Dieser Text ist in einer längeren Version bei Edition F erschienen. Die Autorin möchte anonym bleiben.

"Das ist nun mal einfach nichts für Mädchen", sagte ein Mechaniker gleich am ersten Tag meines Praktikums in der Autowerkstatt. Ich war damals 15 und ging zur Realschule. Nach meinem Abschluss hatte ich keine Lust, weiter die Schulbank zu drücken und dachte über eine technische Ausbildung nach. Als Frau in einen männerdominierten Beruf einzusteigen – das wird Mädchen heute mehr denn je ans Herz gelegt. Große Unternehmen aus der Industrie veranstalten schon seit 2001 jedes Jahr den Girls' Day: eine Art Tag der offenen Tür, an dem Unternehmen versuchen, Mädchen für Berufe in Technik und Handwerk zu begeistern.

Doch so offen, wie sich Firmen nach außen geben, sind sie leider noch lange nicht. Mein Chef war am Ende des Praktikums zwar zufrieden mit meiner Leistung. Meine Kollegen verabschiedeten mich sogar mit einem Kasten Bier, worauf ich damals sehr stolz war. Doch später erzählten mir ehemalige Kollegen, dass mein Chef sich trotzdem dafür ausgesprochen hatte, keine weitere Frau bei sich in der Werkstatt einzustellen. Frauen würden die Männer schließlich nur vom Arbeiten ablenken, hieß es.

Ich wollte nach meinem Praktikum trotzdem eine Ausbildung zur Industriemechanikerin machen. Doch viele Werkstätten waren einfach nicht auf weibliches Personal eingestellt. Bei Absagen hörte ich oft den fadenscheinigen Grund, dass sanitäre Einrichtungen für Frauen fehlten. Und wenn ich übereifrig persönlich meine Bewerbungsunterlagen in den Betrieben abgab, erntete ich irritierte Blicke. Insbesondere die Personalchefs kleinerer Firmen konnten sich einfach nicht vorstellen, dass ein Mädchen in einer Werkstatt arbeiten wollte.

Nacktkalender und Handypornos

2007, nach ein paar Monaten Suche, fand ich endlich eine Lehrstelle zur Industriemechanikerin bei einem großen Energieversorgungsunternehmen im öffentlichen Dienst. Die – ausschließlich männlichen – Azubis meines Jahrgangs konnten sich schneller mit einer Frau in ihren Reihen anfreunden, als ich erwartet hatte. Doch die älteren Mitarbeiter waren ein Problem. Sie hatten es sich in ihrem Sexismus gemütlich gemacht. In jeder Werkstatt hingen sogenannte "Tittenkalender". Und sie zeigten nicht nur Brüste, sondern gleich die "offene Wunde" – so nannte man bei uns im Team weibliche Genitalien. Überhaupt schien das unausgesprochene Motto zu sein: immer einen drauf setzen, bis zur Schmerzgrenze. Ob es nun um die Nacktkalender oder um frauenfeindliche oder gewaltverherrlichende Witze ging.

Ich habe mir als 16- und 17-Jährige wenig Gedanken um diese Kalender gemacht. Es war ja auch klar, dass ich kaum etwas dagegen unternehmen konnte, ohne als "Spielverderberin" zu gelten. Die Nacktkalender wurden zwar von unserer Frauenbeauftragten offiziell verboten. Doch die Sehnsucht dazuzugehören war bei mir immer größer als der Wunsch, mich gegen diese männliche Machtdemonstration aufzulehnen.

"Immer wieder kam es vor, dass mir Arbeitskollegen Pornos auf dem Handy unter die Nase hielten."

Wenn meine Kollegen Sexgeschichten oder ihre Meinungen über Frauen mit mir teilten, sah ich das als Vertrauensbeweis. Frauen im Allgemeinen bezeichneten sie oft als "Schlitzpisser "– versicherten mir aber immer wieder, dass ich damit nicht gemeint sei. Ich war in ihren Augen mehr Mann als Frau. Richtig weiblich konnte ich ja nicht sein, da ich mich für diesen Beruf entschieden hatte.

Immer wieder kam es vor, dass mir Arbeitskollegen, die mir nicht einmal besonders nah standen, Pornos auf dem Handy unter die Nase hielten. In erster Linie wollten sie wohl eine angewiderte Reaktion provozieren. Aber ich glaube, dieses Machtspiel hatte auch einen sexuellen Hintergrund. Doch egal was man mir zeigte: Ich verzog keine Miene.

Ich freute mich, dazuzugehören

Meine Arbeitskollegen zu kritisieren, kam mir überhaupt nicht in den Sinn. Das hätte ich mich auch nicht getraut. Stattdessen übte ich mich darin, eine noch größere Klappe als sie zu haben, und lachte bei sexistischen Bemerkungen mit. Nach einigen Monaten betitelten meine Arbeitskollegen mich gönnerhaft mit meinem Nachnamen und bescheinigten mir, "ein echter Mann" zu sein. In ihren Augen ein großes Kompliment. Und ich freute mich damals auch, dazuzugehören und Geheimnisse mit meinen männlichen Kollegen zu teilen. Im Nachhinein betrachtet war diese Anpassung wohl eher eine Überlebensstrategie.

Doch obwohl einige meiner Kollegen mich als Mann akzeptierten, stieß ich auf mindestens genauso viele, die mir nichts zutrauten. In der Präzisionsarbeit war ich tatsächlich nicht die Beste. Auch in der Berufsschule reichte es im Schnitt nur für ein "Befriedigend". Ich war aber auch nicht die Schlechteste meines Jahrgangs. Trotzdem fand jeder Mann, der schlechter war als ich, leichter Anerkennung im Betrieb. Einmal rieb mir ein Kollege unter die Nase, dass ich besser sein müsse als die männlichen Azubis. Schließlich nähme ich einem Mann, der später vielleicht eine Familie ernähren müsse, den Ausbildungsplatz weg. Immer wieder bekam ich gesagt, dass ich nur aufgrund der Frauenquote den Ausbildungsplatz bekommen habe. Oft schien es mir, als müsste ich mich für meine bloße Existenz rechtfertigen.

Keine Lust mehr auf Sexismus

Wenn man sich nur Mühe gibt und sich durchbeißt, kann man auf jedem Terrain bestehen, war damals mein Credo. Aber es überstand diese Ausbildungszeit nicht. 2012, nach meiner Lehrzeit und einjähriger Anstellung als Facharbeiterin, verließ ich meinen Ausbildungsbetrieb. Ich wollte doch noch das Abitur nachholen und studieren. Viel wichtiger war aber: Ich hatte den ständigen Kampf um Anerkennung und die sexistischen Bemerkungen satt.
Heute arbeite ich in der Medienbranche. Auch dort ist die Gleichberechtigung noch nicht erreicht. Aber dort stoße ich eher auf wohlwollenden Sexismus: Ich bekam zum Beispiel schon oft zu hören, dass Frauen doch so viel diplomatischer als Männer seien. Oder dass bei Umräumarbeiten im Büro ausschließlich Männer gebeten werden, Tische zu verrücken. Aber Nacktkalender und derart bösartige Bemerkungen über Frauen sind mir seit der Werkstatt nie wieder begegnet.