ZEIT ONLINE: In jeder Stellenausschreibung wird verlangt, dass man teamfähig ist. Wieso ist diese Eigenschaft in den vergangenen Jahren so wichtig geworden?

Brennan Jacoby: Den Grund dafür sehe ich in unserer schnell wachsenden Welt. Gerade weil so viel Arbeit von Computern übernommen wird, braucht es Teamarbeit mehr denn je. Die künstliche Intelligenz hat zwar bewiesen, dass sie in manchen Fällen effektiver ist als der Mensch. Beispielsweise bei Produktionsarbeit oder wenn Informationen aufgrund gewisser Vorgaben verarbeitet werden müssen. Trotzdem ist sie nicht in der Lage, komplexe Probleme so effizient zu lösen wie Menschen in der Gruppe. Laut einer Liste des Weltwirtschaftsforums gehören das Lösen komplexer Probleme und kritisches Denken zu den zehn wichtigsten Fähigkeiten der Arbeitswelt im Jahr 2020. Beides Dinge, die man alleine erledigen kann. Wenn man sie jedoch gemeinsam mit anderen tut und dazu in der Lage ist, die Gefühle der Kollegen zu erkennen und zu begreifen, profitiert man dabei von den verschiedenen Sichtweisen.

ZEIT ONLINE: Das heißt, wenn wir nicht zusammenarbeiten, übernehmen Maschinen bald unsere Jobs?

"Es gibt auch Jobs, die von einer Gruppe ausgeführt werden, in der aber jeder für sich arbeitet: Telefonverkäufer, Einzelhandelskauffrauen oder Sachbearbeiter."
Brennan Jacoby
Der Philosoph Brennan Jacoby arbeitet an der School of Life in London, die Kurse anbietet zu Fragen des alltäglichen Lebens wie Beziehungen, Karriere, Familie, Zusammenarbeitet. © privat

Jacoby: Nicht unbedingt. Es gibt auch Jobs, die von einer Gruppe ausgeführt werden, in der aber jeder für sich arbeitet. Beispielsweise Telefonverkäufer, Mitarbeiter am Empfang, Einzelhandelskauffrauen oder Sachbearbeiter. Solche Jobs werden mit großer Wahrscheinlichkeit sehr bald von künstlicher Intelligenz übernommen. Wer jedoch in einem Job arbeitet, in dem gemeinsam nach Lösungen gesucht wird, muss sich weniger Sorgen um die Zukunft machen. Denn dafür braucht es Fähigkeiten wie Kreativität, emotionale Intelligenz und kritisches Denken. Computern fehlt jedoch eben dieses emotionale Können, weswegen sie nicht an die Resultate von menschlicher Teamarbeit rankommen.

ZEIT ONLINE: Wieso braucht es denn Teamarbeit? Ich kann doch auch als Einzelperson empathisch, kreativ und kritisch sein.

Jennifer Brook ist Forschungsleiterin bei Dropbox in San Francisco und beschäftigt sich mit der Zukunft der Arbeit. Gemeinsam mit Brennan Jacoby hat sie versucht herauszufinden, welche Eigenschaften erfolgreiche Teams ausmachen. © privat

Jennifer Brook: Die Menschheit ist an einem Punkt angekommen, an dem die Probleme unserer Gesellschaft nicht mehr von einem einzigen Verstand gelöst werden können. Das liegt vor allem an der nie zuvor dagewesenen Menge an Daten und Informationen. Obwohl unsere Technologie es schafft, diese in Sekundenschnelle zu verbreiten, müssen wir herausfinden, wie wir die Gesamtheit dieser Informationen bündeln, verstehen und nutzen können. Mir fällt dazu die Arbeit eines Teams von Krebsforschern ein, die wir für die Studie interviewt haben. Diese haben angefangen, ihre Erkenntnisse mit vielen anderen Laboren auf der ganzen Welt auszutauschen. Durch die Zusammenarbeit verbesserte sich das Verständnis für ihre Forschung rasant.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Teamarbeit in den Büros von Dropbox aus?

Brook: Zusammenarbeit ist ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsalltags bei uns. Die Mitarbeiter sollen als Teams frei experimentieren dürfen. Einige Teams haben beispielsweise schon ihre Smartphones aus Konferenzen verbannt oder gehen für Besprechungen spazieren. Außerdem gibt es sogenannte Teamverträge. In diesen werden die Aufgaben und Rollenverteilungen der Teammitglieder festgelegt. Diese Abmachungen helfen dem Team zu wissen, wer was zu tun hat. So ist jedem bewusst, was genau von ihm erwartet wird, denn die Mitglieder einigen sich gemeinsam darüber, was sie erreichen wollen und wie sie es tun.

ZEIT ONLINE: Was sind zum Beispiel wichtige Rollen in einem Team?

"In vielen gut funktionierenden Teams gibt es eine Person, die es sich zur Aufgabe macht, der alltäglichen Arbeit einen Sinn zu geben: Wir nannten ihn den Kulturmacher."
Jennifer Brook

Brook: Während der Studie konnten wir beobachten, dass es in vielen gut funktionierenden Teams eine Person gibt, die es sich zur Aufgabe macht, der alltäglichen Arbeit einen Sinn zu geben: Wir nannten ihn den Kulturmacher. Egal ob an Universitäten, in Forschungsinstituten, Büros, Theatern oder im Supermarkt. Überall sind wir über diesen einen Charaktertyp gestolpert. Auch bei Dropbox. Wirklich begabte Kulturmacher sind in der Lage, ihren Angestellten nicht nur den Nutzen ihrer Arbeit für sich selbst oder das Team aufzuzeigen, sondern ihnen eine Bedeutung für die Organisation oder die Gesellschaft bewusst zu machen. Das führt dazu, dass der Büroangestellte das große Ganze vor Augen hat und davon motiviert wird.

