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Jonathan erntet Zuckerschoten, pflückt Tomaten und rupft Rucola. Der Dreijährige ist Stadtkind und trotzdem wird für ihn der Traum vom Landleben wahr. Denn Jonathans Kindergarten "Kleine Strolche" im Norden Hamburgs hat sich mit Nachbarn zusammengetan und beackert ein 2 400 Quadratmeter großes Außengelände. In ihrem Urban-Gardening-Projekt Fuhlsgarden wachsen neben Gemüsebeeten knubbelige Apfelbäume für die Bienen.

Urban Gardening: Naturoasen mit Tomaten – mitten in der Stadt

In den vergangenen Jahren ist jenseits von öffentlichen Parks und privaten Gärten das Grün in deutschen Großstädten vielfältiger geworden: Menschen haben sich zu privaten Initiativen zusammengeschlossen. Auf Verkehrsinseln und Parkplätzen, in Hinterhöfen und auf Parkhausdächern haben sie gemeinsam grüne Oasen erschaffen.

Dort gedeihen neben Gras, Blumen und Büschen auch Kräuter, Gemüse und Obst. Anstatt alles in den Supermärkten zu kaufen, ziehen die Menschen mit Spitzhacke und Gießkanne los, säen Samen und pflanzen Setzlinge. So kommt ein Teil ihres Essens aus dem Gemeinschaftsbeet – mit den eigenen Händen geerntet. Urban Gardening heißt der Trend aus den USA: Städtisches Gärtnern. Manchmal stehen in den Stadtgärten auch Bienenstöcke. Es gibt sogar den ein oder anderen Hühnerstall. Viele dieser grünen Nutzflächen bieten gute Gelegenheiten, um andere Menschen zu treffen. Sie sind ein Ort der Gemeinschaft. Und: Wo sonst Sauerstoff verbraucht wird, wird er hier produziert.

Städtisches Gärtnern ist Trend

Doch nicht nur in Großstädten engagieren sich kleine und große Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner. Auch in Göttingen, Fulda und Leipzig erschaffen Menschen grüne Inseln im urbanen Dschungel, auf denen Blumen und Nutzpflanzen wachsen.

Vertical Gardening: Senkrechte Gartenkunstwerke

Garten im Hochformat: Begrünte Fassaden sind schön – und sorgen auch für frische Luft. © Sparkasse

Eine andere Zauberformel für mehr Grün in den Städten lautet "Vertical Gardening": vertikale Gärten. Dieser Trend der Urban-Gardening-Szene stammt von dem Franzosen Patrick Blanc. Der Botaniker ist mittlerweile ein weltweit gefragter Experte für senkrechte Gartenkunstwerke.

Nicht nur in Miami, Mailand oder Madrid – auch in Berlin lässt Blanc Kleingehölze, Gräser und Moose, exotische Blüten und Blätter sowie Farne in üppiger Fülle die Wände hochgehen. Er empfiehlt, heimische wind- und wetterfeste Pflanzen zu wählen. In Deutschland sind das Zwergkoniferen, Gräser, Moos, aber auch Staudengewächse.

Blumen zwischen Beton

Zwischen Hochhäusern, Asphalt und Beton blühen Bohnen und Blumen. So auch mitten in der Hauptstadt: Auf dem stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof steht eine der größten Hochbeetanlagen der Welt. Im Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor können Freiwillige auf dem Tempelhofer Feld gemeinsam gärtnern.

Und am Moritzplatz in Berlin Kreuzberg liegt Deutschlands bekanntestes Urban-Gardening-Projekt. Im Prinzessinnengarten wachsen auf 5 800 Quadratmetern Fläche 500 verschiedene Gemüse- und Kräutersorten in Hochbeeten und Reissäcken. So verwandeln sie den Ort in eine grüne Oase mitten in der Stadt.

Doch der Mietvertrag läuft 2020 aus. Muss das Vorzeige-Projekt einem Neubau für Büros, Gewerbe und Gastronomie weichen? Mehr als 100 solcher Gemeinschaftsgärten gibt es in Berlin – aber etliche davon sind, wie der Prinzessinnengarten, akut von Vertreibung bedroht.

Grünes Manifest

"Die Stadt ist unser Garten", fordern deshalb Aktivisten der Bewegung, die graue Städte in blühende Gärten verwandeln. 185 Urban Gardening-Projekte sind Unterstützer des Manifests. Sie fordern, dass Gemeinschaftsgärten dauerhaft Wurzeln schlagen dürfen. Denn nicht nur in Berlin, auch in anderen deutschen Städten haben viele Projekte kurzfristige Mietverträge.

