Die Autorin dieses Textes möchte anonym bleiben.

Beim Abendessen sagt mein Vater: "Ich habe im Internet von dem Sexismusvorwurf gelesen. Harte Nummer." Er erzählt von dieser Veranstaltung der Deutsch-Indischen Gesellschaft am vergangenen Wochenende, bei der die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli als Rednerin eingeladen war und der Vorsitzende sich darüber freute, dass die Staatssekretärin eine so schöne Frau sei.

Meine Mutter ist unbeeindruckt und holt etwas aus der Küche. Mein Vater schimpft: "Jetzt hört mir doch mal zu."  

Ich bin stolz: Mein Vater ist ein guter Mann. Ihm ist es wichtig, uns diese Geschichte zu erzählen, er ist sogar empört. Eigentlich auch kein Wunder, er hat eine selbstbewusste 32-jährige Tochter, die gerade Karriere macht. Und eine emanzipierte, berufstätige Ehefrau. Ich freue mich, nach einem Termin gestern Abend zu Besuch bei meinen Eltern zu sein. Mein Vater sagt: "Und jetzt bekommt diese Staatssekretärin einen Shitstorm im Netz."

Meine Mutter hört halb zu: "Warum denn sie? Nicht eher der Mann?"

"Natürlich sie", sagt mein Vater. "Die Frau hat bei Facebook gepostet, dass sie zwar immer wieder Sexismus erlebt habe, aber so etwas sei ihr noch nie passiert. Ich finde es nicht in Ordnung, dass sie das öffentlich macht. Der Mann hatte das doch als Kompliment gemeint."

Mein Vater ist sehr einfühlsam, ich habe mit ihm schon viel über meine Arbeit gesprochen. Er ist mein wichtigster Berater, wenn ich Gehaltsverhandlungen führe – und ich bespreche auch mit ihm, wie ich mit Kollegen umgehe, die offenbar mehr von mir wollen. Mein Vater weiß auch, dass ich bei meinem ersten Job keine Röcke trug, weil mich die Blicke der Kollegen ekelten. 

Aber: Er ist 65 Jahre alt, er hat ein anderes Gefühl dafür, was sich gehört und was nicht. Seine Grenze zwischen Kompliment und Sexismus liegt woanders als meine. Als die Aufschrei-Debatte hochkochte, sagte er: "So was gibt es bei uns im Büro nicht." Da haben wir das erste Mal darüber gestritten. Sexismus gibt es überall – natürlich auch da, wo mein Vater arbeitet.

Während ich mir ein Stück Käse abschneide, sage ich: "Naja, für Komplimente gibt es richtige und falsche Momente. Das war der falsche Moment." 

Mein Vater: "Warum? Wenn die Frau schön ist, dann kann man das doch auch sagen, oder?"

Ich: "Papa, ich finde sie auch schön. Aber sie ist doch da beruflich, sie sollte eine Rede halten, in ihrer Rolle als Staatssekretärin. Im Club wäre so ein Kompliment okay und wahrscheinlich hätte sie sich auch gefreut, wenn ein Kumpel ihr ein Kompliment gemacht hätte."

Er: "Natürlich, aber sie macht sich doch für diese Veranstaltung hübsch, damit auch andere das sehen, dass sie hübsch ist."

Ich: "Nee, Papa, ich ziehe doch auch keine Röcke an, damit meine Kollegen auf meine Beine schauen. Sondern weil der Rock in Mode ist und ich das selbst schön finde."

Meine Mutter: "Ich habe früher auch sehr kurze Rücke getragen, erinnerst du dich? Das war auch nicht für die Kollegen. Oder heute: Meinst du, dass ich mich auch nur für einen einzigen Kollegen morgens hübsch mache und schminke?"