Schnäppchenjäger, die sich gegenseitig niedertrampeln; zeltende Teenies auf Haupteinkaufsstraßen, rennende Menschen auf Kaufhaustreppen. In den USA sind solche Bilder Normalität am Black Friday, dem Aktionstag, der alljährlich das Weihnachtsgeschäft einläutet.

In Deutschland, wo Rabatte vor allem von Online-Anbietern vergeben werden, spielen sich am heutigen Black Friday ganz andere Szenen ab: Ein linkes Protestbündnis will am Berliner Kudamm-Karree ein Amazon-Lager blockieren, sich in die Zufahrtswege setzen und Transporter am Ausfahren hindern – Sand ins Getriebe eines Konzerns streuen, der in der Hauptstadt inzwischen die Lieferung innerhalb von wenigen Stunden verspricht. Die Aktivisten rufen zum "zivilen Ungehorsam" gegen das Internetunternehmen auf, auch Mitarbeiter sollen mit der Aktion sympathisieren. Das Motto: Make Amazon Pay. Die Flaggen, die der Versandhändler seit kurzem an dem Standort im Kudamm-Karree gehisst hat, machen die Demonstranten noch wütender: "Amazon Flex" steht darauf, der neueste Dienst des Konzerns. "Flex spitzt Amazons Betriebsphilosophie extrem zu", sagt Jonathan Schneider, Sprecher der Kampagne. "Die Beschäftigten werden immer weiter vereinzelt und durch die Technik überwacht und gesteuert."

Flex, das heißt: Privatleute sollen als Lieferpartner Amazon-Pakete zustellen. Ein Smartphone, ein Führerschein, ein eigenes Auto – mehr braucht es nicht, um sein "eigener Chef" zu sein, wie es auf der Flex-Seite heißt, über die sich seit etwa zwei Wochen auch in Deutschland Kuriere registrieren können. Es winke ein "attraktiver Verdienst". Arbeiten könne man, wann es einem passt, sodass einem genug Zeit bleibe, die eigenen "Ziele und Träume zu verwirklichen". Seit etwa zwei Wochen wirbt der Online-Händler in Deutschland so um Kuriere, erst einmal nur in Berlin, bald sollen aber weitere Städte folgen. Die ersten Fahrer seien bereits in der vergangenen Woche in der Hauptstadt für Amazon Flex unterwegs gewesen, sagt eine Unternehmenssprecherin. Wie viele genau, dazu schweigt Amazon und verweist auf die Erfahrungen in den USA, Großbritannien und Singapur, wo es den Dienst schon länger gibt. "Tausende Lieferpartner" fahren laut einer Unternehmenssprecherin allein in Großbritannien mit dem Privat-Pkw für den Internethändler durch die Innenstädte. Eine inoffizielle Facebook-Gruppe, in der sich Flexfahrer der Insel organisieren, zählt derzeit 3.800 Mitglieder; in der Facebook-Ortsgruppe für Los Angeles sind es 1.700.

Amazon dominiert den Online-Handel in Deutschland: 30 Prozent des Geschäfts laufen inzwischen über das Unternehmen. Die Paketzustellung nimmt der Netzkonzern dabei verstärkt in die eigene Hand. In München, Berlin und Nordrhein-Westfalen liefert Amazon teilweise selbst aus. An Tankstellen stellt Amazon Schließfächer auf, aus denen Kunden ihre Pakete abholen können – ein Angriff auf die Packstationen von DHL.

Die Uberisierung des Onlinehandels

Was der US-Konzern nun mit Flex auch in Deutschland anbietet, klingt, als hätte jemand die Arbeit der Fahrradkuriere, die für Deliveroo und Foodora Restaurantessen ausliefern, mit der der Uber-Fahrer gekreuzt. Alle drei Unternehmen stehen für ein neues Modell, bei dem die Beschäftigten ihre Anweisungen per App und Algorithmus bekommen und der Arbeitgeber, wie Kritiker anprangern, sich im digitalen Nebel aus der Verantwortung stiehlt. Ist Amazon Flex der nächste Schritt, um Mitarbeiter hierzulande in Miniunternehmer zu verwandeln, die auf eigene Rechnung arbeiten – und auf eigenes Risiko?

