Eigentlich war hinter der Theke ausreichend Raum. Doch Janas Chef im Restaurant tat immer wieder so, als sei der Platz knapp, und drückte sich eng an ihren Körper, wenn er an ihr vorbei ging. Einmal gab er Jana zur Verabschiedung die Hand. Er ließ ihre Hand aber nicht wieder los, sondern drückte sie gegen seinen Penis. Jana ließ es über sich ergehen, weil sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Kurz nach dem Vorfall kündigte sie.

Die Studentin, die wir hier Jana nennen und die eigentlich anders heißt, ist eine von Hunderten Frauen, die uns von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz berichtet haben, nachdem wir auf ZEIT ONLINE nach den Erfahrungen unserer Leserinnen und Leser gefragt hatten. Viele der Frauen, die uns schrieben, arbeiten wie Jana in der Gastronomie.

Sexismus ist in der Gastronomie allgegenwärtig

Ihre Geschichten reichen von doppeldeutigen Bemerkungen bis zu tätlichen Übergriffen. Uns schilderte die Mitarbeiterin eines Fast-Food-Lokals, dass sie eine verschmierte Öffnung einer Ketchup-Flasche säuberte, was ihr Chef mit den Worten kommentierte: "Immer schön das Loch sauber halten!" Es meldete sich die Kellnerin, zu der ein Gast sagte, wenn sie ihm keine Milch bringe, müsse er wohl sie anzapfen. Eine andere Kellnerin, deren männliche Kollegen sich ständig über die Körper der weiblichen Mitarbeiterinnen unterhalten und bewerten, mit wem sie am liebsten schlafen würden. Und es schrieb uns eine Auszubildende zur Köchin, deren Küchenchef ihr an den Hintern fasste und die zum Putzen mit den Worten "Hol mal die Gummifotze, es ist Zeit zum Wischen" aufgefordert wurde. Mit "Gummifotze" meinten ihre Kollegen den Gummiabzieher für den Fußboden.

Ob alle Geschichten, die uns zugeschickt wurden, sich exakt so zugetragen haben, lässt sich schwer überprüfen. Doch zusammen zeichnen die vielen Berichte aus der Gastronomie das Bild einer Branche, in der Sexismus allgegenwärtig ist. Die Berichte zeigen, dass Frauen, die im Service oder in der Küche arbeiten, von allen Seiten mit sexuell aufgeladenen Sprüchen und unerwünschten Berührungen rechnen müssen: von Kollegen, Chefs und Gästen. Eine erfahrene Kellnerin schrieb uns, dass übergriffiges Verhalten in so gut wie jeder gastronomischen Einrichtung Alltag sei.

Bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten heißt es, das Problem der sexuellen Belästigung sei sehr groß in der Branche. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes schreibt, dass in der Gastronomie wahrscheinlich ein besonders hohes Risiko bestehe, Opfer sexueller Belästigung zu werden. Umfangreiche Statistiken darüber gebe es aber leider keine.

Zumindest gibt es Statistiken darüber, wie viele Menschen in der Gastronomie arbeiten. Die Agentur für Arbeit zählt über 1,6 Millionen Beschäftigte, die hierzulande kochen, kellnern und Drinks mixen. Mehr als die Hälfte von ihnen ist weiblich: Über 900.000 Frauen und etwa 700.000 Männer arbeiten in der Gastronomie. In den USA gibt es auch Zahlen, die untermauern, wie weit verbreitet sexuelle Belästigung in der Branche ist. In einer Untersuchung der Organisation Restaurant Opportunities Center aus dem Jahr 2014 gaben 90 Prozent aller befragten Restaurantmitarbeiterinnen an, bereits sexuelle Belästigung durch Kunden erlebt zu haben. Auch viele der männlichen Mitarbeiter berichteten von solchen Erfahrungen. Unter ihnen war die Quote der Belästigten etwa halb so hoch wie bei den Frauen.

"Hol mal die Gummifotze, es ist Zeit zum Wischen."
Kollegen gegenüber einer Auszubildenden zur Köchin

Auch wir haben Einsendungen von sexuell belästigten Männern aus der Gastronomie erhalten. Insgesamt haben uns zu sexueller Belästigung 51 Berichte von Frauen und drei Berichte von Männern erreicht, die angaben, in "Tourismus und Gastronomie" zu arbeiten. Die Schilderungen von 25 Frauen und zwei Männern lassen sich eindeutig der Gastronomie zuordnen. Vermutlich arbeiten aber noch mehr der Frauen, die sich bei uns meldeten, in Restaurants, Cafés und Bars. Die zwei Männer aus der Gastronomie berichten beide von sexueller Belästigung durch Vorgesetzte. Einer von ihnen schreibt, dass seine ehemalige Chefin von allen männlichen Kellnern an jedem Arbeitstag einen Kuss einforderte. Wer nicht mitgemacht habe, sei plötzlich aus Schichten gestrichen oder gekündigt worden.

