Als Shantel Walker, eine Pizzaverkäuferin aus New York, 2012 gegen ihren Hungerlohn auf die Straße ging, ahnte sie nicht, dass fünf Jahre später eine der größten Handelsketten der USA ihrer Forderung folgen wird.

In den USA feiert eine neue soziale Bewegung gerade Erfolge. Ihr geht es um den "Fight for 15", den Kampf für einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde. Das wäre einer der höchsten Mindestlöhne weltweit. Und was irrwitzig klingen mag, erweist sich als durchaus realistisch. Der Mindestlohn ist das neue Symbolthema – und könnte sogar die oppositionellen Demokraten wieder einigen.

Pizzaverkäuferin Walker ist Teil dieser Bewegung. "Meinen Chef interessierte es nicht, dass ich keinen Cent sparen kann. Nichts für Möbel, nichts für meine Rente. Jeder Tag ist ein Kampf für mich", erzählt die 35-jährige Walker.

Die West Avenue in Brooklyn ist ein Viertel mit großen Wohnsilos. Von dort fährt Walker jeden morgen eine halbe Stunde zu ihrer Papa-John's-Filiale, die Fast-Food-Pizza anbietet. 7,50 Dollar die Stunde bekam Walker 2012, 900 Dollar im Monat. Das sind 25 Cent mehr als der staatliche Mindestlohn, der USA-weit gilt. Einen Mindestlohn gibt es in dem Land schon seit einem Jahrhundert.

Immerhin hat Walker eine eigene Wohnung. "Ich kenne Kollegen, die im Obdachlosenheim schlafen und morgens eine Stunde zur Arbeit fahren. Um acht Stunden pro Tag Pizzen über den Tresen zu schieben." Im Durchschnitt kostet eine Einzimmerwohnung in New York so viel, wie ihr Monatslohn beträgt.

Ihr Arbeitgeber Papa John's ist ein Pizza-Riese in den USA, eine Franchisekette mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Dollar im Jahr. Der Chef der Kette, John Schnatter, teilte zu Beginn des Jahres mit, er sei stolz auf "ein neues Jahr mit Rekordeinnahmen".

Shantel Wagner unterschreibt eine Petition. © Fast Food Justice

Walker fand es nicht fair, wie sie behandelt wurde. Sie traf sich mit anderen Kollegen, denen es genauso ging, und gründete die Gruppe Fast Food Forward NYC. Walker erzählt, wie sie zuerst mit 200 Fast-Food-Verkäufern demonstrierte – am Ende standen auf dem New Yorker Union Square 3.000 Leute. Sie wusste zu dem Zeitpunkt nicht, ob ihr am nächsten Tag gekündigt werden würde. Aber es war ihr auch egal: "Wenn man so wenig verdient, kümmert es einen nicht, wenn man deshalb fliegt." 

Viele Angestellte in der Fast-Food-Branche sind nicht Mitglied in einer Gewerkschaft. Auch Lagerarbeiter, Pfleger und Reinigungskräfte sind oft nicht organisiert. Sie arbeiten allein oder in kleinen Einheiten. Gewerkschaften, die es gewohnt sind, große Gruppen in Fabriken oder Büros zu organisieren, haben bei Dienstleistern einen schweren Stand. Doch diese Menschen eint nun die Forderung nach einem höheren Mindestlohn. Denn was tun, wenn die derzeitige Untergrenze nicht ausreicht, um die Lebenskosten zu bezahlen?

Die ungleichen Löhne spalten die US-Gesellschaft

Viele Arbeitgeber in den USA wehren sich gegen eine Anhebung des Mindestlohns. Als "unstillbaren Hunger" bezeichnet der Vertreter des Einzelhandelsverbands im Bundesstaat Massachusetts, Bill Rennie, die Forderungen nach höheren gesetzlichen Lohngrenzen. "Wir hatten dieses Jahr erst eine Erhöhung. Jetzt sollen es 15 Dollar werden. Wo soll das aufhören?", fragt er.

Es sei ein Desaster für die kleinen Läden, die ohnehin mit dem Onlinehandel kämpfen müssten. Sie könnten sich bald keine Angestellten mehr leisten. Die Mindestlohn-Gegner führen als Argument oft die Arbeitskosten im Einzelhandel an. Was Rennie nicht sagt: Die Onlinehändler, mit denen die Geschäfte konkurrieren, zahlen ihren Lagerarbeitern mit die schlechtesten Löhne – und können deswegen ihre Preise drücken.

