Als mir ein Kollege am ersten Arbeitstag zu meinem guten Deutsch gratuliert, würde ich am liebsten sagen: "Perfekte Deutschkenntnisse waren übrigens auch die Voraussetzung für diesen Job." Aber ich verkneife es mir und sage nur: "Danke, deutsch ist meine Muttersprache." Ich bin Freiberuflerin und sitze nur für ein paar Wochen hier, also was soll’s, denke ich mir und schaue wieder auf mein MacBook. Einfach ausblenden und weiterarbeiten, am besten mit Kopfhörern. Aber bevor ich die Kopfhörer herausgekramt habe, beginnt schon das Verhör:

"Kemi klingt aber nicht sehr deutsch. Woher kommst du denn ursprünglich?"
"Du meinst, wo ich geboren bin? In Wien."
"Du weißt schon, was ich meine. Wo hast du deinen exotischen Teint her?"
"Mein Name ist nigerianisch, falls du darauf hinauswillst."
"Aaaah, Nigeria – toll! Ich war letztes Jahr in Kapstadt. Wunderschön dort!"

Kapstadt ist sicher eine schöne Destination, aber da ich nicht bezahlt werde, um Urlaubsziele oder meinen Familienstammbaum zu besprechen, wird’s jetzt definitiv Zeit für die Kopfhörer. Doch der Kollege ist noch nicht fertig: "Also für mich als Surfer war es dort traumhaft, aber ich habe in Kapstadt auch zum ersten Mal Rassismus erlebt. Man spürt die Auswirkungen der Apartheid immer noch, die schwarze Bevölkerung hat’s dort wirklich nicht leicht. Zum Glück leben wir in einer liberalen Stadt, in der Rassismus keinen Platz hat."

Ein anderer Kollege steigt ins Gespräch ein. "Stimmt, wir haben’s wirklich gut hier. Wie schwarze Menschen in Ländern wie Südafrika oder Amerika behandelt werden … ganz schlimm! Ich verstehe so etwas einfach nicht. Für mich macht es überhaupt keinen Unterschied, ob jemand schwarz, weiß, rot, gelb oder grün ist." Es folgt ein enthusiastischer Austausch über die Offenheit und Toleranz in Deutschland, insbesondere in Berlin, gefolgt von der obligatorischen Frage an mich: "Wie schlimm ist es denn mit dem Rassismus in Österreich?" Ich antworte: "Österreich ist genauso rassistisch wie Deutschland." Dann setze ich mir endlich die Kopfhörer auf und blende die Unterhaltung genauso aus, wie meine beiden Kollegen Rassismus einfach aus ihrem Leben ausblenden können.

Wie ist es, die einzige schwarze Person im Büro zu sein?

Die größte Agentur, für die ich in Berlin gearbeitet habe, hatte 120 Mitarbeiter und davon war ich die einzige schwarze Kollegin. Ab und zu bin ich in Agenturen, in denen ich nicht die einzige bin, aber mehr als zwei schwarze Menschen einem Büro anzutreffen, ist eher der Ausnahmefall als die Regel.

Ab und zu werde ich gefragt, wie es ist, die einzige schwarze Person im Office zu sein, und die Antwort ist: Es kann sehr schnell unangenehm werden. Zuerst muss man natürlich die größte Hürde überwinden und eingestellt werden, aber das ist eine andere Geschichte. Wichtig ist dann vor allem, dass man nicht allein ist: Jeder braucht im Büro eine Person, deren Humor man teilt, der man Blicke zuwerfen kann, die keiner Worte bedürfen, und der man sich jederzeit anvertrauen kann, dann ist jeder Job okay. Wenn du schwarz bist, ist es von Vorteil, wenn diese Person noch dazu nicht rassistisch ist – nicht mal ein kleines bisschen. Es kann helfen, wenn diese Person auch einer Minderheit angehört, damit du zum Beispiel nicht mehr erklären musst, dass sich Diskriminierung und Rassismus nicht nur in Gewalt und Beschimpfungen äußern, sondern subtil sein können und auch in Form von spitzen Bemerkungen und schlechten Scherzen ihre hässlichen Gesichter zeigen.

Idealerweise findet diese Person es auch nicht besonders witzig, wenn dir der Kollege zur Begrüßung durch die Locken fährt und "Black Power!" ruft. Sie versteht, warum du dich unwohl fühlst, wenn das halbe Büro beim Refrain von Notorious B.I.G. lautstark das N-Wort mitsingt. Du brauchst die eine Person, die nicht denkt, dass man Dickmanns wieder umbenennen sollte, weil die "Political-Correctness-Polizei" einfach zu weit geht und mit dem Ändern rassistischer Bezeichnungen deutsches Kulturgut zerstört. Wenn diese Person dann auch noch bereit ist, sich für dich einzusetzen, wenn du mal nicht die Energie hast, um selbst zu diskutieren, dann ist es sogar okay, die einzige schwarze Person im ganzen Bezirk zu sein. Hast du diese eine Person aber nicht, dann können sich die Stunden im Büro ganz schön in die Länge ziehen.