Bee Berlin: Bienenvölker in der Hauptstadt

Es summt und brummt in der Hauptstadt – vor allem in den Bienenstöcken auf dem Dach der Berliner Sparkasse. © Berliner Sparkasse

In Berlin hat das Konzept des Urban Gardening trotz der Probleme im wahrsten Sinne des Wortes Flügel bekommen. Ein Projekt mitten auf dem Alexanderplatz im Bezirk Mitte ist besonders spannend: Seit 2015 haben auf dem Dach der Berliner Sparkasse 250.000 Bienen ein Zuhause gefunden. Damit unterstützt das Finanzinstitut die von der Stiftung für Mensch und Umwelt geschaffene Initiative "Berlin summt!".

Je nach Wetter können die Imker hier einhundert bis zweihundert Kilo Honig im Jahr abfüllen. Auch wenn es paradox klingt: In Parks und Gärten, auf den grünen Verkehrsinseln und Balkonen finden die Bienen mehr Nahrung als auf dem Land. Dort gibt es oft Monokulturen. Außerdem sind Parasiten und Pestizide in den Städten eine deutlich geringere Bedrohung.

Grüne Dächer und essbare Gärten

In der deutschen Finanzmetropole Frankfurt am Main wachsen noch keine senkrechten Gärten. Dafür entstehen immer mehr Urban-Gardening-Projekte auf dem Asphalt – und an Zäunen.

Urban Gardening beweist: Raum für Blüten und Blätter ist selbst in der kleinsten Flasche. © Sparkasse

Im Stadtteil Ostend sprießen Pflanzen aus aufgeschnittenen Milchkartons, die an einem Metallzaun hängen. Diese Variante ist Teil des Projekts "Frankfurter Garten".

Unterdessen hat Hamburg sich in den vergangenen Jahren weltweit einen Namen mit seiner Gründach-Strategie gemacht. Die Hafenstadt fördert Grünflächen auf Gebäuden. Sie verbessern das Raum- und Stadtklima. Auch hier bevölkern Bienen die Dächer und schwärmen täglich aus, um Nektar und Pollen zu sammeln.

Auf dem Gartendeck auf St. Pauli sind Nachtschwärmer weniger Hobbygärtner dafür umso mehr willkommen. Dort warten 172 verschiedene Pflanzensorten und Bienenvölker auf fleißige Helferinnen und Helfer.

Eine neue Stadt ist pflanzbar

Im Kölner Neuland gestalten Bürgerinnen und Bürger ihre Stadt: Es erwächst ein mobiler Gemeinschaftsgarten zwischen den Stadtteilen Südstadt und Bayenthal auf einer ehemaligen Industriebrache. Neben Gemeinschaftsbeeten gibt es hier auch Beete, die von Schulklassen gepflegt werden. Auch in München wird gegärtnert. Im Rahmen des Projekts o`pflanzt is! gedeiht seit sechs Jahren grünes Glück und Gemeinschaftsgefühl. In diesem Urban Garden trifft man sich jeden Sonntag mitten in der Stadt, um ökologisch zu gärtnern und die Stadt zum Blühen zu bringen.

Die Gärten erobern die Städte: Sinkende Bevölkerungszahlen und der Rückbau von Wohneinheiten schaffen Platz für Urban Gardening © Sparkasse

In Dessau ist Urban Gardening eine kommunale Initiative: Die Bauhaus-Stadt überlässt ihren Bürgerinnen und Bürgern im Stadtteil Roßlau für zehn Jahre ein Fleckchen Erde als Pate – kostenlos. Dessau hat diese Flächen freigegeben, da sie für Investoren nicht interessant und für Landwirte zu klein sind.

Die Paten können ihre abgesteckten Gärten von 20 mal 20 Metern weitestgehend so gestalten, wie sie das möchten: So hat ein lokaler Imkerverein eine Bienenweide gepflanzt, ein Hobbygärtner lässt auf einer Geröllhalde Pionierpflanzen wuchern und eine Apothekerin kultiviert einen Heilkräutergarten.

So wie in Dessau, Hamburg, Frankfurt, München und Berlin vollzieht sich auch in vielen anderen deutschen Städten etwas ganz Grundlegendes: eine Umkehrung. Was die Städte Jahrzehnte lang getrennt haben, verbinden sie nun: Mensch und Natur.

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