Es gibt neben der Befragung des Restaurant Opportunities Center noch eine weitere Untersuchung aus den USA, die kein gutes Licht auf die Gastronomie wirft: eine Auswertung der Statistiken der Equal Employment Opportunity Commission (EEOC), einer Behörde, die Diskriminierung am Arbeitsplatz entgegenwirken soll. Zwischen 2005 und 2015 gingen bei der Behörde insgesamt 85.000 Beschwerden wegen sexueller Belästigung ein, knapp die Hälfte der Beschwerden können Branchen zugeordnet werden. Die Belästigungsbranche Nummer eins, gemessen an der Zahl der Beschwerden, war das Gastgewerbe, also Gastronomie und Hotellerie.

Von Kellnerinnen wird erwartet, Belästigungen stillschweigend zu ertragen

Diese Daten lassen sich nicht eins zu eins auf das Gewerbe in Deutschland übertragen. Doch die vielen Berichte, die wir von in der Gastronomie arbeitenden Frauen bekommen haben, legen nahe, dass sexuelle Belästigung auch hier weit verbreitet ist. Warum ist das so?

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nennt als mögliche Gründe alkoholisierte Gäste und Gruppendynamiken in reinen Männerrunden. Beides ist plausibel – aber das Problem zugleich viel größer und komplizierter. Denn Übergriffe gehen nicht nur von den Kunden aus. Auch Kollegen und Vorgesetzte sind Täter. Gleichzeitig zeigt sich im Umgang mit aufdringlichen Gästen, dass viele Chefs in ihren Betrieben eine Belästigungskultur tolerieren.

Ein Wirt könnte einen übergriffigen Betrunkenen problemlos des Lokals verweisen. Er könnte einer Herrenrunde, deren Mitglieder sich gegenseitig mit Anzüglichkeiten übertreffen, Grenzen setzen. Und er könnte seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern versichern, dass sie belästigende Gäste jederzeit rausschmeißen dürfen. Mehrere der Frauen, die sich bei uns gemeldet haben, berichten allerdings, dass sie bei ihren Chefs in der Gastronomie keinen Rückhalt fanden, wenn Kunden zudringlich wurden. Und dass es gewisse Erwartungen gibt, wie sie ihre Rolle als Kellnerin ausüben: Sexuelle Belästigungen sollen sie stillschweigend ertragen.

Immer schön lächeln und freundlich sein

"Ein Gast sagte, dass er mich gerne durchf***** würde und hat sich dabei in den Schritt gefasst und dann versucht mich anzufassen. Als ich meinem Chef davon erzählte, sagte er, dass ich lernen müsse, so was zu ignorieren und er den Gast deswegen sicherlich nicht rausschmeißen würde", schrieb uns eine Frau. Eine andere berichtete, dass Vorgesetzte bei Sexismus raten, über den Dingen zu stehen. "Schließlich sind wir Dienstleister, auf Trinkgeld angewiesen und sowieso ist der Gast immer König. Motto: Immer schön lächeln und freundlich sein – sex sells!"

Auch andere Servicemitarbeiterinnen machen die Erfahrung, dass in der Branche ein sexuell aufgeladenes Bild professioneller Freundlichkeit vorherrscht. Sie werden aufgefordert, mehr Ausschnitt zu zeigen – oder zu einem bestimmten Gast, der "junge hübsche Mädchen" mag, besonders nett zu sein. Sie erleben, dass Vorgesetzte ihre Qualifikation als Kellnerin auf Äußerlichkeiten reduzieren und mit Stammkunden über ihre Figur diskutieren.

"Wir alle erleben, dass Frauen massiv weniger wertgeschätzt werden als männliche Mitarbeiter, dass ihnen nichts zugetraut wird."
Mary Scherpe, Restaurantkritikerin und Gründerin des Feminist Food Club

Die Branche hat ein systemisches Problem, glaubt die Restaurantkritikerin Mary Scherpe. "Die Art, wie in der Gastronomie gearbeitet wird, bereitet Sexismus den Boden", sagt sie, "und zwar nicht nur im Service, sondern auch in der Küche." Die Chefs seien in der Regel männlich, Personalabteilungen nicht vorhanden, Gewerkschaften wenig präsent.

