Was ist sinnvoller, als einem Menschen zu helfen? Richtig: fast nichts. Doch die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind so schlecht, dass viele schon in der Ausbildung ihrem Beruf den Rücken zukehren. Das führt dazu, dass in vielen Krankenhäusern und Altersheimen in Deutschland Pflegekräfte fehlen. Wir haben mit Menschen gesprochen, die als Pfleger, Hebamme oder Arzt arbeiten – und resignieren. Als Letztes erzählt die Chirurgin Nele Klose aus Hamburg, warum sie ausgestiegen ist:

"Wie das Laken über den eben verstorbenen Patienten gezogen wird, sehe ich nicht – ich spreche dann schon mit den Angehörigen des Unfallopfers. Das zehnminütige Gespräch verschenkt das Krankenhaus ohne Vergütung, denn dafür gibt es keinen Code im Abrechnungssystem der Chirurgie. Für die 14 Notfall-Blutkonserven schon. Ein Kollege verschenkt danach noch mal sieben Minuten seiner Arbeitszeit und schickt für mich schon mal den nächsten Patienten zum Röntgen, damit ich mir einen Schluck Kaffee und eine kurze Atempause gönnen kann. Dann geht meine Nachtschicht in der Notaufnahme weiter, noch zwölf Stunden mit 28 Patienten und einer Operation liegen vor mir. Zwischendurch ordne ich telefonisch ein Schmerzmittel an für "die Tumor-Schulter-Prothese von vor einer Woche", weil der Patient, ein junger Mann, sich unwohl fühlt – wie jeden Abend pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit. Klinikroutine.

Worüber ich nach solchen 24-Stunden-Schichten nachdachte? Nicht über den tödlichen Unfall. Auf solche Schicksale war ich seit meiner Ausbildung eingestellt. Nein, das Schmerzmittel ließ mich nicht los. Ich war sicher, nach der schlimmen Diagnose fürchtete der junge Patient um sein Leben. Was er gebraucht hätte, wäre ein klärendes Gespräch, das Ängste mindert und den Aufenthalt im Krankenhaus erträglicher macht. Was ich ihm lediglich geben konnte: eine Schmerztablette. So würde ich mit mit meinen Verwandten nie umgehen. Aber meine Zeit brauchten neue Patienten in der Notaufnahme eben noch viel dringlicher — mehr als das medizinische Minimum ging einfach nicht. Als Ausnahme ist das in Ordnung. Aber auf Dauer machte es für mich keinen Sinn.

"Im Medizinstudium hatte ich mir nicht vorgestellt, dass ich Menschen mit meiner Arbeit einmal so frustrieren würde."

In den ersten Monaten als Assistenzärztin im Jahr 2008 dachte ich noch: Wenn ich mit mehr Überblick schneller arbeite, dann schaffe ich es eines Tages, die Patienten so zu versorgen, wie sie es brauchen. Ich dachte, ich wäre einfach noch zu langsam und unerfahren. Aber in den ganzen Jahren beobachtete ich, dass alle Kollegen in der Chirurgie so unter Zeitdruck standen. Täglich sah ich, wie Ärzte den Patienten die Dinge so verkürzt und technisch erklären mussten, dass die Patienten die Risiken einer OP falsch oder gar nicht verstanden. Und auch Kollegen mit 30 Jahren Berufserfahrung hängen die Gespräche mit Angehörigen als Überstunden an ihren Arbeitstag dran. Jemand wie der junge Tumorpatient mit der Schulterprothese bekommt diesen Arbeitstakt im Krankenhaus natürlich mit. Wahrscheinlich erlebt er uns gestresste Ärzte als abweisend. Wenn er uns dann seine Fragen vor der Operation nicht stellt, ist er danach mit seinen Sorgen allein. Im Medizinstudium hatte ich mir nicht vorgestellt, dass ich Menschen mit meiner Arbeit einmal so frustrieren würde.

Angehende Ärzte lernen zwar, wie man Patienten wirklich betreut – aber ab dem ersten Tag im Krankenhaus fehlt ihnen die Zeit, das auch umzusetzen. Die fehlenden Gespräche sind nicht das einzige, was schlecht läuft. Zwar schafft es das hohe Engagement aller, das Schlimmste meistens zu verhindern. Aber die Gesundheit von Patienten und auch der Ärzte wird zunehmend gefährdet. Wie sehr wir am Limit arbeiten, allein schon in Hinblick auf die personelle Besetzung, wurde mir beim bundesweiten Streik 2010 klar. Alle Ärzte bis auf die absolut notwendige Mindestbesetzung sollten teilnehmen. Wir stellten erschüttert fest, dass wir jeden Tag gerade so diese Mindestbesetzung erfüllten – und das nur dann, wenn niemand krank war. Das Ergebnis: Keiner von uns ging streiken. Und wir haben auch sonst nichts weiter gegen die Situation unternommen. Die Notfall-Routine hatte uns fest im Griff.

"Ich hoffe, dass Ärzte langfristig keine Schmerztabletten mehr verteilen, wenn der Patient eigentlich Aufmerksamkeit braucht."

Kein Chirurg wird dafür bezahlt, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Aber mich ließen die Probleme außerhalb des Operationssaals einfach nicht los. Wenn ich sie nicht nur hinnehmen, sondern ernsthaft angehen wollte, brauchte ich einen anderen Weg, als er mir als Fachärztin für Chirurgie möglich war. Daher kündigte ich vor zwei Jahren meine Stelle. Zusätzlich zu der Ausbildung in Gesprächsführung, die ich bereits seit dem Studium verfolgte, absolvierte ich für diesen neuen Weg eine umfangreiche Ausbildung für Coaching und Organisationsentwicklung.

Heute helfe ich Menschen in Gesundheitsberufen und Krankenhäusern, die Missstände beseitigen wollen. In meinen Workshops sitzen zum Beispiel der Chefarzt und seine Mitarbeiter vor einer aktuellen Herausforderung. Je größer sie ist, umso schneller gären Konflikte. Spätestens dann entsteht Betriebsblindheit. Da hilft meine Erfahrung und die Perspektive von außen, damit wir gemeinsam Schwachstellen identifizieren — ob trotz allem eine neue Stelle geschaffen werden muss, regelmäßige Teamsitzungen auch zwischen den Berufsgruppen notwendig sind oder eine zusätzliche Schulung einer Fachkraft das Beste ist.

Und damit ziehe auch ich aus der Arbeit als Coach heute den Sinn und die Befriedigung, die ich als Assistenzärztin suchte. Denn ich kann so mehr ausrichten als innerhalb einer Klinik. Langfristig hoffe ich, dass damit in Zukunft nicht nur der eine junge Tumorpatient das Gespräch bekommt, sondern jeder, der es braucht. Und dass Ärzte keine Schmerztabletten mehr verteilen, wenn der Patient eigentlich Aufmerksamkeit braucht."

Bundesverfassungsgericht - Eine Chance für die Medizin Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass das Zulassungsverfahren für das Medizinstudium in Teilen unzulässig ist. Eine Chance für mehr Diversität, sagt unser Autor Jakob Simmank im Videokommentar. © Foto: ZEIT ONLINE