Mit dem Arbeiten ist es ein bisschen wie mit dem Essen: Ohne könnten wir nicht überleben, aber wir haben das Maß verloren. Obwohl wir es besser wissen, arbeiten wir mehr, als uns gut tut. Manche bis zum Zusammenbruch. Und wir ahnen: Mit ein bisschen weniger ginge es uns besser.

Die Forderung der IG-Metall wirkt höchstens wie ein gut gemeintes, aber befristetes Diätangebot.

In einer chronisch überarbeiteten Gesellschaft wirkt die Forderung der IG Metall höchstens wie ein gut gemeintes, aber befristetes Diätangebot: Intervallfasten. Aber nur für die besonders schweren Fälle (bei Bedarf) und mit der Garantie, wieder zur gewohnten Kalorienzufuhr zurückkehren zu dürfen (Rückkehrrecht). Für den Alltag bedeutet das: Nachdem Sie die Kinder Kita-reif gezogen oder die Eltern ins Altersheim gepflegt haben, dürfen Sie sich endlich wieder selbst kaputt arbeiten. Bei voller Stundenanzahl und vollem Gehalt. Hurra.

Über ein solches Rückkehrrecht kann sich nur freuen, wer eine Welt, in der ein Mensch dann was zählt, wenn er vollzeitmäßig oder mehr arbeitet, gar nicht mehr in Frage stellt. Ein Büro, das nur an vier Tagen besetzt ist? Cafés mit unregelmäßigen Öffnungszeiten? Supermärkte, die vor Mitternacht schließen? Unvorstellbar in einer Gesellschaft, die sich an das hohe Arbeitspensum gewöhnt hat wie ein aufgeblähter Magen an die ständige Nahrungszufuhr. 

Keine E-Mails nach Feierabend zu lesen, reicht nicht

Wenn so schonungslos gearbeitet wird wie heute, hilft kein Intervallfasten mehr. Es reicht nicht, E-Mails nach 19 Uhr löschen zu lassen, wie es der Betriebsrat bei Porsche vorgeschlagen hat, oder Arbeitnehmern mal zwei Jahre lang etwas mehr Zeit für ihre Familie zu gönnen, wie es jetzt die IG Metall fordert. Was wir brauchen, ist ein radikales "Friss die Hälfte" für die Arbeitswelt: die gesetzlich verankerte 28-Stunden-Woche. Für Frauen, Männer. Angestellte, Chefs. Gerüstbauer, Werbetexter. Journalisten, Ärzte, Lehrer. Weniger Arbeit für alle.

In Paragraf 3 des Arbeitszeitgesetzes, in dem seit 1994 eine Höchstarbeitszeit von acht Stunden am Tag festgeschrieben ist, muss ergänzt werden: Die Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden am Tag und 28 Stunden in der Woche nicht überschreiten.

Utopisch? Der Umverteilungsbedarf jedenfalls ist groß: Gut eine Million Arbeitnehmer würden nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes gern weniger arbeiten. Gleichzeitig gibt es 2,7 Millionen Beschäftigte, die gern mehr arbeiten würden, wenn man sie ließe.

Ob eine Umverteilung der Arbeit Vorteile für die Wirtschaft bringt, ist zwar umstritten, dem Menschen aber, daran besteht kein Zweifel, täte sie gut: Zu viel Arbeit macht krank und unzufrieden. Wer länger am Schreibtisch sitzt, schläft schlechter. All das belegen Studien.

Das Recht auf Teilzeitarbeit gibt es übrigens – ganz unabhängig von zu pflegenden Kindern oder Eltern – schon jetzt. Für jeden. Allerdings nur mit entsprechend weniger Lohn. Bis es also soweit ist und unsere Workaholic-Gesellschaft eine staatlich geregelte Arbeitszeit-Entschlackung verschrieben bekommt, kann ich nur allen, die es sich leisten können und auch nur ein einziges Mal im vergangenen Jahr gedacht haben "Ich arbeite zu viel" empfehlen: Tun Sie es, arbeiten Sie weniger. Es ist gut.