Lutz Kämmerer ist bei der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di in Berlin für die Logistik-Beschäftigten zuständig. Aus seiner Sicht droht Flex Arbeitsstandards in einer Branche auszuhöhlen, in der viele Menschen schon jetzt einen Knochenjob leisten. "Wir beobachten mit Argusaugen, was Amazon da macht", sagt er.

Stichpunkt Verdienst: Angestellte Zustellerinnen und Zusteller bekommen in Berlin, sofern ihr Unternehmen sich an den Tarifvertrag hält, derzeit 11,38 Euro brutto in der Stunde. Amazon bezahlt dagegen für eine auf vier Stunden angesetzte Liefertour pauschal 64 Euro – also 16 Euro pro Stunde. "Als faires Angebot würde ich das nicht bezeichnen", sagt Kämmerer. "Bei den Fahrern dürfte sehr viel weniger hängen bleiben." Die Selbstständigen müssen den Sprit für ihr Auto, die Kfz-Versicherung, die Reparaturen bezahlen. All dies betrachtet Amazon als abgegolten, die Fahrer sollen laut Unternehmen allerdings nach Abzug ihrer Kosten immerhin auf mindestens gut 10 Euro pro Stunde kommen.

Wenn viel im Internet bestellt wird wie jetzt kurz vor Weihnachten, können Fahrer auf viele Schichten hoffen

Flex-Fahrer aus den USA beklagen sich in einem Reddit-Forum darüber, dass die Touren mitunter sehr viel länger dauern als angepeilt. Manche geben Tipps, wie sich Zeit sparen lässt: Wenn niemand die Tür öffne, gehe er sofort wieder, berichtet ein Fahrer. Ein anderer erzählt, dass er eigene Lieferrouten berechne, wenn er den Eindruck habe, die App wolle ihn auf Umwege schicken. Oft habe man es aber schlicht nicht in der Hand, ob man mit der angesetzten Zeit hinkomme, meint ein Nutzer: Er habe kürzlich viereinhalb statt der vorgesehenen drei Stunden gebraucht, allein weil das Liefergebiet 30 Minuten vom Paketlager entfernt gewesen sei. "Das System weiß, wann wir einchecken und wann wir das letzte Paket fallen lassen," schreibt er und fragt: Warum bezahlt ein reiches Unternehmen wie Amazon die Fahrer dann nicht auch bis zur letzten Minute?

Stichwort Sicherheit: Amazon sagt den Flex-Fahrern keine feste Stundenanzahl zu – anders, als es zum Beispiel bei den Essenskurieren von Foodora üblich ist. Die Paketboten in Deutschland bewerben sich um eine Vier-Stunden-Schicht, im Amazon-Sprech: einen "Lieferblock". Auf der Internetseite heißt es allerdings: "Die verfügbaren Zustellblöcke können von Woche zu Woche schwanken und werden nicht garantiert." Eine Unternehmenssprecherin erklärt, Flex sei vor allem für "Volumensspitzen" gedacht. Das heißt: Wenn viel im Internet bestellt wird wie jetzt kurz vor Weihnachten, können die Fahrerinnen und Fahrer auf viele Schichten hoffen. Werden weniger Pakete verschickt, drohen sie schnell leer auszugehen. Wie viele Schichten gerade in ihrer Stadt verfügbar sind, ist ein Dauerthema in den Reddit-Gruppen der amerikanischen Flex-Fahrer. Einige nutzen bereits Apps, mit denen sie sich automatisch für Schichten registrieren können, damit andere ihnen nicht zuvorkommen können. Wenn jemand mit Flex seinen Lebensunterhalt zu verdienen sucht? Selbst schuld. "Es sollte nicht als Vollzeittätigkeit eingeplant werden", heißt es auf der Amazon-Seite für den deutschen Flex-Dienst.

