Auch wenn Alice Greschkow inhaltlich Bauchschmerzen bei einem Ja zur Groko hat, sagt sie: "Die SPD könnte an der Regierung zumindest ein wenig soziale Politik umsetzen. Wenn wir es gar nicht erst probieren, dann werden wir in jedem Fall mit leeren Händen dastehen."

Matthias Müller, der ehemalige Pressesprecher in Offenbach, sagt: "Ich verstehe den Unmut über eine neue große Koalition: Über unserem Land liegt Mehltau, es geht politisch immer genau so weiter. Aber im Koalitionsvertrag werden immerhin einige Probleme angegangen. Wohnungsbau, Bildung und für den Einzelnen der Punkt, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer wieder gleich viel in die Krankenversicherung einzahlen. Mit Begeisterung werde ich auch nicht zustimmen, weil wichtige Zukunftsprobleme wie Digitalisierung und Migration unzureichend behandelt werden, aber ich werde zustimmen."

Den Gegnern der großen Koalition hingegen reichen kleine Erfolge im Koalitionsvertrag nicht aus. Die Union werde die SPD für ihre konservative Politik doch nur zum Komplizen machen und SPD-Herzensprojekte, wie Reformen in der Gesundheitspolitik oder bei der Rente, blockieren, sagen die Diskutanten. Roland Priebe ist vehement gegen die Neuauflage der Regierung. Seit vielen Jahren stehe er für die SPD am Wahlkampfstand. Doch im Sommer seien ihm schlicht die Argumente ausgegangen: "Ich weiß nicht mehr, was ich den Menschen erzählen soll. Ich kann den Wählern keine Unterscheidbarkeit zur CDU mehr vermitteln." 

Wie umgehen mit Migration? 

Bei der Flüchtlingspolitik hat die SPD versagt, findet Hannah Lupper: "Da hat sich mein Magen umgedreht. Ich habe fast meinen Kaffee verschüttet, als ich morgens von der Einigung für den Koalitionsvertrag gehört habe. Die SPD hat der Union geholfen, eine rechtssichere Formulierung für die Obergrenze zu finden. Dadurch zementiert die SPD eine Linie, hinter die sie nicht mehr zurück kann."

Lupper bezieht sich auf die Formulierung, wonach die Regierung die Zahl der Zuwandernden pro Jahr auf maximal 220.000 begrenzen will – allerdings soll das Grundrecht auf Asyl für politisch Verfolgte und die Genfer Konvention für Kriegsflüchtlinge weiter gelten, auch wenn mehr Menschen im Land sind. Die SPD-Führung betont daher, sie habe keiner Obergrenze zugestimmt. Kornelius Geier sieht die Einigung realpolitisch: "Das ist ein Eingeständnis an die CSU. Das steht einfach nur auf dem Papier, um gewisse Parteien zu besänftigen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wirklich ein Flüchtling mehr abgewiesen wird als bisher." 

Lothar Bildat ist wichtig, dass Zuwanderung eine große Verantwortung mit sich bringe:" Natürlich gibt es so etwas wie eine Parallelwelt. Ich habe es selbst erlebt als Sozialarbeiter. Muslimische Jugendliche haben eine teilweise sehr problematische Haltung unserer Gesellschaft gegenüber." Wichtig ist aber auch ihm zu betonen: "Wir kriegen das hin. Aber nicht einfach dadurch, dass wir sagen: Wir schaffen das. Wir brauchen einen Masterplan für die Integration."

Alice Greschkow unterscheidet  zwischen parteipolitischer und staatspolitischer Ebene: "Es ist ein furchtbarer Kompromiss aus Sicht der SPD-Programmatik, aber er wird bei den Menschen gut ankommen. Ich kann die Augen nicht davor verschließen, dass meine Meinung, die liberaler ist, sich nicht deckt mit der Meinung, die in Deutschland besteht."

Und die AfD?

Die SPD müsse dem Rechtsruck der AfD etwas entgegensetzen, da sind sich alle einig – ob in der Regierung oder in der Opposition. "Die AfD geht weg von ihrem neoliberalen Ton und setzt auf soziale Themen", sagt Hannah Lupper. "Das ist gefährlich, die SPD muss diese Themen daher mit neuer Wucht besetzen. Es hilft nichts, nur ein bisschen antirassistisch zu sein."

Gäbe es jetzt Neuwahlen, dann würden die konservativen und rechten Parteien zulegen, da sind sich auch die Gegner einer großen Koalition sicher. Doch das dürfe kein Kriterium sein: "Ich kann doch nicht schlechte Politik machen, nur aus Angst, weil die Alternative Neuwahlen ist. Man kann doch die Demokratie nicht retten, indem man verhindert, dass die Menschen etwas wählen, das einem nicht schmeckt", sagt Alia Boecker.

Doch auch in der neuen großen Koalition könnte der rechte Rand wachsen, befürchten die Genossen und Genossinnen. Ein Bündnis mit der Union würde der SPD zumindest ermöglichen, vor der nächsten Wahl bessere Strategien gegen die AfD zu entwickeln, sagt Matthias Müller: "Wir würden uns Zeit erkaufen, Zeit am Abgrund."