41 Stunden im Büro. Dazu jeden Morgen 45 Minuten für den Weg hin und am Abend 45 Minuten für den Weg zurück. Macht mehr als 48 Stunden, Woche für Woche. Viel ist das, schlauchend, anstrengend, klagt eine Behördenmitarbeiterin in einem Internetforum. Lange schon hegt sie den Wunsch nach weniger Arbeit. 35 Stunden würden genügen, vielleicht sogar 30. Allein: Ihren Wunsch dem Arbeitgeber mitzuteilen, traut sie sich nicht. "Man erleidet dann sofort Nachteile."

Bei der Behörde, in der sie tätig ist, sei Teilzeit verpönt, klagt sie. Alle Abteilungen seien unterbesetzt; wer seine Stunden reduzieren will, ernte sofort schiefe Blicke der Kollegen.
Gut eine Million Erwerbstätige würden nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes gerne kürzer arbeiten – so wie die Mitarbeiterin der Behörde. Deutschland erlebt gerade eine neue Debatte über die Arbeitszeit, angefacht von der IG Metall, die mit der Forderung nach einer befristeten 28-Stunden-Woche in die Tarifverhandlungen zieht. Dass sie damit auf so viel Resonanz stößt, offenbart die tiefe Sehnsucht vieler Menschen, weniger Zeit im Büro oder in der Fabrik verbringen zu müssen

Gleichzeitig gibt es Millionen, die gerne mehr arbeiten würden, wenn man sie ließe: 2,7 Millionen Beschäftigte würden gerne häufiger ins Büro oder in die Fabrik kommen, meldete das Statistische Bundesamt im Jahr 2015. Rechnet man die Erwerbslosen hinzu, waren es sogar 5,7 Millionen Menschen. Die Zahlen variieren je nach Befragung stark; Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelten sogar, dass 5,3 Millionen Aufstockwillige in Deutschland 18 Millionen Menschen gegenüberstehen, die gern Arbeitszeit abgeben möchten. Für fast 73 Prozent der Beschäftigten passt nach dieser Berechnung das Stundenpensum nicht zu den eigenen Idealvorstellungen.

Großer Umverteilungsbedarf

Fest steht in jedem Fall: Was die Arbeitszeiten angeht, ist etwas aus dem Lot geraten in Deutschland. Und die eigentliche Frage ist dabei nicht unbedingt, ob wir alle weniger arbeiten sollten – sondern wie sich die Lücke schließen lässt zwischen denen, die schuften ohne Ende, und denen, die nicht in dem Umfang ihrer Tätigkeit nachgehen können, wie sie es gern wollten. "Der Umverteilungsbedarf ist da", sagt der Ökonom Gerhard Bosch von der Uni Duisburg, der das Thema seit Jahren erforscht.

"Schlecht bezahlte Minijobs sind inzwischen in die Kostenkalkulation ganzer Branchen eingemeißelt."
Gerhard Bosch, Ökonom an der Uni Duisburg

Mit den Arbeitszeiten haben sich auch die Einkommen auseinanderentwickelt, darauf weisen Boschs Berechnungen hin: In den ärmsten Haushalten ist die Arbeitszeit seit den 1990ern um fast 31 Prozent gesunken, in der Oberschicht ist das Pensum dagegen nur um 6,5 Prozent zurückgegangen. Und wer mehr arbeitet, hat am Monatsende auch mehr Geld. Nicht nur weil er oder sie auf mehr bezahlte Stunden kommt – sondern auch weil pro Arbeitsstunde mehr Gehalt abfällt. In Teilzeitjobs sind die Stundenlöhne im Schnitt um rund 18 Prozent niedriger als bei Vollzeitstellen.

Warum haben sich die Arbeitszeiten so sehr voneinander entfernt? Ökonom Bosch sieht vor allem einen Schuldigen: den Minijob. Gemeint sind damit Beschäftigungen, bei denen man durchschnittlich weniger als 450 Euro im Monat verdient. Für Arbeitnehmer sind sie steuer- und sozialversicherungsfrei. Sobald man die 450-Euro-Grenze überschreitet, werden diese Abgaben allerdings fällig. Mehr zu verdienen wird so unattraktiv. "Schlecht bezahlte Minijobs sind inzwischen in die Kostenkalkulation ganzer Branchen eingemeißelt", sagt Bosch. "Sie sind pures Gift und das größte Hindernis, das einer gerechten Verteilung der Arbeitszeit im Wege steht." Er fordert daher: Die Sonderregelung muss fallen, alle Jobs sollten gleich behandelt werden.
Doch wo sollen die Stunden zum Aufstocken herkommen? Vielleicht indem man die Arbeitszeiten am oberen Ende deckelt?