Es gibt Tage, da kommt sie vom Dienst nach Hause, setzt sich auf ihr Sofa und heult. Vor Erschöpfung. Aber auch, weil sie ständig mit dem Gefühl lebt, den todkranken Menschen nicht gerecht werden zu können, die ihr anvertraut sind. Sonja B.* ist seit vielen Jahren Krankenschwester auf der Intensivstation einer Kölner Klinik. Sie hat einen der angesehensten Berufe in diesem Land, abwechslungsreich, herausfordernd, verantwortungsvoll. Sie mag ihre Arbeit, sagt sie. Dennoch hat sie gerade gekündigt. "Ich kann nicht mehr."

Wie Sonja B. geht es vielen Pflegenden in deutschen Krankenhäusern. Fast 3.000 Pflegekräfte haben ZEIT ONLINE und dem ARD-Fernsehmagazin Report Mainz ihren Alltag geschildert. Aus ihren Worten spricht Frustration, Wut und Verzweiflung. Sie zeugen davon, dass die Arbeitsbedingungen der Krankenhauspflege vielerorts schlecht sind – trotz einiger Bemühungen der Politik und mancher Klinikleitungen, die Lage zu verbessern.

Was Pflegende am stärksten belastet

86 % konnten ihre Patienten
nicht adäquat versorgen

85 % konnten ihre
Pausenzeiten
nicht einhalten

80 % konnten die
Hygienerichtlinien
nicht einhalten

75 % haben bereits eine
Überlastungsanzeige
geschrieben

Die Pflegenden haben sich gemeldet, nachdem ZEIT ONLINE und Report Mainz im November über die Situation in Krankenhäusern berichtet und aus internen Krankenhausunterlagen zitiert hatten. Diese Dokumente belegen, dass der seit Jahren bestehende Mangel an Pflegekräften regelmäßig zu gefährlichen Situationen für Patienten und zur Überlastung der Mitarbeiter führt. Die 3.000 Pflegenden bestätigten diese Bestandsaufnahme und berichteten von einer Fülle weiterer Vorfälle.

200 Überstunden, keine Pausen

Am häufigsten klagen sie über Personalmangel. Egal ob Intensivstation, Geriatrie oder Psychiatrie, überall fühlen sich die Mitarbeiter permanent überlastet. Sie haben ständig das Gefühl, sich nur im Laufschritt zu bewegen und trotzdem nicht genug zu schaffen. "Es gibt keine Pausen, die den Namen verdienen, keine zusammenhängende halbe Stunde", beschreibt Sonja B. ihren Alltag auf der Intensivstation. "Man kippt ein paar Gläser Wasser in der Küche herunter, isst einen Löffel." Seit Jahren gehe das schon so, ständig arbeite sie an der Grenze der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit. Alle Pflegekräfte auf ihrer Station hätten zwischen 70 und 200 Überstunden angehäuft. Für die Patienten bedeute das: "Schmerzmittel werden zu spät gegeben, Körperpflege ist nur rudimentär möglich. Gegen Angst und Verwirrung bekommen sie keine Zuwendung, sondern Medikamente, bis sie still sind."

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Deutsche Krankenhäuser vermitteln gern das Bild, Tempel der Technik zu sein, in denen hervorragend ausgebildete Mediziner mit millionenteuren Apparaten jede nur denkbare Krankheit heilen und in denen hochmotivierte Teams lächelnd jeden gesund pflegen. Das Krankenhausunternehmen Helios hat sogar eine firmeneigene Hymne dichten lassen, die bei Firmenfeiern erklingt und diesen Mythos beschwört: "Wir sind die Kinder von Helios", schmettert dort ein Chor und verspricht: "Vom Besten zu lernen, ohne Schranken ein Team, bei uns ist jeder Moment Medizin."

Für die Mitarbeiter klingt das wie Hohn. Ausgebildete Krankenpfleger und Krankenschwestern werden überall gesucht. Vor allem kleine Krankenhäuser und Kliniken auf dem Land haben enorme Probleme, solche Fachkräfte zu finden. Die Bundesagentur für Arbeit erstellt regelmäßig eine sogenannte Fachkräfteengpassanalyse. Schwestern und Pfleger tauchen darin seit vielen Jahren auf. In elf Bundesländern herrscht Fachkräftemangel in der Krankenpflege, in den übrigen fünf Ländern gibt es immerhin "Anzeichen für Fachkräfteengpässe".

Im Dezember 2015 schrieb die Bundesagentur, im Bundesdurchschnitt dauere es 114 Tage, um eine offene Stelle in der Pflege zu besetzen – 28 Tage mehr als beim Durchschnitt über alle Berufe. Und der Trend verstärkt sich. Im Juni 2017 hatte sich laut BA der Zeitraum, in dem Stellen in der Pflege unbesetzt bleiben, schon auf fast 150 Tage verlängert.

Zwar ist die Gesamtzahl der Beschäftigten in der Gesundheits- und Krankenpflege in den vergangenen Jahren leicht gestiegen. Doch der Anstieg geht vor allem auf niedriger Qualifizierte zurück. Je höher die Ausbildung, desto geringer ist der Anstieg. Die Zahl der Fachkrankenpfleger – beispielsweise für Intensivstationen – ist seit Jahren unverändert. Und die Zahl der Fachkinderkrankenpfleger ist zwischen 2014 und 2017 sogar gesunken. "Wir haben bei uns zehn neue Stellen geschaffen, um die Schichten besser auszustatten", berichtet Thomas R., Pflegedienstleiter einer Kinderklinik in Bayern. "Aber wir haben die Stellen gar nicht voll besetzt bekommen."