans, dem über dem Bauch spannenden T-Shirt, den schwarzen Turnschuhen und der schwarzen Bauchtasche. Auf der steht "Habibi Berlin". Der arabische Ausdruck "Habibi" bedeutet auf Deutsch so viel wie "Mein Schatz". Ein Kumpel habe diese Marke gegründet, erzählt er, deshalb trage er sie gerne.

Sich treu zu bleiben und sich nicht zu verstellen, darum geht es Dennis im Alltag. Und auch bei seiner ehrenamtlichen Arbeit. "Ich lasse mir Zeit mit meinem Studium. Ein Lehrer braucht graue Haare, das hilft bei der Autorität", sagt er und fährt sich lachend durch seine schwarzen.

Dieses Leben als Stimme der jungen Muslime, das gefällt ihm. Es ist die Rolle seines Lebens. "Ich war oft genug Opfer von Rassismus, um zu wissen, wie sich das anfühlt. Das hilft, wenn ich mit Jugendlichen spreche, die selbst betroffen sind."


Zurück zur Übersicht