Wenn es um die schlechte Lage der SPD geht, dann heißt es oft, das liege an den Sozialreformen von Kanzler Gerhard Schröder. Unsere Diskutantinnen und Diskutanten sehen das etwas differenzierter.

"Ich kann diese Klagen über Hartz IV im Ortsverein nicht mehr hören. Ein bisschen Zukunftsoptimismus würde der Partei nicht schaden. Es ging uns noch nie so gut. Und heute haben wir andere Probleme", sagt Matthias Müller.

Gleichzeitig glauben die Genossinnen, dass die SPD sich dem schmerzlichen Thema stellen muss. "Warum gesteht die Parteiführung nicht mal Fehler ein, warum führt sie nicht mal Diskussionen, die wehtun?", fragt auch Kornelius Geier. "Ich würde schon gerne darüber reden, wo hat die Agenda 2010 die Sozialsysteme geschwächt und was sollten wir ändern", sagt Hannah Lupper: "Ich bin zum Beispiel dafür, die Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger abzuschaffen. Jeder, der mal Arbeit gesucht hat, weiß: Was da zum Teil in den Jobcentern passiert, ist entwürdigend."

Hannah Lupper (l) und Alia Boecker (r) hoffen, dass der Anteil der Nein-Stimmen am Sonntag groß sein wird. © Michael Pfister für ZEIT ONLINE

Gabriel, der letzte Rock 'n' Roller der SPD

Alle Teilnehmer sehen die emotionalen Ausbrüche des scheidenden Außenministers Sigmar Gabriel kritisch. Allerdings sei der langjährige SPD-Chef jemand, der vielen Genossen Orientierung gegeben habe. "Gabriel ist der letzte Rock 'n' Roller der SPD", so formuliert es Matthias Müller. Andrea Nahles hingegen werde eine "Übergangsvorsitzende" sein, weil sie an der Mammutaufgabe, die SPD zukunftsfähig zu machen, scheitern müsse.

Roland Priebe findet Nahles' Auftreten oft "infantil und peinlich", ihm stoßen Formulierungen wie "Bätschi" und "in die Fresse" auf.

Alice Greschkow glaubt, dass Nahles da ein typisch weibliches Problem habe: Wenn Sigmar Gabriel poltere, werde das als Führungsstärke wahrgenommen, bei ihr als Schrillheit.

Die Entscheidung

Die große Koalition kommt – jedenfalls glauben alle Teilnehmer, dass beim Mitgliederentscheid die Befürworter knapp gewinnen. Die Gegnerinnen hoffen aber, dass die Nein-Stimmen ein deutliches Zeichen an die Parteiführung setzen.

Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung sind die Teilnehmer optimistisch: Gerade der Aufruhr der vergangenen Wochen verhelfe der Partei zu neuer Lebendigkeit. "Die SPD-Basis erlebt eine Sternstunde", sagt Hanna Lupper: "Wir haben 24.000 Neueintritte, die Ortsvereine sind voll, wir diskutieren, wir lassen uns von der Parteiführung nichts mehr vorschreiben. Wir sind in einem Häutungsprozess, der alte Basta-Führungsstil ist vorbei, egal wie das ausgeht."

 "Ich finde die SPD so geil wie lange nicht mehr", sagt auch Alice Greschkow: "Ich meine die Diskussionskultur. Es passiert etwas, die Leute bringen Dinge wieder auf den Tisch, gehen wieder zu Ortsvereinen."

Die Diskussion in den Räumen von ZEIT ONLINE verlief sachlich und respektvoll. Jeder durfte ausreden. Nie war der Ton schneidend. Doch hat das zweistündige Gespräch auch gezeigt, dass es eben nicht so einfach ist, das Patentrezept für die Zukunft der SPD zu finden. Oft wurde ein Wunsch nach einer neuen Zukunftsvision, einem attraktiven Narrativ für die Wähler formuliert. Doch wirklich konkret wurden die Diskutanten an dem Punkt nicht. Es ist ja auch schwer, etwas zu finden, das den unterbezahlten Arbeiter und den liberalen Großstadt-Start-upper zusammenhält.

Aus den Zuschriften zu unserer Leserumfrage hat ZEIT ONLINE fünf Protagonisten ausgewählt. Um eine möglichst ausgewogene Verteilung von Geschlechtern und Altersgruppen zu gewährleisten, haben wir zusätzlich noch Hannah Lupper und Alice Greschkow eingeladen.