Lautes Rattern begleitet die Fahrt in die Tiefe. Halogenstrahler werfen kleine Lichtkegel in die Dunkelheit, die Luft wird mit jedem Meter modriger. Ein Stahlkorb bringt André Niemann und seine Kollegen 975 Meter unter die Erde. Dass ihn sein Beruf einmal unter Tage bringen würde, hätte der Professor für Wasserbau nie gedacht. Es ist ein kühler Wintertag im Februar 2011 und Niemanns erste Fahrt in eine Zeche. Viele weitere sollen in den nächsten Jahren folgen. Äußerlich unterscheiden sich die Wissenschaftler nicht von den anderen 4100 Kumpeln auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop. Sie tragen blaue Bergarbeiterhemden, darüber den weißen Arbeiteranzug. Die Zechen im Ruhrgebiet sind ein Auslaufmodell, für Niemann allerdings liegt in den Schächten die Zukunft: Mit unterirdischen Pumpspeicherkraftwerken will er gemeinsam mit seinem Team die Energiewende vorantreiben.

Alte Bergwerke werden zu riesigen Batterien
Der 43-Jährige lehrt an der Universität Duisburg-Essen (UDE) am Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft. Außerdem leitet er eine Gruppe von Forschern und Nachwuchswissenschaftlern, die zusammen mit dem Bergbaubetreiber RAG die Möglichkeiten unterirdischer Pumpspeicherkraftwerke auslotet. Derartige Kraftwerke dienen heute schon in Gebirgen als Energiespeicher: Wird viel Energie benötigt, wird das Wasser durch talwärts führende Rohre abgelassen. Dabei durchströmt es Turbinen, die die Energie in Elektrizität umwandeln. Ist Energie im Überfluss da, etwa weil Solar- und Windkraftanlagen gerade viel erzeugen, wird der Strom dazu verwendet, das Wasser wieder nach oben zu pumpen. Ein Energiespeicher also, der jederzeit abgerufen werden kann. Auf einer ehemaligen Zeche könnte oberirdisch ein Becken angelegt werden, das Wasser würde dann bei Bedarf in die tiefen Stollen geleitet. »Wir haben im Ruhrgebiet die tiefsten Bergwerke Europas mit einer Fallhöhe von bis zu 1300 Metern, also mehr als in den Gebirgen«, erklärt Professor Niemann. »Wir könnten so mit geringerer Wassermenge genauso viel Energie speichern wie die Pumpspeicherkraftwerke in den Alpen.« 200 bis 600 Megawatt könnten die unterirdischen Kraftwerke je nach Betriebszeiten an Leistung bringen – so viel wie ein ganzer Windpark. Mit ihrem Vorstoß, eine solche Technik auch in den alten Zechen anzuwenden, betreten die Forscher allerdings Neuland.