Die wichtigsten Antworten zuerst: Ja, ich kann davon leben. Und nein, ich arbeite wirklich nicht an meinem freien Tag. Natürlich gibt es die schwachen Momente. Noch immer passiert es mir, dass ich an meinem freien Freitag beiläufig Slack, unser Chatprogramm im Büro, öffne. Oder meine E-Mails checke. Könnte ich nicht vielleicht doch gebraucht werden? Irgendjemand wird doch sicher etwas wollen?

Aber der Appetit darauf, immer überall arbeiten zu wollen, lässt nach, je weniger man es tut. Seit knapp einem Jahr arbeite ich nun 80 Prozent als Redakteurin und mittlerweile klappe ich freitagmorgens nicht mehr als Erstes meinen Laptop auf, sondern den Deckel meines Klaviers. Klimpere statt auf der Tastatur auf den Tasten herum.

Arbeiten oder Klavierspielen? Beides!

Ich lebe, wovon eigentlich alle träumen: die 28-Stunden-Woche, das Drei-Tage-Wochenende, die ultimative Work-Life-Balance. Freitags gehe ich ins Schwimmbad statt ins Büro. Ich habe (noch) keine Kinder und (noch) keine pflegebedürftigen Eltern, um die ich mich kümmern muss. Ich mache das, weil ich es gut so finde. Mein Job macht mir Spaß. Klavier spielen auch.

Arbeiten ja, aber bitte nicht so viel. Mit dieser Einstellung bin ich nicht allein. Weniger arbeiten zu wollen, wurde in den Medien, auch hier bei ZEIT ONLINE, lange als die abgehobene Anspruchshaltung der um die 30-Jährigen (auch Generation Y genannt) belächelt: die Wunschvorstellung einer jungen, gut ausgebildeten und wohlhabenden Elite.

Und jetzt, großes Taadaaaa, fordert auch die IG Metall, Deutschlands größte und bodenständigste Gewerkschaft, die 28-Stunden-Woche. Am heutigen Montag streiken die Gewerkschafter bundesweit für eine "verkürzte Vollzeit" in der gesamten Metall- und Elektrobranche. Das klingt groß, nach Aufbegehren von der Basis. Doch wenn man genauer hinsieht, ist es nicht mehr als ein vorsichtiges Antippen des work-hard-Imperativs. Die IG Metall fordert die 28-Stunden-Woche. Bei Bedarf. Auf bestimmte Zeit. Höchstens zwei Jahre. Mit Rückkehrrecht auf Vollzeit. Gähn.

"Wirklich, nichts für ungut, ich wünsche den 3,9 Millionen Beschäftigten, dass es klappt. Aber es ändert nichts."

Klar, die Forderungen sind nicht falsch. Es ist gut, wenn Arbeitnehmer weniger arbeiten können, um sich um ihre Familie zu kümmern. Besonders zeitgemäß und sozial ist, dass Menschen, die in ihrer arbeitsreduzierten Zeit Kinder oder Eltern pflegen, einen Lohnausgleich erhalten sollen. Wirklich, nichts für ungut, ich wünsche den 3,9 Millionen Beschäftigten, dass es klappt.

Am grundsätzlichen Problem ändert das aber leider nichts: Die Deutschen arbeiten viel zu viel. Nicht nur die Metaller, auch die Makler, Erzieher, Ärzte, Berater, Kellner, Lehrer: 43,5 Stunden im Schnitt jede Woche, mehr als noch vor 20 Jahren, ganz selbstverständlich auch am Wochenende und nach Feierabend, zu Hause aus dem Bett sowieso. Packt man die halbe Stunde Kantinenzeit und die durchschnittlich 16,9 Kilometer Pendelweg noch oben drauf, Sie kennen die Rechnung, viel Zeit für anderes bleibt nicht übrig.