Wenn ein Krankenhaus eine Autofabrik wäre, dann wäre vieles einfacher. Dann könnten Krankenschwestern und Pfleger einfach streiken. Wenn nötig wochenlang. Beispielsweise dafür, dass alle Stationen angemessen besetzt werden, auch abends und nachts. Oder dafür, dass Kliniken so viel Personal einstellen müssen, bis niemand mehr an seinem freien Tag einspringen muss, weil wieder eine Schicht ausgefallen ist. Wenn Kliniken Autofabriken wären, dann könnten Pflegekräfte wie Metaller auftreten.

Doch Patienten sind Menschen, Krankenschwestern und Pfleger sind es auch. Von letzteren möchte niemand im Angesicht von Kranken und Leidenden streiken. Jedenfalls nicht mit der Konsequenz, die nötig wäre, um angemessene Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Stattdessen herrscht permanent Notstand. Patienten liegen sich wund, werden nicht gefüttert, bekommen ihre Medikamente zu spät oder die falschen. Die Pflegenden sind überarbeitet, gestresst und haben das Gefühl, sich nicht angemessen um die ihnen anvertrauten Menschen kümmern zu können. Zwar gibt es Krankenhäuser, deren Pflegeausstattung gut ist und wo alles weitgehend so funktioniert, wie es sollte. Doch das ist längst nicht überall der Fall.

Pflegenotstand - »Wir sehen uns gezwungen, das Leben unserer Patienten zu gefährden« © Foto: Report Mainz / SWR

Warum aber halten so viele Pflegende diese miesen Zustände aus? Sie haben doch die Macht in Händen. Wenn Krankenschwester und Pfleger nicht arbeiten, dann bricht das System Krankenhaus zusammen. Ohne sie geht nichts.

Es ist ein ganz bestimmter Typ Mensch, der in die Krankenhauspflege geht. Mit großen Idealen. Aber auch mit der Hoffnung auf Respekt und Wertschätzung. Immerhin hat er einen Beruf ergriffen, der gesellschaftlich hoch angesehen ist. Das tun häufig Leute mit einem schwächer ausgeprägten Selbstbewusstsein. Menschen, die sich nicht wehren, wenn sie das Gegenteil von dem bekommen, was sie sich gewünscht haben.

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Deshalb kommt der Politik ein besonderer Schutzauftrag zu. Sie muss endlich klar definieren, was gute Pflege eigentlich ist und Messgrößen schaffen, anhand derer man das bestimmen kann. Dann gäbe es eine Handhabe, schlechte Zustände eindeutig zu benennen und dagegen vorzugehen. Mindestbesetzungen für unterschiedliche Stationen zu definieren, ist da ein Anfang. An ständig zunehmender Arbeitsverdichtung und überbordender Bürokratie ändert das aber noch nichts.

Deshalb müssen sich Krankenschwestern und Pfleger auch selbst eine größere Autorität erkämpfen. Es hilft nichts, auf den guten Willen der Sozialpartner zu hoffen. Wenn heute darüber verhandelt wird, wo in Kliniken künftig Geld ausgegeben werden soll, sitzen Krankenhausdirektoren und Krankenkassen an einem Tisch. Pflegende sind da höchstens indirekt vertreten. Und so werden sie behandelt.

Also müssen sie selbst laut werden und für ihre Rechte und Wünsche eintreten. Das heißt auch: Streiken. Wenn nötig wochenlang, wie die Metaller. Die Patienten werden es ihnen danken. Denn schlechte Pflege hat noch keinem Kranken geholfen, gesund zu werden.

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