Die Frauen, mit denen wir gesprochen haben, stammen aus bürgerlichen Familien wie auch aus Arbeitermilieus. Sie sind Kriegs- und Nachkriegskinder, die immer für andere sorgen mussten, sie haben früh gelernt, bescheiden zu sein und allein zurecht zu kommen. Sie haben in der Schule noch hauswirtschaftliche Fertigkeiten wie Einkochen oder Nähen gelernt. Unsere Gesprächspartnerinnen konnten ihre Existenz oft nur durch rigorose Sparmaßnahmen sichern: Manche heizten nur noch ein Zimmer in der Wohnung, kündigten das Zeitungsabo oder den Sportverein, fuhren nicht mehr mit dem öffentlichen Verkehr, suchten den ganzen Tag nach billigen Lebensmitteln, kochten Kohlrabiblätter aus, die im Supermarkt weggeworfen wurden, oder ließen ihre Zahnschmerzen nicht mehr behandeln. Die Geschenke für die Enkelkinder fielen aus, besonders bitter für diese Frauen, die immer weiter die Gebenden sein wollen.

Neben den hohen Mieten sind Gesundheitsausgaben ein besonderes Problem. Wenn sich Krankheiten häufen, fallen die Zuzahlungen zu Medikamenten, die von den Krankenkassen verlangt werden, besonders ins Gewicht. Auch werden nicht alle Arzneien und Alltagshilfen von den Kassen übernommen. Eine Rentnerin, mit der wir gesprochen haben, musste sich die Gleitsichtbrille von einer Stiftung finanzieren lassen, wie sie unserem Forschungsteam berichtete. Viele wissen allerdings gar nicht um solche Möglichkeiten.

Sozialer Rückzug ist eine häufige Folge. Die Bedürftigkeit sah man den Frauen übrigens nicht an. Viele stammen aus gutbürgerlichen Milieus und ihr sozialer Abstieg begann mit der Scheidung und den gestiegenen Kosten im Single-Haushalt. Da sie meistens für die Kinder und Haus zuständig gewesen waren, hatten sie oft wenig Berufspraxis. Nach der Trennung gelang es ihnen nicht mehr, einen Job zu finden, der das Alter gut absichert. Der Vorschlag der neueren Rentenpolitik, man solle privat fürs höhere Alter vorsorgen, geht somit auch bei Frauen aus mittleren Schichten oft nicht auf. Die Ärmeren konnten ohnehin keine private Vorsorge betreiben. Die Empfehlung der Kanzlerin an eine Putzfrau, sie solle doch "riestern", hat wenig mit Realität der Frauen zu tun, mit denen wir gesprochen haben.

"Manche heizten nur noch ein Zimmer in der Wohnung, kündigten das Zeitungsabo oder den Sportverein, fuhren nicht mehr mit dem öffentlichen Verkehr, suchten den ganzen Tag nach billigen Lebensmitteln, kochten Kohlrabiblätter aus, die im Supermarkt weggeworfen wurden, oder ließen ihre Zahnschmerzen nicht mehr behandeln."

Die Spaltung der Gesellschaft nimmt zu. Ebenso die Ängste und Verunsicherungen, gerade in der wachsenden Gruppe der Älteren, denen einst sichere Renten versprochen waren. Demografisch gesehen wird diese Gruppe größer, und auch ihre Wut wird wachsen. Ein bisschen Rentenerhöhungen hier und da – ein solches Flickwerk ist teuer für den Staat, aber wenig wirkungsvoll. Kleine Erhöhungen können die Kluft des niedrigen Alterseinkommens zu hohen Mieten und Lebenshaltungskosten nicht ausreichend überbrücken.

Wenn eine solidarische Grundrente nicht nur ein kosmetisch angenehmeres Wort für Sozialhilfe im Alter sein soll, wenn sie wirklich die Lebensleistung von Menschen würdigen soll, muss sie höher sein als die symbolische Anerkennung von zehn Prozent über dem Grundsicherungsniveau. Und es bleibt zu hoffen, dass der Zugang zu dieser Grundrente am Ende unbürokratischer gestaltet sein wird, als es die Maßnahmen im Bereich der Sozialhilfe für die Rentnerinnen und Rentner heute sind.

Dass die Grundrente nur nach einer Bedürftigkeitsprüfung ausgezahlt werden soll, ist äußerst problematisch: Das heißt wieder mehr Bürokratie, Gang zu den Ämtern, Sozialkontrolle und Demütigung. Schon heute werden Bedürftige ja bereits auf Herz und Nieren regelmäßig geprüft, wenn sie Grundsicherung beantragen. Eine Gesprächspartnerin, die so ihre Rente aufstockt, musste begründen, weshalb sie Extra-Reisegeld für den Besuch ihrer Schwester benötigte und einmal mehr auf dem Amt ihr Privatleben offenbaren.

Auch eine neue Wohnungspolitik ist nötig: Wenn Wohnraum in den Städten zum Luxusgut junger, kaufstarker Eliten geworden ist, dann haben Rentnerinnen und Rentner auch bei erhöhten Altersrenten kaum noch Chancen, im Alter in den Städten überleben zu können. Auch hier reicht der Bau von 1,5 Millionen Wohnungen nicht aus, der bisher im Ergebnispapier der CDU/CSU und SPD steht. Ältere dürfen nicht weiterhin Teil eines neuen Prekariats werden, das man in den ländlichen Leerstand abschiebt wie auch die Flüchtlinge. Sicher ist es begrüßenswert, dass das Wohngeld laut dem Ergebnispapier erhöht werden soll. Aber es reicht nicht. Neue städtische Wohnkonzepte – sozialer Wohnungsbau, Mehrgenerationenwohnen, Alten-WGs –  sind darüber hinaus nötig.

Aufklärung und Prävention sind ein weiteres wichtiges Thema. Frauen sind immer noch diejenigen, die am ehesten in die Altersfalle geraten. Es ist deshalb wichtig, darüber aufzuklären, welche Folgen Teilzeitarbeit und die traditionelle Rollenverteilung haben können. Eine 35-Stunden-Woche für alle, Frauen und Männer, könnte ein Modell sein, das hilft, die Erwerbs- und Familienarbeit für beide gleichmäßiger zu verteilen und damit auch die Frauen für ihr Alter besser abzusichern. Das würde mehr bringen, als alle Rentnerinnen und Rentner gleich nach dem Gießkannenprinzip mit ein bisschen Rentenerhöhungen zu versehen. Doch solche Maßnahmen bedürfen Mut, an den Stellschrauben der Wohnungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik grundsätzlicher zu drehen. Und sie brauchen auch sicherlich zusätzliche steuerbasierte Finanzierungen, zu denen sich ein Teil der Koalitionspartner wohl nicht durchringen können wird.