Warum nutzen wir die Debatte um die Entgeltlücke zwischen den Geschlechtern also nicht als Einladung zu einem viel radikaleren Gedanken? Gernot Pflüger leitet eine Kommunikations- und Designagentur in Offenbach mit 24 Mitarbeitern. Lange, sagt er, habe er überlegt, nach welchen Kriterien er seine Leute bezahlen soll. "Ich habe kein System gefunden, wie man Leistung sinnvoll messen könnte", sagt Pflüger heute. "Die Leute sind extrem geschickt darin, so eine Messung auszutricksen." Würde die Managementliteratur etwa herausfinden, dass Mitarbeiter mit grünen Hüten auf dem Kopf produktiver sind und deswegen einen höheren Lohn bekommen sollten, würden nach einiger Zeit eben alle mit grünen Hüten zur Arbeit erscheinen, das Vergütungskriterium löst sich in Luft auf. Es ist, als wollte man nach Wolken greifen: Die Leistung ist kaum zu fassen.

Wenn freie Mitarbeiter mehr Geld bekommen – als Kompensation für die Unsicherheit

Pflüger entschied sich daher für einen anderen Weg: Seit gut 30 Jahren bezahlt er seinen Mitarbeitern nun einen Einheitslohn – ein Stück Sozialismus in einem Unternehmen, das sich als kapitalistisch durch und durch versteht. Ob alt oder jung, studiert oder nicht, Mann oder Frau – alle bekommen dasselbe Gehalt, Equal Pay auf die denkbar einfachste und radikalste Art. Nur freie Mitarbeiter, die projektweise für die Agentur arbeiten, bekommen einen Aufschlag – als Kompensation für die Unsicherheit jenseits der Festanstellung. Und Pflüger selbst erhält etwas mehr, weil er als Geschäftsführer mit seinem privaten Vermögen für den Erfolg der Firma haftet – ein Umstand, für den er sich allerdings auch immer wieder vor den Mitarbeitern rechtfertigen muss. "Der Einheitslohn widerspricht allem, was die Schulweisheit sagt, aber er ist das beste und gerechteste Vergütungssystem, das ich gefunden habe", sagt er.

Pflüger führt seine Agentur basisdemokratisch, seine Angestellten können so viel Urlaub nehmen, wie sie wollen, und entscheiden gemeinschaftlich über Einstellungen und Entlassungen. Und natürlich, auch der Einheitslohn, diese Idee, der irgendwie das Image des Realitätsfernen und Nichtmachbaren anhaftet, stand immer mal wieder zur Debatte. Alle sind gleich, aber sollten nicht manche doch gleicher sein?

Einige Kollegen zum Beispiel, erzählt Pflüger, seien irritiert gewesen, als die ersten Azubis in der Firma mit der Lehre fertig wurden und als Berufsanfänger plötzlich dasselbe verdienten wie alle. Gestern war jemand noch der Lehrling, den man Kaffee kochen schicken konnte, und heute tritt er den Kollegen als Gehaltsebenbürtiger gegenüber? Ging das nicht etwas schnell?

Im Plenum haben die Mitarbeiter durchgesetzt, dass der Einheitslohn nicht für Berufsanfänger gelten soll. Pflüger war dagegen. Er wurde überstimmt.

»Der Einheitslohn widerspricht allem, was die Schulweisheit sagt, aber er ist das beste und gerechteste Vergütungssystem, das ich gefunden habe.«
Gernot Pflüger, Leiter einer Kommunikations- und Designagentur

Es habe nicht lange gedauert, sagt Pflüger, da zeigte sich, dass die Niedrigerbezahlten auch weniger zu geben bereit waren, sich in Teammeetings nicht mehr so einbrachten wie zuvor, sich mit Ideen zurückhielten, weil weniger Gehalt auch weniger Wertschätzung signalisierte. Früher scheuten sich junge Kollegen nicht, es den älteren offen ins Gesicht zu sagen, wenn sich deren Konzeptpapiere lasen, als schreibe ein Kreissparkassendirektor über Hip-Hop. Plötzlich aber orientierten sie sich in ihrer Arbeit nicht mehr an Ideen, sondern an Hierarchiestufen. Irgendetwas stockte. "Nach einem halben Jahr ging das in eine völlig falsche Richtung", sagt Pflüger. "Die Ungleichheit war unproduktiv und effizienzkillend." Keine Viertelstunde saßen die Mitarbeiter zusammen, da war der Einheitslohn zurück. Einstimmig.

Würde der Einheitslohn auch jenseits einer kleinen Agentur funktionieren, in anderen Branchen, im ganzen Land? Pflüger ist überzeugt davon, und man sollte den Gedanken einmal wirken lassen.

Frauen müssen für die gleiche Arbeit genauso viel verdienen wie Männer – wer das sagt, weiß den Zuspruch aller Karrierefeministen auf seiner Seite. Alle Menschen sollten mit ihrer Arbeit das Gleiche verdienen – wer das formuliert, gerät dagegen unter Utopieverdacht. Und ja, es ist eine Utopie, in der Praxis stets unvollkommen, oft schwer umzusetzen, bestimmt nicht in jedem Einzelfall gerecht. Aber die Vorstellung, es ließen sich gerechte Gründe dafür finden, dem einen mehr und dem anderen weniger zu bezahlen, ist meistens vor allem eines: noch viel utopischer.