Heute schreibt Scherpe als Restaurantkritikerin auf ihrem Blog Stil in Berlin über Neueröffnungen und Esskultur in der Hauptstadt, früher hat sie selbst gekellnert. Vor etwa einem Jahr gründete die Bloggerin den Feminist Food Club, ein Netzwerk von inzwischen etwa 700 Frauen aus der Gastronomie und Food-Szene. Scherpe findet, dass die in der Branche weit verbreitete sexuelle Belästigung in einem größeren Zusammenhang zu sehen ist: als Ausdruck einer Frauenfeindlichkeit, die sich auf vielen Ebenen zeigt.  "Wir alle erleben, dass Frauen massiv weniger wertgeschätzt werden als männliche Mitarbeiter, dass ihnen nichts zugetraut wird", sagt Scherpe. Und sie erzählt, dass viele Frauen irgendwann kündigen, weil sie den grassierenden Sexismus in der Branche nicht mehr länger ertragen.

Wer sich beschwert, gilt als unbequem

Die Küchen der Spitzengastronomie gelten seit Langem als hyperhierarchische Männerdomäne. Als eine Welt mit eigenen Gesetzen, in der man Machismo und Demütigungen ertragen muss, weil in der Küche nun mal ein etwas derberer Umgang üblich ist. Frauen wie Männer berichten von diesen häufig nicht hinterfragten Selbstverständlichkeiten, beispielsweise die deutsche Zwei-Sterne-Köchin Douce Steiner und René Redzepi, der Küchenchef des Noma. Die Schilderungen der Frauen, die sich bei uns gemeldet haben, sprechen allerdings dafür, dass diese Überzeugungen auch in der Gastronomie jenseits der Sterneküchen verbreitet sind.

Eine Kellnerin schrieb uns, sie selbst habe irgendwann angefangen, übergriffiges Verhalten nicht mehr als sexuelle Belästigung zu betrachten. Stattdessen habe sie gedacht: Das sei eben so, "als hätte die Gastro eigene Regeln". Wenn sie von Frauen lese, die im Büro sexuell belästigt wurden, denke sie, dass das bei ihr ja etwas Anderes sei.

Die Auszubildende zur Köchin, die aufgefordert wurde, die "Gummifotze" zu holen, beschwerte sich über die Belästigungen. Sie bekam daraufhin aber keine Unterstützung, sondern zu hören, sie solle sich "mal nicht so anstellen. Nicht so empfindlich sein. Dinge nicht so persönlich nehmen." Die Auszubildende schreibt, dass sie dennoch den Mund aufgemacht und so schnell den Ruf erworben habe, immer Widerworte zu geben, unbequem zu sein – und für den Beruf als Köchin nicht geeignet.

Gelten in der Gastronomie eigene Regeln?

"Der Glaube, dass in der Gastronomie eigene Regeln gelten, ist ein extrem schädlicher Mythos", sagt Mary Scherpe. "Es ärgert mich sehr, dass zum Beispiel immer wieder behauptet wird, in der Küche herrsche eben ein rauer Ton und man müsse mit der Machokultur klarkommen. Diese Überzeugungen tragen mit dazu bei, dass es so viel Sexismus gibt."

Was muss sich in der Branche ändern?

Eine Sprecherin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten sieht das genauso. "Wir brauchen einen Bewusstseinswandel, was in der Gastronomie als normal gilt", sagt sie. Und man dürfe auch nicht vergessen, dass Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet seien, ein belästigungsfreies Klima zu schaffen.

Auf eine Gesprächsanfrage, was auf Seite der Arbeitgeber getan wird, um Beschäftigte vor sexueller Belästigung zu schützen und den Schutz zu verbessern, verweist der zuständige Arbeitgeberverband Dehoga auf eine Informationsbroschüre. Wenig konkret schreibt die Dehoga, dass sie "ohne Wenn und Aber jede Form von sexueller Belästigung" verurteile.

"Eigentlich alles" müsse sich in der Branche ändern, um Sexismus einzudämmen, findet Mary Scherpe. "Die Gastronomie braucht mehr Frauen in leitenden Positionen und jedes Restaurant einen Ansprechpartner, an den man sich bei sexueller Belästigung wenden kann." Die Verantwortung liege aber auch beim Gast und bei Restaurantkritikern wie ihr, sagt Scherpe: "Wenn bekannt ist, dass ein Wirt ein furchtbarer Chauvinist ist und seine Mitarbeiter schlecht behandelt, dann gehe ich da nicht mehr hin und schreibe erst recht nicht auf meinem Blog über sein Restaurant."