Es ist ein kalter Tag im Februar 2017, als Semih Yalcin erkennt, dass sich etwas ändern muss. 200 Meter hat er noch bis zum Kunden, das warme Essen in der pinken Thermobox auf dem Rücken, da kracht es plötzlich. Yalcin, 29 Jahre alt, steigt von seinem Trekkingrad, schaut nach. Das Hinterrad blockiert, ein Achsenbruch. Mist, denkt er. Die Reparatur kostet schnell über 100 Euro, viel Geld für jemanden, der im Nebenjob Essen ausfährt.

Yalcin macht Fotos von dem kaputten Hinterrad, meldet die Panne per Handy über den Mitarbeiterchat, macht zur Sicherheit Screenshots von der Unterhaltung, füllt später noch ein Formular aus. Foodora übernimmt schließlich die Kosten – allerdings nicht für den Platten, den er mit einem Ersatzrad hat. "Ein Fahrer, der nicht so hartnäckig ist wie ich, hätte sich vielleicht längst abschütteln lassen", glaubt Yalcin. "Da war mir klar, dass man da mal gegenhalten muss."

Oft sprechen die Fahrerinnen gar nicht miteinander

Das Lieferdienst-Start-up Foodora ist derzeit in 36 Städten in Deutschland vertreten, 2.600 Kuriere eilen wie Yalcin auf Fahrrädern oder Rollern zwischen Restaurants und hungrigen Großstädtern hin und her, bei Wind und Wetter, bei Schnee und Regen. Den Konkurrenten Deliveroo, dessen 1.500 Fahrerinnen und Fahrer das Essen in einer türkisfarbenen Thermobox transportieren, gibt es in 15 deutschen Städten. Die beiden Firmen gelten als prominente Beispiele der Plattformökonomie – für ein Wirtschaftsmodell, bei dem ein Algorithmus im Hintergrund den Takt der Arbeit vorgibt, die App den Betrieb ersetzt und die Arbeitskräfte maximal flexibel angeheuert werden. Bei Foodora arbeiten die Fahrer angestellt, als Vollzeitkräfte mit 168 Stunden im Monat, als Mini- oder Midijobber oder als Werkstudenten. Bei Deliveroo arbeitet ein Teil der Fahrerinnen und Fahrer als Freelancer und auf Abruf. In der Regel sprechen die Kuriere nicht mit einander: Sie teilen kein Büro, sondern die Straße.

Die Beschäftigungsverhältnisse sind ein Grund, warum Experten skeptisch sind, ob sich die Mitarbeiter in dieser neuen digitalen Wirtschaft so organisieren können wie die Belegschaften der alten, großen Industriebetriebe. Können die appgesteuerten Jobber mit derselben Kraft für ihre Interessen einstehen wie einst die Stahlkocher im Ruhrgebiet? Möglicherweise wollen viele der Essenskuriere das auch gar nicht – weil für sie die Arbeit nur ein Nebenjob ist und sie möglichst wenig von einem klassischen Arbeitsverhältnis suchen. Der Organisationsforscher Ayad Al-Ani hat für eine Studie Menschen befragt, die von zu Hause Aufträge über Internetplattformen erledigen. Viele von ihnen hatten demnach nur verhaltene Erwartungen an Gewerkschaften und klassische Arbeitnehmervertreter, sie wollten allenfalls etwas Beratung, aber kaum Streikbeistand.

Was passiert, wenn die Gangschaltung hakt?

Umso ungewöhnlicher ist, was derzeit in Köln passiert: Mitte Februar gründeten die Essenskuriere von Deliveroo dort einen Betriebsrat. Bei Foodora gibt es bereits seit vergangenen Sommer eine Vertretung, ebenfalls am Standort Köln, an dem Foodora 220 Fahrerinnen und Fahrer beschäftigt. Semih Yalcin, der Kurier mit der gebrochenen Hinterachse, ist dessen Vorsitzender. Was passiert, wenn die Reifen platt sind und die Gangschaltung hakt? Was ist, wenn ein Kurier krank wird? Warum werden die Fahrerinnen und Fahrer während ihrer Schichten so engmaschig per GPS überwacht? Solche Fragen wollen die Betriebsräte nun gemeinsam mit ihrem Arbeitgeber klären und für mehr Rechte eintreten. Die Firmen behindern jedoch die Betriebsratsarbeit. Sie lassen Verträge auslaufen von Beschäftigten, die sich für die Mitarbeitervertretung einsetzen. Bezahlen offenbar nicht die Arbeitszeit, die ein Mitarbeiter seiner Betriebsratstätigkeit widmete. Und sie geben Daten zur wirtschaftlichen Lage des Start-ups nicht heraus, wozu sie eigentlich verpflichtet sind.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Arbeitgeber sich nicht immer über Betriebsräte freuen. Sie machen Arbeit, sie kosten das Unternehmen Geld, weil Betriebsräte sich während der Arbeitszeit für die Belange ihrer Kollegen einsetzen und Schulungen besuchen dürfen. Foodora und Deliveroo sind junge Unternehmen, beide expandieren stark. Der Markt in den Städten ist umkämpft, der Druck ist groß, ihr Geschäft profitabel zu bekommen. Aber erschweren sie deswegen die Gründung eines Betriebsrates?

Das Start-up Deliveroo verneint das gegenüber ZEIT ONLINE und betont das gute Verhältnis zu den Kurieren: "Deliveroo ist im aktiven Austausch mit allen Fahrern, die mit uns in Deutschland kooperieren, um sicherzustellen, dass sie weiterhin gern mit uns arbeiten." Das belege auch die hohe Zufriedenheit der Fahrer. "Wir führen den Dialog auf unterschiedlichste Weise – über den Betriebsrat als auch verschiedene andere, bereits etablierte Formen."

"Eigentlich ist das bei Foodora ein sehr umweltbewusster Job. Man ist mit dem Fahrrad unterwegs, und genau deswegen habe ich mich dafür entschieden."
Caroline*, 28, arbeitete als Fahrerin bei Foodora

Das Aufbegehren bei Foodora begann mit einer Kleinigkeit. Plötzlich stand McDonald’s auf der Liste der Restaurants, bei denen die Fahrerinnen und Fahrer Lieferungen abholen sollten. Mitbestimmung können Beschäftigte bei solch einer Unternehmensentscheidung nicht fordern. Es ist Sache der Firma, wer zu den Kunden zählt. Aber Caroline Maier*, eine der Fahrerinnen, ärgerte sich trotzdem. "Eigentlich ist das bei Foodora ein sehr umweltbewusster Job", sagt die 28-Jährige. "Man ist mit dem Fahrrad unterwegs, und genau deswegen habe ich mich dafür entschieden." Oft hole man das Essen bei kleinen Restaurants, die sich keinen eigenen Lieferservice leisten könnten. Dass auf einmal eine Burgerkette dabei sei, die Caroline mit vielem verbindet, aber nicht unbedingt mit Nachhaltigkeit, das habe sie genervt.