Meine Arbeitskollegen zu kritisieren, kam mir überhaupt nicht in den Sinn. Das hätte ich mich auch nicht getraut. Stattdessen übte ich mich darin, eine noch größere Klappe als sie zu haben, und lachte bei sexistischen Bemerkungen mit. Nach einigen Monaten betitelten meine Arbeitskollegen mich gönnerhaft mit meinem Nachnamen und bescheinigten mir, "ein echter Mann" zu sein. In ihren Augen ein großes Kompliment. Und ich freute mich damals auch, dazuzugehören und Geheimnisse mit meinen männlichen Kollegen zu teilen. Im Nachhinein betrachtet war diese Anpassung wohl eher eine Überlebensstrategie.

Doch obwohl einige meiner Kollegen mich als Mann akzeptierten, stieß ich auf mindestens genauso viele, die mir nichts zutrauten. In der Präzisionsarbeit war ich tatsächlich nicht die Beste. Auch in der Berufsschule reichte es im Schnitt nur für ein "Befriedigend". Ich war aber auch nicht die Schlechteste meines Jahrgangs. Trotzdem fand jeder Mann, der schlechter war als ich, leichter Anerkennung im Betrieb. Einmal rieb mir ein Kollege unter die Nase, dass ich besser sein müsse als die männlichen Azubis. Schließlich nähme ich einem Mann, der später vielleicht eine Familie ernähren müsse, den Ausbildungsplatz weg. Immer wieder bekam ich gesagt, dass ich nur aufgrund der Frauenquote den Ausbildungsplatz bekommen habe. Oft schien es mir, als müsste ich mich für meine bloße Existenz rechtfertigen.

Keine Lust mehr auf Sexismus

Wenn man sich nur Mühe gibt und sich durchbeißt, kann man auf jedem Terrain bestehen, war damals mein Credo. Aber es überstand diese Ausbildungszeit nicht. 2012, nach meiner Lehrzeit und einjähriger Anstellung als Facharbeiterin, verließ ich meinen Ausbildungsbetrieb. Ich wollte doch noch das Abitur nachholen und studieren. Viel wichtiger war aber: Ich hatte den ständigen Kampf um Anerkennung und die sexistischen Bemerkungen satt.
Heute arbeite ich in der Medienbranche. Auch dort ist die Gleichberechtigung noch nicht erreicht. Aber dort stoße ich eher auf wohlwollenden Sexismus: Ich bekam zum Beispiel schon oft zu hören, dass Frauen doch so viel diplomatischer als Männer seien. Oder dass bei Umräumarbeiten im Büro ausschließlich Männer gebeten werden, Tische zu verrücken. Aber Nacktkalender und derart bösartige Bemerkungen über Frauen sind mir seit der Werkstatt nie wieder begegnet.