© Reinaldo Coddou

In wie vielen Insta-Storys die Teilnehmer*innen des Betzavta-Workshops der Sparkasse auf der Z2X-Konferenz gelandet sind, haben sie nicht gezählt. Aufgefallen ist die Gruppe, die - an den Handgelenken mit Geschenkband aneinander gebunden - im Gänsemarsch über das Festival-Gelände tippelte, auf jeden Fall. Doch hinter der lustigen Aktion steht ein ernster Hintergrund.


Betzavta soll Nahostkonflikt lösen

Uki Maroshek-Klarman, Direktorin des Adam-Instituts für Demokratie und Frieden, entwickelte 1988 in Jerusalem die Friedens- und Demokratiepädagogik Betzavta. Ziel ist bis heute nichts Geringeres als den Nahostkonflikt zu lösen.

Das Konzept ist weltweit beliebt, weil es sich auf viele Lebensbereiche übertragen lässt. Grundlage ist die Idee, dass Konflikte auf unterschiedlichen Grundbedürfnissen beruhen. Diskussionen, Kompromisse und Mehrheitsentscheidungen seien nicht Pflicht für eine Demokratie. Zunächst sollte jeder auf sich gucken, was ihm wichtig ist, und die eigenen Bedürfnisse hinterfragen.

"Betzavta": Übersetzt ins Deutsche bedeutet das hebräische Miteinander. Wie schwierig es sein kann, miteinander einen Weg zu finden, mit dem alle gut leben können, wie schwierig die großen Fragen der Demokratie schon im Kleinen sein können, lässt sich wunderbar beobachten an der zusammengebundenen Truppe, die da tippelnd die Treppe nach draußen bezwingt, rein in die Berliner Septembersonne – weil eine der Workshop-Teilnehmer*innen Kaffeedurst hat.

Welche Regel soll für alle gelten?

Aber von vorne: Der ausgebildeter Betzavta-Trainer Dennis Kirschbaum (kurze Jeans, schwarze Turnschuhe und die in Berlin inzwischen obligatorische Bauchtasche) ist selbst mit 29 Jahren nicht viel älter als die zwölf Teilnehmer*innen beim #GemeinsamAllemGewachsen-Workshop. Kurze Vorstellungsrunde - und schon geht es los mit der ersten Übung.

"Jeder hat einen Stimmzettel, und ihr habt zehn Minuten Zeit. Vor wem dann die meisten Zettel liegen, der darf eine Regel bestimmen, die den restlichen Tag gilt", sagt Kirschbaum knapp. In einem Halbsatz setzt er nach, dass da noch ein Stapel Zettel in der Mitte des Stuhlkreises liege, da könne sich jeder bedienen. Sofort entwickelt sich eine Diskussionsdynamik.

Ben, 26, angehender Lehrer, schlägt vor: "Alle dürfen ausreden". Katharina, 27, die sich "gerne sozial engagiert", wünscht sich "wertschätzende Kommunikation". Plötzlich hagelt es viele Vorschläge, die drohen im Stimmengewirr unterzugehen. Darunter Sätze wie: "Keiner guckt aufs Handy". "Jeder kommt zu Wort". Und: "Was hier gesagt wird, behandeln wir vertraulich".

Anne, 20, rote Haare, Hipster-Brille, erwischt einen Moment der Stille: "Alle sollten die Möglichkeit haben zu reden." Zustimmendes Kopfnicken. Die ersten Stimmzettel werden an Anne weitergereicht. Das etwas planlose Geschachere um Aufmerksamkeit, Macht und Beliebtheit erinnert an die endlos wiederholte Gruppenarbeits-Atmosphäre in der achten Klasse, wo irgendwie immer der eine zum Sprecher der Gruppe benannt wird.

© Reinaldo Coddou

Bei Helene Fischer streikt die Gruppe

Anne scheint sich in ihrer Rolle ganz gut zu gefallen, sie sammelt Zettel ein. Gegenüber sitzt Zeinab. Sie hat noch nichts gesagt. Die 25-Jährige leitet den Bildungsbereich im Haus der Religionen in Bern, sie scheint vom Schlag Mensch zu sein, der "was sagt, wenn es was zu sagen gibt." Noch eine Minute. Der Vorschlag "Wir halten unser Ego klein" erntet nur allgemeines Grummeln. Plötzlich ergreift der Trainer das Wort. Er steht auf, schnappt sich den Stapel Zettel aus der Mitte des Kreises, den keiner angerührt hat, und bestimmt eine Regel.

Nämlich: "Wir hören jetzt Helene Fischer." Dennis Kirschbaum dreht die Musik voll auf und blickt in wütende Gesichter. Stöhnen. "Nein, das ist eine Regel, die wir nicht wollen" – da ist sich die Gemeinschaft plötzlich einig. Till, 27, geht zum Lautsprecher und lässt Helene Fischer verstummen.

"Das Volk ist aufgestanden, gut", lobt Kirschbaum die Gruppe und spiegelt dann das wirre Durcheinander der Ideen wider. "Habt ihr gemerkt, dass ihr von Anfang an nur aufs Ziel geguckt und gar nicht den Weg besprochen habt?", fragt er in die Runde. "Alle sind zu Wort gekommen", wirft einer ein. "Wirklich?", hakt der Trainer nach. Kopfschütteln. Schnell wird klar, dass die Teilnehmer*innen sich in ihrer vermeintlichen Akzeptanz für die Unterschiedlichkeit untereinander überschätzt haben.

"Mit Mehrheitsentscheidungen fühlen sich nicht per se alle wohl. Die Form von Beteiligung kann sehr unterschiedlich sein", fasst Kirschbaum zusammen, lässt alle mit Zetteln über Ergebnis und Prozess der Übung abstimmen. Wichtig beim Betzavta ist es, vorher nicht zu wissen, was mit der Übung bezweckt wird und das meist unbewusste Verhalten im Anschluss zu reflektieren. Nachdenkliches Nicken.

Schon geht es weiter mit der nächsten Übung. Kirschbaum teilt in zwei Gruppen ein und bittet alle, auf einen Zettel "drei Dinge, die ihr heute noch erledigen müsst" zu schreiben. Dann geht er mit einer Rolle Geschenkband und einer Schere im Stuhlkreis von einem zum anderen und lässt jeden bestimmen wie lang das Stück sein soll, das jeder sich abschneiden darf.

Überraschung: Viele Teilnehmer*innen entscheiden sich für ein kurzes Stück, einige mangels Alternative. Denn Katharina, eine der ersten, hatte sich üppig bedient. "Peinlich, ich nehme jetzt so viel, aber wer weiß wofür das ist", sagt sie. Immerhin mit rotem Kopf. Für Dafu, 26, der Sensorik und kognitive Psychologie studiert, bleibt nur noch ein kurzes Stück übrig.