Geniale Einfälle fallen nicht vom Himmel. Wenn der berühmte Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung konzentriert nachdenken musste, ließ er sein hektisches Leben in Zürich hinter sich, um in seinem Landhaus in Bollingen am Ufer eines Sees Ruhe zu suchen. Aus seinen Tagebüchern wissen wir, dass er seine Zeit dort mit Schreiben und langen Spaziergängen in den umliegenden Wäldern verbrachte. Manchmal zog er sich auch in seinen Meditationsraum zurück.
Charles Darwin forschte und schrieb an einem Großteil seines Meisterwerks On the Origins of Species im Down House, seinem Anwesen in der Nähe von London. Auch er ging gerne spazieren und legte dafür sogar extra einen Spazierweg über sein Grundstück an. Er nannte ihn seinen "Denkweg" und drehte, begleitet von seinem Foxterrier Polly, jeden Morgen und Nachmittag seine Runden, um über schwierige Probleme nachzusinnen. Zu Beginn dieser Spaziergänge häufte er auf dem Weg Steine aufeinander. Jedes Mal, wenn er an den Steinen vorbeikam, trat er einen Stein beiseite, um seine Runden zählen zu können – ohne geistige Ressourcen zu vergeuden. Den Schwierigkeitsgrad eines Problems maß er mitunter anhand dieser Steine, indem er es beispielsweise ein "Vier-Kiesel-Problem" nannte, wenn er glaubte, für die Lösung vier ganze Runden zu benötigen.
"Nichts Gutes wurde je in einem großen Raum geschrieben."
Und der berühmte amerikanische Historiker David McCullough schuf seine preisgekrönten Bücher in einer einfachen Hütte auf seinem Bauernhof auf der Insel Martha's Vineyard. In der Hütte stehen ein Tisch, eine grüne Bankerlampe und eine Royal-Schreibmaschine. Aus dem Fenster sieht man eine Wiese und eine verfallene Scheune. Seine Familienmitglieder bat er zu pfeifen, wenn sie sich näherten, um bei ihrem Erscheinen nicht zusammenzuschrecken. "Nichts Gutes wurde je in einem großen Raum geschrieben", erklärte der heute 83-Jährige einmal in einem Interview mit The Paris Review.
Jung,
Darwin und McCullough reduzierten jegliche Ablenkung auf ein Minimum, sie
schufen Rituale und scheuten auch keine Kosten, sofern sie der intensiven
Konzentration dienten. Ich nenne diese Form des Nachdenkens Deep Work. Deep
Work ist nötig, um die eigenen intellektuellen Kapazitäten bis auf den letzten
Tropfen auszuwringen. Doch das steht in einem starken Kontrast zum Verhalten
der meisten modernen Wissensarbeiter – einer Gruppe, die zunehmend den Wert
des Tiefgangs vergisst.
Achtung: Wer lange nur oberflächlich arbeitet, verlernt die Fähigkeit zum Tiefgang
Der Grund ist bekannt: Netzwerk-Tools. E-Mails, SMS, soziale Netzwerke und Infotainment-Seiten wie Buzzfeed und die ständige Verfügbarkeit durch Smartphones haben die Aufmerksamkeit der meisten Wissensarbeiter in winzige Scheibchen fragmentiert. Eine McKinsey-Studie von 2012 ergab, dass der durchschnittliche Wissensarbeiter über 60 Prozent der Arbeitswoche mit elektronischer Kommunikation und Internetsuche verbringt, wobei knapp 30 Prozent der Arbeitszeit allein auf das Lesen und Beantworten von E-Mails entfallen. Das ist keine gute Grundlage für Deep Work. Größere Leistungen, denen ein intensives Nachdenken gute Dienste leisten würde, zum Beispiel der Aufbau einer neuen Geschäftsidee, werden zu zerfahrenen Streiflichtern fragmentiert, die von minderer Qualität sind.
Und
was Deep Work noch erschwert: Es gibt Hinweise darauf, dass der Wechsel zum Oberflächlichen
keine Wahl ist, die mühelos rückgängig gemacht werden kann. Wer lange so
arbeitet, verringert dauerhaft seine Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Interessanter
finde ich allerdings, dass die Verlagerung unserer Arbeitskultur zum
Oberflächlichen eine erhebliche ökonomische und persönliche Chance für die
wenigen darstellt, die den Wert des Widerstands gegen diesen Trend erkennen und
dem Tiefgang mehr Priorität einräumen. Denn um in unserem wirtschaftlichen
Umfeld erfolgreich sein zu können, muss man in der Lage sein, rasch
komplizierte Dinge zu erlernen. Das erfordert Deep Work. Wer das nicht
beherrscht, wird mit den Entwicklungen der Technologie nicht Schritt halten
können. Hinzukommt, dass man heute, in einer immer schnelleren Welt, das absolut
Beste liefern muss, das man zu bieten in der Lage ist – ebenfalls eine
Aufgabe, die hohe Konzentration erfordert. Mit anderen Worten: Deep Work ist
keine altmodische Fähigkeit, sondern wird zu einer Schlüsselqualifikation für
jeden, der sich in einer weltweiten, wettbewerbsstarken
Informationsgesellschaft durchsetzen will.
Vielbeschäftigter Informatiker, Autor und Vater – geht das zusammen mit Deep Work?
Vor Kurzem habe ich ein Buch über Deep Work geschrieben. Ich beschreibe darin Strategien, wie man den Zustand von Deep Work erreicht und erzähle Geschichten über berühmte Menschen wie jene über Jung, Darwin und McCullough. Seitdem werde ich oft nach meinen eigenen Strategien für konzentriertes Arbeiten gefragt. Die Lebensgeschichten berühmter Intellektueller wie Jung, Darwin und McCullough sind inspirierend, aber sie haben nichts zu tun mit dem Alltag der meisten Menschen. Wie kann man dem Leben auch ohne Anwesen auf dem Land mehr Tiefe geben? Und wie schaffe ich es als vielbeschäftigter Informatikprofessor, Sachbuchautor und Vater zweier kleiner Jungen, mich wirklich in meine Arbeit zu vertiefen? Hier sind meine Strategien:
Geniale Einfälle fallen nicht vom Himmel. Wenn der berühmte Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung konzentriert nachdenken musste, ließ er sein hektisches Leben in Zürich hinter sich, um in seinem Landhaus in Bollingen am Ufer eines Sees Ruhe zu suchen. Aus seinen Tagebüchern wissen wir, dass er seine Zeit dort mit Schreiben und langen Spaziergängen in den umliegenden Wäldern verbrachte. Manchmal zog er sich auch in seinen Meditationsraum zurück.
Charles Darwin forschte und schrieb an einem Großteil seines Meisterwerks On the Origins of Species im Down House, seinem Anwesen in der Nähe von London. Auch er ging gerne spazieren und legte dafür sogar extra einen Spazierweg über sein Grundstück an. Er nannte ihn seinen "Denkweg" und drehte, begleitet von seinem Foxterrier Polly, jeden Morgen und Nachmittag seine Runden, um über schwierige Probleme nachzusinnen. Zu Beginn dieser Spaziergänge häufte er auf dem Weg Steine aufeinander. Jedes Mal, wenn er an den Steinen vorbeikam, trat er einen Stein beiseite, um seine Runden zählen zu können – ohne geistige Ressourcen zu vergeuden. Den Schwierigkeitsgrad eines Problems maß er mitunter anhand dieser Steine, indem er es beispielsweise ein "Vier-Kiesel-Problem" nannte, wenn er glaubte, für die Lösung vier ganze Runden zu benötigen.