ZEIT ONLINE: Muss immer einer die Hosen anhaben und die anderen kontrollieren?

Brook: Wenn ein Team weiß, worin die Stärken der einzelnen Mitglieder liegen, kann es sein, dass jemand die Teamleitung übernimmt, obwohl er im Unternehmen sonst keine leitende Position innehat. Bei Dropbox helfen die sogenannten Work-with-me-docs, schon im Vorhinein etwas über die Dynamik des Teams zu erfahren. Das sind Anleitungen, die man über sich selbst schreibt und die erklären, wie eine andere Person am besten mit einem selbst zusammenarbeiten soll. In meinem Work-with-me-doc steht beispielsweise, dass mir sehr schnell langweilig wird, wenn ich nichts Neues lerne oder dass ich lieber Kollegen berate, als selbst Entscheidungen zu treffen.

ZEIT ONLINE: Die meisten Menschen arbeiten an weniger aufregenden Themen als der Krebsforschung. Brauchen wir die Teamarbeit wirklich auch in jedem Sachbearbeiterinnen-Büro?

Brook: Krebsforschung klingt zwar sehr exotisch, unterscheidet sich aber in der Praxis nicht erheblich von einem beliebigen Bürojob. Sobald ein gemeinsames Ziel verfolgt wird, ist Teamarbeit unerlässlich – egal in welcher Branche. Am besten ist es natürlich, wenn jeder Mitarbeiter sich diesem Ziel klar bewusst ist und er weiß, wofür er seine Arbeit macht.

Auf Knopfdruck kreativ

ZEIT ONLINE: Obwohl sich viele Menschen wünschen, sich mit ihrer Arbeit identifizieren zu können, sieht die Realität doch eher anders aus. Ist Zusammenarbeit aber nur dann möglich?

Jacoby: Natürlich ist es schön, wenn man eine tiefe Verbindung zu seiner Arbeit hat. Jedoch kann auch bei vermeintlich langweiligen Aufgaben gute Zusammenarbeit entstehen. Denn neben einem gemeinsamen Ziel und bedeutungsvoller Arbeit können auch kleine Verhaltenstipps zu besserer Zusammenarbeit führen. Beispielsweise ist uns während der Arbeit an der Studie aufgefallen, dass Menschen ihre Arbeit in vielen Fällen nicht aus Faulheit aufschieben, sondern weil sie nicht genau wissen, was sie zu tun haben. Aus dem Grund, weil sie in der Besprechung zu schüchtern waren, solange nachzufragen, bis der Auftrag klar war. Ebenso haben viele Angst davor, über ein Thema zu diskutieren. Doch eben diese objektive Kritik ist wichtig, sodass sich Ideen weiterentwickeln können.

"In vielen Fällen schieben Menschen ihre Arbeit nicht aus Faulheit auf, sondern weil sie nicht genau wissen, was sie zu tun haben."
Brennan Jacoby

ZEIT ONLINE: Kürzlich zeige eine Untersuchung, dass Gruppen extremere Entscheidungen treffen als Einzelpersonen, aber nicht unbedingt bessere.

Brook: Wir wollen mit unserer Studie keine Welt aufdrängen, in der alle alles die ganze Zeit zusammen machen. Natürlich ist es manchmal besser und in gewissen Fällen sogar nötig, alleine an etwas zu arbeiten. Jedoch gehört auch dazu, dass man bei gewissen Projekten wieder als Gruppe zusammenkommt und die nächsten Schritte plant. Ebenso gibt es komplexe Probleme, bei denen mehr als ein Verstand nötig ist, um sie zu lösen.

ZEIT ONLINE: In welchen Situationen ist es denn besser, alleine zu arbeiten?

"Man sollte vorbereitet zum Brainstormen erscheinen."
Brennan Jacoby

Jacoby: Beispielsweise beim Brainstorming, was eigentlich als Königsdisziplin der Teamarbeit angesehen wird. Aber tatsächlich klappt es meistens einfach nicht, sich zu treffen und dann auf Knopfdruck gute Ideen zu haben. Zumal diese in der Gruppe häufig beeinflusst werden, sobald jemand seine Idee vorstellt und sich daraufhin die Gedanken aller Teammitglieder in diese Richtung drehen. Aus diesem Grund schlagen wir in unserer Studie vor, dass man vorbereitet zu einem Brainstorming erscheint.

ZEIT ONLINE: Ist es noch Brainstorming, wenn man sich dafür vorbereitet?

Jacoby: Wenn ich ehrlich bin, nein. Aber das "vorbereitete Brainstorming" hat eindeutige Vorteile. Man erhält eine größere Vielfalt an Ideen, weil die eigenen Gedanken nicht von den Ideen der anderen Teammitglieder beeinflusst werden. Trotzdem heißt das nicht, dass das traditionelle Brainstorming ausgedient hat. Denn es ist sehr spannend zu sehen, wie während eines Brainstormings komplett neue Ideen entstehen, da man durch die Diskussion in der Gruppe an Dinge denkt, auf die man alleine nicht gekommen wäre.