Ihren größten Auftritt hatte die kleinste Gemeinde des Landkreises Herfords wohl, als der Viertligist SV Rödinghausen den FC Bayern München im DFB-Pokal empfing. Immerhin ein Tor gelang dem Außenseiter gegen den Rekordmeister. Endstand 2:1 für Bayern. Das war im Herbst 2018.

Zwar wurde die Gemeinde Rödinghausen schon im Mittelalter urkundlich erwähnt, findet seither aber nur wenig statt im allgemeinen Weltgeschehen. Siegfried Lux stört das nicht. Er ist einer, der gerne am Südhang des Wiehengebirges im hügeligen Ravensberger Land lebt. Doch Menschen von seinem Schlag gab es immer weniger. Die Gemeinde litt unter Landflucht.

Gemeinsam – miteinander bauen und leben

"Viele junge Menschen hatten hier keine berufliche Zukunft", erinnert sich Lux, der bei der Sparkasse im 25 Kilometer entfernten Herford arbeitet. "Also zogen sie weg." Dagegen wollte Lux etwa tun und gründete 2011 zusammen mit anderen Bürgerinnen und Bürgern eine Werbe-und Aktionsgemeinschaft: die WAGE Rödinghausen.

Siegfried Lux, Sparkassenmitarbeiter und Mitbegründer der Werbe- und Aktionsgemeinschaft: die WAGE Rödinghausen. © Privat

Stabilisierung und Verjüngung

"Unser Ziel war klar: Wir brauchten Zukunftskonzepte, um wieder attraktiver zu werden. Stabilisierung und Verjüngung hießen die wichtigsten Stichworte", sagt Lux. "Dabei waren wir überzeugt, dass das nur gelingt, wenn wir gemeinsam etwas tun."

Also brachte die WAGE alle zusammen: die Rödinghausener Unternehmen und das Gewerbe, die Bürger und die Vereine. "Wir machten zuerst nichts anderes, als die Menschen miteinander zu vernetzen", sagt Lux. "Wir führten sie, aber auch ihre Kompetenzen, zusammen."

Neuer Betreiber für den Frischemarkt gefunden

Viel Arbeit war das in den ersten Jahren, oft auch Überzeugungsarbeit. Aber dank ihres Einsatzes und der Zusammenarbeit mit der kommunalen Verwaltung hatte die WAGE bald Erfolg – nachhaltig: Es gelang ihr zuerst, einen Betreiber für einen Frischemarkt im Ort zu finden. Der einzige Lebensmittelmarkt in Rödinghausen hatte zuvor geschlossen.

"Nach dem Frischemarkt siedelten sich mit unserer Unterstützung zuerst acht Existenzgründer hier an", sagt Lux. Die kamen aus den unterschiedlichsten Branchen: von IT über Sanitär/ Heizung bis hin zu Garten- und Landschaftstechnik. "Später folgten weitere Unternehmen."

Online und offline präsent

Auf einen Blick: Das westfälische Rödinghausen ist die kleinste Gemeinde im Kreis Herford. © Sparkasse

Mit der Stärkung der Wirtschaft vor Ort stieg auch die Anzahl der Einwohner wieder. "Mit 10.000 Einwohnern sind wir zwar immer noch die kleinste Gemeinde im Kreis Herford. Aber wir haben den Tiefstand überwunden: Viele junge Familien sind in den vergangenen Jahren hergezogen", sagt Lux und freut sich.

Die Stärkung der Wirtschaftskraft sei wesentlich – aber nur ein Eckpfeiler des Engagements. Ein weiterer wichtiger Punkt sei ein Ort des Miteinanders, an dem sich die Menschen, Vereine und Unternehmen treffen, vorstellen und austauschen können – online wie offline.

"Das gilt für die reale genauso wie für die virtuelle Welt", sagt Lux. "Auf unserer Internetseite sind alle versammelt: von den Vereinen und Veranstaltern über die Presse bis hin zu Handel und Handwerk. Wer etwas über Rödinghausen wissen möchte, wird bei uns fündig. Das bindet Anbieter genauso wie Suchende."

Pflicht und Kür

Doch ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt sei mindestens ebenso wichtig wie Wirtschaft und gemeinsame Räume: die Lebensqualität, betont der WAGE-Mitbegründer.

"Wir haben von Anfang an viel Wert daraufgelegt, unseren Ort für Einheimische, Menschen aus dem Umland und unsere Kurgäste interessant und abwechslungsreich zu gestalten."

Dieses Konzept ist aufgegangen. Mit Konzerten und Kino, Märkten und Vortragsreihen finden auch dank der WAGE das ganze Jahr über Veranstaltungen in Rödinghausen statt. Neue Cafés und Restaurants haben eröffnet, und die Menschen genießen das Leben in ihrer kleinen Gemeinde.

Junge Helfer gesucht

"WAGE weiss WAS!": Anfang Januar 2019 startete die WAGE Rödinghausen diese Vortragsreihe. © Sparkasse

Ein wichtiger Faktor für den Erfolg der WAGE ist die Hilfe treuer Unterstützer: "Von Anfang an konnten wir auf die Sparkasse Herford zählen. Viele unserer Veranstaltungen finden statt, weil sie uns fördert", betont Lux.

Dabei beschränke sich die Unterstützung nicht allein auf die finanzielle Hilfe des Instituts. "Einige meiner Kolleginnen und Kollegen möchten sich ehrenamtlich engagieren. Das tun sie, indem sie der WAGE in ihrer Freizeit helfen."

Dieser Einsatz ist wesentlich: "Wir brauchen Menschen, die sich engagieren, und wir brauchen ihre Ideen", so Lux. Das gelte auch und besonders für die junge Generation.

Daher freut er sich, dass immer mehr jüngere Menschen bei der WAGE mitmachen: Fast achtzig aktive Mitglieder zählt sie nun. "Die junge Generation hat erkannt, dass unsere Heimat erst dann eine Zukunft hat, wenn alle dazu beitragen, dass sich das Bleiben lohnt."

Diese sieben Dinge helfen Kommunen für ihre Zukunft – der WAGE-Mitbegründer Siegfried Lux gibt Tipps:

1. "Über den Zaun schauen" – Es hilft immer, sich bei anderen Kommunen über erfolgreiche Konzepte zu informieren. Man muss das Rad nicht immer wieder neu erfinden.

2. "Gemeinsam gestalten" – Egal, ob es um Veranstaltungen, Infrastruktur oder das Internet geht: Wenn alle ihre Stärken einbringen können, entsteht eine starke Gemeinschaft.

3. "Digital und analog" – Gemeinsames Engagement braucht gemeinsame Räume. Und: Das Angebot einer Aktionsgemeinschaft muss leicht zu finden sein im Ort und im Idealfall mit nur einem Klick online.

4. "Kurze Wege" – Das gilt für Unternehmen und Gewerbe genauso wie für die Verwaltung und die Menschen. Je einfacher man etwas umsetzen oder erreichen kann, desto besser.

5. "Leute abholen, wo sie sind" – Will man Menschen integrieren, muss man ihnen manchmal erst einmal ein Stück entgegen gehen.

6. "Einmal ist keinmal" – Nicht aufgeben: Viele Dinge benötigen mehr als einen Anlauf, damit sie funktionieren!

7. "Starke Helfer" – Für einen nachhaltigen Erfolg braucht es die Unterstützung verlässlicher Partner. Das können Lokalpolitiker, Journalisten, Sparkasse oder ansässige Firmen sein.


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