Die Uberisierung der Paketbranche

Was Amazon probiert, klingt wie die Uberisierung der Paketbranche – und entsprechend viel Wirbel hat die Ankündigung des Internetriesen gemacht. Tatsächlich werden Tätigkeiten im Logistiksektor aber schon seit Jahren an Kleinunternehmer verlagert.

Etwa an Menschen wie Willi Hubersdorf (Name geändert). 23 Jahre lang fuhr er für eine große Versandfirma in einer mittelgroßen bayerischen Stadt Pakete aus, stellte eigene Leute ein, kaufte Sprinter, acht Stück insgesamt. Auf Hubersdorfs Fahrzeugen wiederum ließ der Logistikkonzern sein eigenes Logo anbringen. "Das war sogar vorgeschrieben", sagt Hubersdorf. "Ohne hätte ich gar nicht fahren dürfen."
150 bis 250 Sendungen lieferte der Subunternehmer mit seiner Mannschaft Tag für Tag aus. Bezahlt wurde er pro Paket, zum Schluss lag der Betrag bei 1,89 Euro – viel zu wenig, sagt Hubersdorf, seine Kosten seien mit den Jahren immer höher geworden. "Vielleicht hätte ich noch 400 bis 500 Euro im Monat sparen können, wenn ich statt Festangestellten selbstständige Fahrer genommen hätte", sagt er. "Aber dann hätte ich ständig hinterher sein müssen, damit die auch zuverlässig liefern. Den Stress wollte ich mir mit 61 Jahren nicht mehr antun."

Ein Bote mit Hermes-Shirt ist nicht immer ein Hermesbote

Unüblich ist eine solche Kette in der Branche nicht: Die Großen vergeben Aufträge an kleine Unternehmen vor Ort, die wiederum die Lieferungen von noch kleineren Unternehmen oder Ein-Personen-Betrieben ausfahren lassen. Wenn es an der Haustür klingelt, ist es für den Kunden heute oft kaum zu erkennen, ob der Paketbote bei dem großen Versandunternehmen selbst, bei einem Subunternehmer, einem Subsubunternehmer angestellt ist – oder gar nicht.

Das zeigt zum Beispiel ein Vertrag, den ein ehemaliges Hermes-Subunternehmen mit seinen Subunternehmern im vergangenen Jahr schloss und der ZEIT ONLINE vorliegt. Geregelt ist darin detailliert, dass auch die Selbstständigen der zweiten oder dritten Reihe noch wie Hermes-Boten auszusehen haben, die Kleidung gibt es vom Subunternehmen gegen Gebühr. "Der Auftragnehmer stellt sicher, dass er bzw. seine eingesetzten Erfüllungsgehilfen während der Zustell- und Abholtätigkeit anhand ihrer vollständigen Bekleidung und eines Namensschildes als Hermes Kurierdienst zu erkennen sind", steht in dem Vertrag. Bezahlt wird vom Subunternehmen an den Subsubunternehmer pro Lieferung: 90 Cent für unterschriftspflichtige Sendungen, 30 Cent für nicht unterschriftspflichtige Sendungen. Am Ende der Kette wird das Geld offenbar immer weniger.

Auch Amazon arbeitet in Berlin und München bereits an den großen Versandfirmen vorbei mit lokalen Subunternehmen zusammen – die die Aufträge wiederum an ihre Angestellten oder auch an selbstständige Fahrer weitergeben. Amazon beteuert, dass die Boten stets nach Zeit und nicht pro Paket bezahlt würden und mindestens 10 Euro in der Stunde erhielten. Mit Flex verkürzt der Internetkonzern diese Kette im Prinzip nur – und gießt eine längst laufende Entwicklung in der Logistikbranche in ein Programm fürs Smartphone. Die App teilt die Schichten zu, die App scannt die Pakete, wenn sie in der Lieferstation abgeholt werden, die App spuckt den Weg zum Kunden aus, die App gibt im Auto Navi-Anweisungen, die App listet den Verdienst unter dem Menü-Punkt "Gewinn" auf. Gewinner der Flexibilisierung des Lieferservices ist am Ende vor allem Amazon selbst. Für die Kampagne Make Amazon Pay ist die Liste an Forderungen mit der Einführung von Flex nur länger geworden.