In einem abgedunkelten Raum schreibt ein junger Mann mit seinen Fingern Sätze in die Luft. Ein anderer nutzt seinen Handteller als Schreibfläche. Wenige Meter entfernt hält ein Dritter ein iPhone in der Hand – auf dessen Bildschirm erscheinen die Schriftzüge seiner Kollegen, Wort für Wort.    
Was wie eine Science-Fiction-Filmszene wirkt, ist im Potsdamer Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik längst Alltag. IT-Forscher haben dort ein System entwickelt, mit dem sich Smartphones und Tablet-PCs auch dann bedienen lassen, wenn sie nicht in der Hand des Benutzers liegen, sondern in seiner Hosentasche, im Nachbarzimmer oder eben in einer Ecke des Plattner-Labors. Eine Tiefenkamera am Hemdknopf erfasst nahezu perfekt die Fingerbewegungen und überträgt sie drahtlos zum Endgerät. Dieses Beschriften von imaginären Oberflächen ist eine Spezialität der Brandenburger Universitätstochter. Und doch bekommt kaum einer etwas von dieser Fingerakrobatik mit. Dabei galt sie als faszinierende Zukunftsvision, seit Steven Spielbergs Blockbuster "Minority Report" vor elf Jahren ins Kino kam.

Das Silicon Valley an der Spree
Wer mit dem Leiter des Forschungslabors jedoch über seine Entdeckung spricht, der hört einem Mann zu, für den sein "Imaginäres Telefon" eigentlich schon fast wieder ein alter Hut ist. "Uns interessiert, wie wir in 10 oder 20 Jahren kommunizieren werden", sagt Professor Patrick Baudisch, Chef der Abteilung Human Computer Interaction. "Wir versuchen, Leuchttürme am Horizont aufzustellen." Solche Worte hört man selten in der Forschungsrepublik Deutschland. Auch den Anspruch, an einer Interaktion völlig ohne Geräte zu arbeiten, verortet man eher im Silicon Valley als in einem Flachbau vor Berlin. Aber laut Baudisch bilden wissenschaftliche Sensationen und der berlin-brandenburgische Ballungsraum keine Gegensätze mehr. Im Gegenteil: "An kaum einem Ort auf der Welt kann man derzeit so gut forschen wie hier", schwärmt er. Die Hauptstadt sei IT-Avantgarde geworden. 

Hightech kurbelt die Wirtschaft an
Tatsächlich hat sich in Berlin und Brandenburg einiges getan: Allein in Berlin erreicht die Wertschöpfung der gesamten Internetwirtschaft mittlerweile 4,2 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung und liegt damit fast gleichauf mit dem Tourismus. Alle 20 Stunden wird hier ein Internetunternehmen gegründet. Im gesamten Hightech-Bereich kommt die Metropole auf annähernd 2000 IT-Start-ups pro Jahr. Neben Internetgrößen wie dem Online-Versandhandel Zalando, dem Musikstreaming-Dienst Soundcloud oder Ebay Deutschland sind auch große Forschungseinrichtungen wie die Technische Universität, die Freie Universität, die Charité und eben das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam Gründe dafür, warum der Fokus der digitalen Welt auf die Spreegegend gerückt ist.