Lüge 4: Start-ups sind diverser als herkömmliche Arbeitgeber

Bei keinem der zwölf Start-ups gab es auch nur eine einzige weibliche CEO. Und auch sonst herrschte eine starre Rollenverteilung: Die Entwickler waren stets alle männlich, die PR-Abteilung weiblich. In Bereichen, in denen es mehr Männer gab, herrschte oft eine Machokultur. Ich finde es naiv zu glauben, dass in einem Unternehmen Frauen und Männer gleichberechtigt arbeiten, nur weil dort junge Menschen beschäftigt sind. In Start-ups fehlen außerdem oft Anlaufstellen, die Arbeitnehmer schützen wie ein Betriebsrat oder eine Frauenbeauftragte.

Lüge 5: Es lohnt sich, auf gute Bezahlung und Sicherheit zu verzichten, weil man in Start-ups schon als junger Mensch viel erreichen kann

Der längste Vertrag, der mir bei einem Start-up angeboten wurde, war für sechs Monate – und diese sechs Monate waren die Probezeit. Als ich anmerkte, dass ich bis zum Ende meines Vertrags innerhalb einer Woche gekündigt werden kann, guckte mich die Personalerin an, als sei ich eine kommunistische Gewerkschafterin. "Ich weiß nicht, was dein Problem ist", sagte sie. "Ich habe denselben Vertrag."

Ich verstehe, dass Menschen, die Start-ups gründen oder leiten, Risiken und Überstunden in Kauf nehmen müssen. Sie können viel gewinnen, wenn ihre Idee aufgeht. Aber es ist eine andere Sache, wenn ihre Angestellten unterbezahlt monotone Aufgaben erledigen und nicht einmal wissen, ob sie in einer Woche noch einen Arbeitsplatz haben. Von den zwölf Start-ups, für die ich frei und fest angestellt arbeitete, bezahlten mich nur drei so, dass ich davon gut leben konnte. Gleichzeitig lebt die Gründerszene von dem Image, dass hier jeder reich und erfolgreich werden kann, solange er gute Ideen hat und hart arbeitet. Doch die meisten hochqualifizierten und motivierten Menschen, die in Start-ups anheuern, machen keine steile Karriere. Ihre Beschäftigung endet meistens damit, dass ihr Unternehmen Insolvenz anmeldet oder verkauft wird. Was dir niemand im Vorstellungsgespräch erzählt: Etwa neun von zehn Start-ups gehen pleite.