"Wenn die Löhne raufgehen, wird auch mehr gekauft. Das hilft am Ende allen."
Nick Hanauer, Milliardär aus Seattle

Doch es geht auch anders. In Seattle, auf der anderen Seite der USA am Pazifik, lebt der Milliardär Nick Hanauer. Er ist einer der ersten Amazon-Investoren und ein Gewinner des Internetbooms. Mittlerweile hat er seine Amazon-Anteile verkauft und investiert seine Milliarden in Start-ups von Onlinediensten und in neue Energien. Und er kämpft für den Mindestlohn.

Er sieht sich selbst als Vorkämpfer einer neuen Arbeiterbewegung. Weil die Politik in Washington die Verkäufer, Lagerarbeiter, Pflegekräfte seit Jahren hängen lässt, zieht Hanauer von Stadt zu Stadt und von Bundesstaat zu Bundesstaat, um für einen zufriedenstellenden Mindestlohn zu werben. "Für die Firmen gibt es immer einen Grund, nicht zu bezahlen", sagt Hanauer. Um die in Washington regierenden Republikaner kümmert er sich dabei nicht, denn sie sind es, die eine Erhöhung seit Jahren blockieren. Ihrer Auffassung nach soll sich der Staat aus der Wirtschaft heraushalten.

Hanauer hat eine einfache Theorie: "Wenn die Löhne raufgehen, wird auch mehr gekauft. Das hilft am Ende allen." Hungerlöhne zu zahlen sei kurzsichtig und sozialer Sprengstoff, sagt er. Hanauer finanziert 15 Now, eine eigene Kampagne, die die Forderung nach einem Mindestlohn von 15 Dollar unterstützt. 

Hanauer erzählt, wie er 2013 den Bürgermeister der Kleinstadt SeaTac in der Nähe von Seattle von 15 Dollar als Mindestlohn überzeugt hat. Kurz darauf war auch der Bürgermeister von Seattle überzeugt. Mehrere Bundesstaaten, darunter Kalifornien, haben mittlerweile das Ziel angepeilt, einen Mindestlohn von 15 Dollar schrittweise zu erreichen. In Kalifornien soll es 2022 soweit sein, im Bundesstaat Massachusetts könnte das schon früher geschehen.

"Es kann doch nicht sein, dass die Hilfe für Menschen zu den am schlechtesten bezahlten Jobs überhaupt gehört."
Annie Bell, Pflegerin aus Boston

Annie Bell ist eine Pflegerin aus Boston, Massachusetts. Sie ist 79 Jahre alt und arbeitet immer noch, weil ihre Rente, die sie für ihre Arbeit in einer Gelatinefabrik erhält, nicht reicht.

Sie ist bei einem Hauspflegedienst angestellt und kümmert sich um eine 75-jährige Frau, die allein zu Hause lebt. Morgens hebt die Pflegerin die vier Jahre jüngere Frau aus dem Bett in den Rollstuhl, wäscht sie, kauft ein, fährt mit ihr zum Arzt, legt sie mittags wieder ins Bett. Dann übernimmt eine Kollegin. "Die Arbeit ist körperlich sehr anstrengend", sagt Bell. 

Für die Arbeit bekam sie ursprünglich etwas mehr als den Mindestlohn, 10,48 Dollar pro Stunde. Aber Boston ist ein teures Pflaster, Bell wohnt hinter einer Autobahn im Stadtteil Roxbury. "Es kann doch nicht sein, dass die Hilfe für Menschen zu den am schlechtesten bezahlten Jobs überhaupt gehört", sagt sie.

50 Millionen Amerikaner gelten als arm

Weil Bell das ungerecht fand, ging sie zur Gewerkschaft SEIU. Das ist die Dienstleistungsgewerkschaft, die die Forderungen der Fight-for-15-Gruppen sichtbar und populär macht. Auch Kirchenvereine und Verbraucherorganisationen haben mit dem Mindestlohn ein Thema gefunden, um wieder Mitglieder zu gewinnen. Bell organisierte innerhalb der SEIU eine Gruppe von Pflegern. Sie haben erreicht, dass Pfleger in Boston ab kommendem Jahr 15 Dollar bekommen.

