Mitte der Nullerjahre, ich war zum ersten Mal festangestellt als Redakteurin und verdiente 2.000 Euro brutto. Nach Ablauf der Probezeit von sechs Monaten wurden daraus 2.200 Euro. Kurz vor Auslaufen meines auf ein Jahr befristeten Arbeitsvertrages fand ich heraus: Mein Kollege Moritz*, der kurz vor mir eingestellt wurde, verdiente 3.500 Euro brutto, unbefristet. 

Ich war außer mir. Moritz hatte nämlich folgende Kernkompetenzen: Zuspätkommen, Früh-in-die-Mittagspause-Gehen, Ignoranz jeglicher Rechtschreib- und Kommaregeln, Spät-aus-der-Mittagspause-Kommen, Deadlines-verstreichen-Lassen und Kaffeetrinken. Mit Geräusch. Das Einzige, was er besser drauf hatte als ich, war ein ziemlich smarter Rhetorik-Move: Moritz wiederholte in Gesprächen und Konferenzen grundsätzlich den letzten Satz seines Gegenübers. Damit suggerierte er: "Ja, ich bin deiner Meinung."

Moritz wurde immer nach seiner Meinung gefragt. Und, Sie erraten es: Er wiederholte einfach den Bananenquark seines Vorgesetzten. Ich war nicht nur besser ausgebildet als er und hatte mehr Berufserfahrung, ich engagierte mich auch wesentlich mehr. Und verdiente trotzdem deutlich weniger. Da kann man jetzt sagen: "Hätten Sie halt mal besser verhandelt beim Vorstellungsgespräch." Würde ich sagen: Ja, stimmt. Aber ganz ehrlich: Ein Plus von fast 50 Prozent handelt man bei einem Vertragsabschluss nicht raus, schon gar nicht bei der ersten Festanstellung. Moritz muss schlicht ein viel höheres Einstiegsangebot bekommen haben. Im Nachhinein weiß ich: Hat er auch. Einfach weil er ein Mann ist, nicht weil er diesen durchschaubar-beknackten Rhetorik-Trick draufhatte.

"Da steht das Geschirr doch gut. Wenn dich das stört, räum's doch selber ein. Kannst du eh besser als ich."
Moritz

Moritz wusste, dass er mehr als wir weiblichen Angestellten verdiente. Er und unser männlicher Vorgesetzter fanden das auch selbstverständlich. So selbstverständlich wie die Tatsache, dass Moritz und er benutztes Geschirr nie in, sondern nur auf die Spülmaschine stellten. Darauf angesprochen, erwiderte er: "Das steht da doch gut. Wenn dich das stört, räum's doch selber ein. Kannst du eh besser als ich." Begleitet von einem jovialen Gackern verließ er den Raum. Arbeitsaufträge teilte er sich mit dem Chef in "Frauenthemen" und "Männerthemen" auf. "Frauenthemen" zeichneten sich hauptsächlich durch besondere Nervigkeit, viel Fleißarbeit und wenig Erfolgserlebnis aus.  

Das ganze Arbeitsgefüge in dieser Abteilung war von Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern geprägt. Für mich war nach diesem Vorfall das Maß voll: Ich schrieb eine große Geschichte, ein Fernsehteam kam deshalb zu Besuch, Moritz redete über die Geschichte vor der Kamera. War ja ein "Männerthema", also das Reden vor der Kamera, nicht der Inhalt der Geschichte. Man hatte mir nicht mal Bescheid gesagt. Ich erfuhr das erst zufällig im Nachhinein. Ich kündigte.

Männer fühlen sich überlegen, wenn sie mehr Geld verdienen

Geld bedeutet in unserer westlich-kapitalistischen Kultur Macht. So werden und wurden die meisten von uns erzogen. Das mag man jetzt schlecht oder gut finden. Halten wir neutral fest: Das ist einfach so. Und wer mehr Macht hat als der andere, fühlt sich ihm überlegen, wie Benjamin Voyer, Professor für Verhaltenswissenschaft an der London School of Economics, ganz gut in seinen diversen Untersuchungen und TED-Talks auf den Punkt bringt. Wenn Männer also für die gleiche Arbeit mehr Geld bekommen als Frauen, fühlen sie sich in den meisten Fällen überlegen. Ja, auch da gibt es sicherlich Ausnahmen. Und jüngere Männer verhalten sich bestimmt meist anders als ältere. Aber in den Entscheiderpositionen sitzen eben immer noch mehr (ältere) Männer als Frauen. Wenn ich mich also nine to five überlegen fühle und darin bestärkt werde, so wie Moritz, höre ich dann um 17.01 Uhr damit auf? Verhalte ich mich plötzlich anders, wenn ich nach Hause oder in eine Bar oder sonstwohin gehe? Kann ich mir kaum vorstellen.