Forscherblick über den Tellerrand

Es war ein besonderer Augenblick für die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, als im Juni 2013 die Helmholtz-Gemeinschaft grünes Licht gab für die Ansiedlung eines Helmholtz-Instituts Erlangen-Nürnberg für Erneuerbare Energien. Jahrelang hatten sich Präsident Prof. Dr. Karl-Dieter Grüske sowie führende Wissenschaftler der Universität dafür starkgemacht – schließlich mit Erfolg. Ein idealer Standort vor allem für den Bereich Energieforschung sei die Region, befanden die Gutachter. Gerade in der Energieforschung hat sich die FAU längst einen Namen gemacht, sei es durch Paradeprojekte wie die Erforschung von Wasserstofftragenden Flüssigkeiten als Energiespeicher der Zukunft oder durch die Forschungsleistung des Exzellenzclusters für Material- und Prozessforschung EAM, in dem Forscher  völlig neuen Materialkombinationen und Strukturen auf der Spur sind. Beides  stellt nun die Basis dar für die Forschungen der Helmholtz- Wissenschaftler an erneuerbaren Energiesystemen – und bringt der FAU vier neue Professuren sowie zwei Nachwuchsgruppen.

Erfolge seit den 80er Jahren

Dass der Forschungsstandort Erlangen-Nürnberg für die großen Bundesforschungseinrichtungen wie die Fraunhofer-Gesellschaft, die  Helmholtz- Gemeinschaft oder die Max-Planck-Gesellschaft attraktiv ist, zeigte sich schon in den 1980er Jahren, als sich mit dem Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS und dem Fraunhofer-Institut für Integrierte Systeme und Bauelementetechnologie IISB zwei bedeutende Institute in Erlangen gründeten – und in Zusammenarbeit mit der FAU rasch für Furore sorgten. Das Audioformat MP3 haben Fraunhofer IIS und Uni hier gemeinsam entwickelt; heute widmen sich in den 2008 gegründeten International Audio Laboratories Erlangen (AudioLabs) gut 50 international renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem Forschungsfeld Audio und Multimedia. Gemeinsam mit dem Fraunhofer IISB deckt die FAU innerhalb der Nano- und Mikroelektronik und der Leistungselektronik die gesamte Kette von Grundlagenuntersuchungen über Prototypenerstellung bis hin zum Transfer in die industrielle Umsetzung ab. 

Dass damit das Ende der Fahnenstange in der Zusammenarbeit längst nicht erreicht ist, zeigt ein aktueller Beschluss der Fraunhofer-Gesellschaft: Ein "Nationales Leistungszentrum" will Fraunhofer am Standort Erlangen errichten; die beiden bereits dort ansässigen Institute sollen gemeinsam mit der FAU dafür die Plattform bilden. Kennzeichen der Nationalen Leistungszentren ist ein thematisches Profil mit Alleinstellung: exzellente Forschung auf nationaler und europäischer Ebene, verbunden mit Lehre, Aus- und Weiterbildung sowie engen Kontakten in die Wirtschaft für den Wissenstransfer.  Nötig ist eine starke Universität als Kern und eine hohe Fraunhofer-Dichte. Beides bietet der Standort Erlangen-Nürnberg – und soll daher neben Freiburg nun eines von zwei Pilotprojekten werden. Ziel ist eine gemeinsame Roadmap von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, die unter anderem die Innovationsfähigkeit kleinerer und mittlerer Unternehmen in der Region beflügelt.

Interdisziplinäre Erfolgsgeschichten

Ist die Rede von interdisziplinären Erfolgsgeschichten an der FAU, darf das Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts nicht vergessen werden. Gegründet in Erlangen im Jahr 2009, hat es in Kooperation mit der Universität eine Vielzahl bahnbrechender Forschungsergebnisse geliefert sowie der FAU zwei ihrer drei Alexander-von-Humboldt-Professuren eingebracht. Quellen für weißes Licht, die ein Vielfaches heller sind als Glühlampen, die Manipulation einzelner Photonen oder der kleinste Brennfleck der Welt – daran arbeiten die Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts. Sie wollen lernen, Licht in jeder Hinsicht zu kontrollieren: in Raum und Zeit, in der Polarisation und in seinen Quanteneigenschaften. Die Fertigkeiten, die sie dabei entwickeln, könnten unter anderem die Telekommunikation vereinfachen oder kompaktere Datenspeicher ermöglichen.

Großes Interesse der Industrie

Weil sich das Max-Planck-Institut in Erlangen rasant entwickelte, wuchsen auch der Platzbedarf und das Bedürfnis, noch näher an den Forschungspartner FAU angebunden zu sein. Die Konsequenz: Im Sommer 2013 wurde der Grundstein gelegt für einen neuen hochmodernen Forschungsbau, der direkt neben dem Gelände der Technischen Fakultät und der Physik angesiedelt ist. Wo sich so viel Forschungskraft auf engem Raum verdichtet, da bleibt das Interesse der Industrie nicht aus: Globale Konzerne wie Siemens, Adidas, MAN, Bosch oder Schäffler sind in der Region stark vertreten. Sie setzen auf den engen Austausch zwischen ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen und den Kompetenzbereichen der FAU, allen voran den Forschungsfeldern "Medizintechnik" mit dem Spitzencluster Medical Valley, "Neue Materialien" mit einem Exzellenzcluster, "Optik" mit einem Graduiertenkolleg aus der Exzellenzinitiative oder "Energietechnik " mit dem Energie Campus Nürnberg. Beide Seiten profitieren: durch den Austausch von Forschungskompetenz, aber auch durch den Brain Exchange. Die Unternehmen können sich für wissenscaftliche Fragestellungen der universitären Forschung bedienen, während Studierenden und Wissenschaftlern der Zugang zu einem weiteren internationalen Netzwerk offensteht. Das ist der eigentliche Wissenstransfer in die Industrie. 

Dass ein so aufgestellter Standort gute Leute aus aller Welt anzieht, beweisen nicht nur Wissenschaftler wie die beiden Alexander-von-Humboldt- Professoren Prof. Dr. Vahid Sandoghdar und Prof. Dr. Oskar Painter, die aus der Schweiz respektive aus Kalifornien den Weg nach Erlangen gewählt haben. Es zeigt sich auch in den vielen anderen Berufungsverhandlungen an der Universität. Erst kürzlich konnte die FAU einen hochbegehrten jungen Experimentalphysiker nach Erlangen holen, der den Ruf nicht zuletzt deshalb angenommen hat, weil seine Frau – selbst Theoretische Physikerin – auf dem starken regionalen Arbeitsmarkt eine qualifizierte Tätigkeit finden konnte: Sie arbeitet jetzt beim Fraunhofer IISB.