Weil Bell Rentnerin ist, kommt es ihr beim Arbeiten nicht auf jede Minute an. "Ich will nicht nur pflegen, ich will auch da sein für meine Patientin." Sie sitzt auch mal länger mit ihr zusammen. "Ich kenne viele Pfleger, die noch einen zweiten Job haben, die müssen dann weiterhetzen."

Oft hören Pfleger nach zwei Jahren wieder auf, weil sie das nicht mehr schaffen. Am Ende werden die Alten schlecht gepflegt, weil die Pfleger schlecht bezahlt werden. Die Amerikaner spüren, welcher soziale Sprengstoff mit den geringen Löhnen verbunden ist.

Eine neue Strategie in der Opposition?

Überall in den USA spalten die ungleichen Löhne die Gesellschaft. Auf der einen Seite  die satten Gehälter der Tech-Branche, der Banker und Anwälte, die sicheren Beamtengehälter, die regelmäßigen Lohnsteigerungen bei Facharbeitern, wo Gewerkschaften verhandeln. Dort die Unterschicht, der man in den USA nicht viel mehr als 7 Dollar zahlen muss. Mit dem jetzigen Mindestlohn kommen Amerikaner im Jahr nicht über 10.000 Dollar, trotz Acht-Stunden-Tag. 50 Millionen Amerikaner gelten als arm. Die Hälfte von ihnen hat nicht mehr als 7.000 Dollar im Jahr zur Verfügung. Ihnen versucht Präsident Donald Trump einzureden, der Welthandel sei schuld an ihrer Misere – und nicht die Arbeitsbedingungen in den USA.

Die Forderung nach den 15 Dollar Mindestlohn ist zurzeit das politische Projekt, auf das sich viele Amerikaner einigen können – trotz oder gerade wegen Trump. Die Demokratische Partei sucht nach der verlorenen Präsidentenwahl ihre Richtung. Senator Bernie Sanders vertritt die 15-Dollar-Forderung schon länger. Und vor ein paar Monaten hat die Parteiführung in Washington beschlossen, diese Forderung in ihr Programm aufzunehmen.  

Der Kampf für einen höheren Mindestlohn könnte der Beginn einer neuen Strategie der Opposition sein. Wenn Reformen in Washington nicht möglich sind, dann eben von Stadt zu Stadt oder von Bundesstaat zu Bundesstaat. Eine ironische Wendung nennen Politikexperten in den USA so etwas. Denn üblicherweise fordern die Republikaner mehr Freiheiten für die Bundesstaaten. Die Auseinandersetzung um den Mindestlohn zeigt jetzt, dass progressive Projekte neuerdings auf der lokalen Ebene verwirklicht werden – an der US-Regierung vorbei.

15 Dollar, um aus der Armut zu kommen

Die Wirtschaft selbst ist mittlerweile an diesem Prozess beteiligt. Im September kündigte Target, der zweitgrößte Discounter der USA mit einem Umsatz von 73 Milliarden Dollar und über 300.000 Mitarbeitern, an, seinen Mindestlohn auf 15 Dollar zu anzuheben. 

Und die Pizzaverkäuferin Walker hat ihren Job nicht verloren, weil sie zu der Demonstration in New York ging. Sie arbeitet weiter bei Papa John's, mittlerweile für 12 Dollar. "Das hilft, um aus der Armut zu kommen", sagt sie. Und bald werden es 15 Dollar sein. Denn nachdem sie vor dem versammelten Stadtrat in New York gestanden hatte und als Vertreterin der Fast-Food-Arbeiter gesagt hatte: "Jetzt erzähle ich Ihnen mal, wie es den Arbeitern geht", hat die Stadt am Ende einen Mindestlohn von 15 Dollar beschlossen. Ab 2019 gilt er in New York für alle Unternehmen mit mindestens elf Mitarbeitern.

Der Autor ist Redakteur des Recherchezentrums Correctiv.org. Die Redaktion finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Correctiv.org ist gemeinnützig und konzentriert sich auf langfristige Recherchen. Wenn Sie Correctiv.org unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter correctiv.org/unterstuetzen.