Tina S. geht bereits auf die 70 zu. Aber wie die meisten älteren Menschen im Jahr 2020 ist sie ständig unterwegs: Sie trifft Freunde, treibt Sport und geht in Konzerte. "Zum Glück unterstützt James ihren Alltag. Der virtuelle Butler erinnert sie an Verabredungen, stellt Video- Telefonate mit der Enkelin durch und liest ihr abends vor, was gleich im Fernseher kommt. Er weiß sogar, dass Tina Angst vor Spinnen hat, und würde ihr niemals den Horrorfilm "Arachnophobia" vorschlagen ", sagt Robert Gaßner. Der promovierte Psychologe arbeitet seit den Anfängen der HeimcomputerÄra, also seit Mitte der 1980er Jahre, in der interdisziplinären Technikfolgen- und Zukunftsforschung. Heute beschäftigt er sich beim Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin insbesondere mit der Frage, was sich die Menschen in Bezug auf die Entwicklung der Technik von der Zukunft wünschen.

Tina S. und der virtuelle Butler James sind Figuren aus einem von zwölf Zukunftsszenarios, die Gaßner zwischen 2002 und 2008 jeweils mit einem Team von Experten unterschiedlicher Fachrichtungen für das Bundesministerium für Bildung und Forschung entwickelt hat. Das Ministerium wollte mit diesen Visionen ergründen, welches gesellschaftlich relevante Forschungsfeld in Zukunft verstärkt untersucht werden muss und inwiefern Technik den Alltag künftig angenehmer, sicherer, gesünder und nachhaltiger gestalten kann. Die sehr bildhaft beschriebenen Szenarios umfassen Anwendungsfelder, die von Bionik und Biological Engineering über Lernwelten und Wissensprozesse bis hin zu Prävention, Sicherheit und Produktgestaltung reichen. Mit Visionen zur Technik speziell für ältere Menschen geht das Dutzend Zukunftsszenarien auch auf die Tatsachen ein, dass sich die Gesellschaft demografisch verändert, sie immer älter wird und gleichzeitig schrumpft. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Bevölkerung Deutschlands – Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zufolge – um rund sieben Millionen Menschen auf insgesamt 75 Millionen verringern. Ist derzeit knapp ein Viertel der Bevölkerung älter als 60 Jahre, werden es im Jahr 2020 bereits fast 30 Prozent sein. Die Entwicklung altersgerechter Assistenzsysteme, die es den Menschen erlauben, möglichst lange selbstständig in der eigenen Wohnung zu leben, ist eine Maßnahme, an deren Umsetzung Wissenschaftler in ganz Deutschland tüfteln.

Einige Ideen der Zukunftsszenarios sind heutzutage bereits prototypisch realisiert oder stehen kurz vor der Anwendung. Forscher in Berlin etwa konzipieren – Tinas Butler vergleichbar – sprechende Türen, die Besucher beim Eintreten begrüßen oder auf das Steckenlassen des Schlüssels aufmerksam machen. Ein intelligenter Garderobenspiegel gleicht die Kleidung mit den klimatischen Gegebenheiten ab und weist darauf hin, wenn Temperatur und Kleidung nicht übereinstimmen. Unter Vergesslichkeit leidenden Menschen würde auf diese Weise erspart, im Winter nur im Schlafanzug das Haus zu verlassen. Auch in der Küche sind, genau wie im Flur, intelligente Geräte verbaut: Sie liefern Rezeptvorschläge, regen Varianten von Mahlzeiten an und schlagen Alarm, bevor der Reis anbrennt oder die Milch überkocht. Dabei stellen sich die Instrumente im Laufe der Zeit auf die kulinarischen Vorlieben ihrer Nutzer ein – sie lernen dazu.

Die altersgerechten Assistenzsysteme fußen wie die Mehrzahl der gegenwärtigen technischen Innovationen auf einer Verschmelzung: der von digitaler und physischer Welt zu einem Internet der Dinge. Dieses Internet der Dinge ist ein zentraler Begriff des aktuellen Technologiediskurses und bedeutet, dass selbst einfache Gegenstände, wie etwa ein Toaster, mit dem Internet verbunden sein können. Diese smarten Objekte werden durch Programmierbarkeit, Speichervermögen, Sensoren und Kommunikationstechnik befähigt, selbstständig Informationen auszutauschen: Der Kühlschrank etwa bestellt online Milch nach. Ist es drinnen zu warm, öffnet sich ein Fenster, während sich parallel die selbst Heizung reguliert; und das Auto parkt alleine ein. Laut einer Schätzung des Netzwerkspezialisten Cisco soll es 2020 weltweit rund 50 Milliarden solcher intelligenten Geräte geben.

Schon heute sind in nahezu jedem Sportgeschäft Kleidungsstücke oder Accessoires mit eingebauter Sensorik erhältlich: Fitnessarmbänder zum Beispiel, die als Bewegungstracker dienen und erfassen, wie viele Schritte ihr Träger pro Tag zurücklegt. Die Anzahl der gezählten Kilometer erscheint auf einem Display, und via Bluetooth gehen die Daten an das Smartphone des Users, wo eine App die persönliche Statistik erstellt. 

Im fränkischen Erlangen haben Forscher ein Fitness-Shirt entwickelt. In dessen Trikotstoff sind Elektroden integriert, die die Herzaktivität des Trägers aufzeichnen. Ein elastisches Band um den Oberkörper nimmt zudem die Bewegung des Brustkorbs beim Atmen auf. Eine mit Druckknöpfen befestigte abnehmbare Elektronikeinheit digitalisiert diese Rohdaten und berechnet anhand von Algorithmen weitere Kennwerte wie Puls oder Atemfrequenz. Alle Daten gelangen per Funk zur Auswertung ein Smartphone oder an einen Computer. Die in Erfahrung gebrachten Parameter können Sportler – aber auch Senioren sowie Reha-Patienten – bei Sportübungen Rückmeldungen zu ihren Vitaldaten geben: Ist etwa der Puls hoch, während die Atemfrequenz und die Bewegungsaktivität niedrig sind, könnte dies auf Herzprobleme hinweisen.

Die Digitalisierung und Vernetzung der Dinge in allen Bereichen lässt riesige Datenmengen entstehen. Deren Vorhandensein sowie die Analyse und das Auswertung der Daten mittels Software und Algorithmen prägen seit einigen Jahren den Begriff Big Data. Als Rohstoff der Zukunft gehandelt, bergen diese Daten für Wissenschaft und Wirtschaft großes Potenzial. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, die Forschung zum intelligenten Umgang mit großen heterogenen Datenmengen in Deutschland gezielt zu unterstützen. Deshalb hat der Bund mit universitären und außeruniversitären Projektpartnern das Berlin Big Data Center (BBDC) gegründet sowie das Competence Center for Scalable Data Services and Solutions (ScaDS) in Leipzig. Beide Einrichtungen wollen neue Technologien entwickeln, mit denen sich die Datenfluten organisieren lassen.