Große Koalition, ja oder nein? Unsere Gäste beginnen zu diskutieren, bevor sie überhaupt die Jacke ausgezogen haben. ZEIT ONLINE hatte Leser mit SPD-Parteibuch gefragt, was sie von einem Bündnis mit der Union halten. Hunderte schrieben uns eine E-Mail oder posteten in unseren Kommentarbereich. Um diese Debatte zu vertiefen, haben wir sieben Genossinnen und Genossen in die ZEIT-ONLINE-Redaktion nach Berlin eingeladen. Ist die Stimmung an der Basis wirklich so schlecht, wie man wegen der turbulenten Wochen bei der SPD glauben kann?

"Die SPD ist meine Partei. Aber wenn ich mal ein Magengeschwür bekomme, wird es wegen der SPD sein." Alle sieben Teilnehmer lachen, als Alice Greschkow das sagt. Wirklich frustriert wirkt hier niemand. Aber alle Genossen kennen das natürlich: Das Hoffen und Bangen und das Leiden mit ihrer zuletzt doch oft so verunsicherten Partei.

Nach zwei Stunden Gespräch ist die Kaffeekanne noch halb voll und die Croissants nicht aufgegessen, Debattieren lenkt ab. Wir fassen die wichtigsten Aussagen zusammen.

Weg von der Schwurbelei – es fehlt eine Definition für die SPD

Über das Für und Wider einer großen Koalition diskutieren unsere Teilnehmer kontrovers, aber in einem sind sie sich einig: Die Politik der SPD muss endlich wieder klar von der Union unterscheidbar sein. "Ich wehre mich dagegen, dass man sagt, es war alles Mist in den vergangenen vier Jahren", sagt Matthias Müller. Die SPD habe eher ein Vermittlungsproblem: "Der Mindestlohn zum Beispiel. Wir haben unsere Erfolge nicht verkauft und auch nicht verkauft, was diese Erfolge für Land und Menschen bedeuten."

SPD - »Der Linksruck wird kommen« Sechs SPD-Mitglieder diskutieren im Video über die Zukunft ihrer Partei – und erzählen, warum sie für oder gegen die große Koalition stimmen werden. © Foto: Ute Brandenburger für ZEIT ONLINE

Es fehle der Politik – und im Besonderen der SPD – an einer alltagsnahen Sprache, glauben die Teilnehmer: "Sachgrundlose Befristung ist etwas, unter dem sich kaum ein Passant spontan etwas vorstellen kann", gibt Alice Greschkow ein Beispiel. Dabei habe die SPD in den Koalitionsverhandlungen durchgesetzt, dass künftig weniger Arbeitsverträge mit einem Ablaufdatum versehen sind.

Die Groko-Gegner finden hingegen, in der letzten großen Koalition sei zu wenig passiert, worauf man stolz sein könne. "Wenn etwas scheiße ist, dann kann man es auch nicht vermarkten", sagt Hannah Lupper mit einem Schmunzeln.   

Die Teilnehmer sind sich einig, dass es der SPD an einer attraktiven Erzählung für die Zukunft fehlt. Was bedeutet "soziale Gerechtigkeit" im 21. Jahrhundert? Wie definiert man gute Arbeit in Zeiten, in denen die Digitalisierung droht, bisherige Arbeitsplätze überflüssig zu machen? Allzu oft, finden die Anwesenden, rede die Parteiführung mit optimistischen Phrasen über grundlegende Probleme hinweg. Diese "Schwurbelei", wie es Alice Greschkow nennt, gebe aber keine Antwort auf Zukunftsfragen, die die Menschen hätten. Zum Beispiel: Wie soll das gesellschaftliche Miteinander in Zukunft aussehen?