Coworking-Spaces werden gern als das Arbeitsmodell der Zukunft dargestellt: Eine freiberufliche Grafikerin teilt sich einen Schreibtisch mit einem Zwei-Mann-Start-up und einem Programmierer, der von Berlin aus für ein Unternehmen in Kanada arbeitet. So global! So selbstbestimmt! So schöne Laptops überall! Keine Chefs, die über die Schulter auf den Bildschirm schielen, und niemand muss sich heimlich reinschleichen, wenn er erst um elf Uhr auf der Arbeit aufkreuzt.

Tatsächlich teilen sich immer mehr Menschen Büros, in denen sie unabhängig voneinander arbeiten: Waren im Jahr 2011 noch 43.000 Menschen weltweit in Coworking-Spaces registriert, werden es 2018 schon 1,7 Millionen sein. Das sind die Schätzungen der Global Coworking Survey 2018. WeWork, einer der größten Vermieter von geteilten Büros weltweit, wird inzwischen mit 20 Milliarden Dollar bewertet und vermietet weltweit über 929.000 Quadratmeter Fläche – an Selbstständige, aber auch an Firmen, die ihre Mitarbeiter zeitweise ausquartieren. In Deutschland ist Berlin die Stadt mit den meisten Coworking-Spaces: Projekt Zukunft listet über 100 davon.

Ein Arbeitsparadies sind Coworking-Spaces trotzdem nicht. Denn überall, wo Menschen in einem Raum sind, gibt es auch Probleme. Da in Coworking-Spaces Menschen zusammenarbeiten, die sich oft gar nicht kennen, spielt Teamgeist eher eine untergeordnete Rolle. So kann die Community – also die Gemeinschaft der Coworker in einem Büro – zu einem Sammelbecken für spleenige Egozentriker und mysteriöse Einzelgänger werden. Wir haben zehn Nervensägen unter die Lupe genommen, die man in den meisten Coworking-Spaces treffen wird.

Der Konvertierte

Er hat jahrelang in rigiden Konzernstrukturen geknechtet und an hässlichen Desktop-PCs gearbeitet. Doch diese Zeiten sind endgültig vorbei: Der Konvertierte hat sich im Coworking-Space neu erfunden, trägt experimentelle Frisuren, betont legere Kleidung und erzählt jedem ungefragt von seiner neugewonnenen Lebenslust und Freiheit. Zu seinem Imagewechsel gehört natürlich auch ein schickes neues Macbook, das er hauptsächlich wegen der Emoji Touch Bar gekauft hat. Jetzt kann er direkt über die Tastatur seine Emotionen mitteilen! Toll! Denn der Konvertierte hat sich vorgenommen, nie wieder eine formelle E-Mail zu schreiben. Wenn er einmal später als sonst im Coworking-Space erscheint, rechtfertigt er sich aus Gewohnheit für sein Zuspätkommen, nur um seinen Monolog dann mit den Worten "Aber ich bin ja jetzt mein eigener Chef, was soll’s!" zu beenden. Wegen seines unbändigen Enthusiasmus für das Thema New Work ist der Konvertierte immer ein gern gesehener Gast bei Community-Events.

Die Neue

Die Neue hat früher von zu Hause aus gearbeitet. Leider konnte sie mit den Freiheiten, die selbstbestimmtes Arbeiten mit sich bringt, nicht umgehen und hat tagelang ihr Bett nicht verlassen und im Pyjama Cornflakes gegessen. Damit sie ihre sozialen Fähigkeiten nicht völlig verlernt, musste sie sich eine Alternative zum Homeoffice suchen. Da bis vor Kurzem der Postbote und der vom Wetter gebeutelte Deliveroo-Fahrer noch ihre einzigen Bezugspersonen waren, hat sie sich noch nicht vollständig an den ständigen menschlichen Kontakt gewöhnt und schreckt manchmal noch hoch, wenn sie angesprochen wird. Sie vermisst ihr gemütliches Zuhause und muss jetzt wesentlich öfter Wäsche waschen als früher. Dafür hat sie etwas Routine in ihren Alltag gebracht und eine Intervention ihrer Freunde vermieden. Das einzige Problem dabei ist: Die Neue hasst Struktur. Sie ist der Steppenwolf des Coworking-Space und kämpft jeden Tag gegen ihr Bedürfnis nach Pyjama und Cornflakes an. Ab und zu verschwindet sie daher für Tage oder Wochen und macht nach ihrem Rückfall wieder weiter, als wäre nichts geschehen.

Der Optimierer

Er ist besessen von Produktivität-Apps und blickt auf die Welt meistens durch seine Google Glass oder Snapchat Specs. Als Early Adopter im Bereich Tech ist er unendlich gelangweilt von analogen Problemen wie dem Papierstau im Drucker. Denn er denkt in Solutions, am besten cloud-based. Schon vor Jahren konnte der Optimierer im Silicon Valley progressive Luft schnuppern und hat dort frühzeitig in Technologien investiert, die großteils durchgestartet sind. Über die Flops will er lieber nicht sprechen. Er unterhält sich lieber über Kryptowährungen und Blockchain, ernährt sich der Effizienz wegen ausschließlich von Nahrungsmitteln in Pulverform und arbeitet immer an der nächsten großen Innovation. Obwohl er aus Villingen-Schwenningen kommt, spricht er nur in äußersten Ausnahmefällen deutsch und würzt seine Sprache selbst dann heftig mit Anglizismen (kalifornischer Akzent!). Wie seine Vorbilder Steve Jobs und Mark Zuckerberg trägt auch der Optimierer aus Gründen der Komplexitätsreduktion jeden Tag die gleiche Kleidung.

Die Arbeitssüchtige

Die Arbeitssüchtige arbeitet lieber im Coworking-Space als zu Hause, da sie nur produktiv sein kann, wenn sie von Menschen umgeben ist, die weniger leisten als sie selbst. Man erkennt sie an ihrer formellen Kleidung und daran, dass sie Telefonate grundsätzlich nur per Freisprecheinrichtung führt, damit sie nebenbei weiter tippen kann – denn Zeit ist Geld. Ihr Tag beginnt um sechs Uhr morgens mit einer Runde Jogging, Meditation und dem Beantworten von E-Mails. Sie erscheint pünktlich um 7.30 Uhr im Coworking-Space, bleibt mindestens bis 18.30 Uhr und arbeitet hochkonzentriert und ohne Unterbrechung. Mittags hat sie Power Lunches mit Geschäftspartnern und abends besucht sie Events, bei denen sie wichtige Kontakte knüpfen kann. Um abzuschalten, nimmt sie an Marathons teil und hält am Wochenende Workshops über "transzendentale Meditation". Ihre Zeit im Coworking-Space ist begrenzt, denn sie ist kurz davor, ihr eigenes Büro zu beziehen. Die Arbeitssüchtige ist immer die erste, die auf Kalendereinladungen für Community-Events reagiert und die Antwort ist immer die Gleiche: leider keine Zeit.

Der Spielverderber

Zwischen neun und 18.30 Uhr ist der Spielverderber nicht ansprechbar. Ähnlich wie die Arbeitssüchtige arbeitet er besser, wenn er von anderen Menschen umgeben ist – speziell wenn er sie nicht mag. Er ist immer mit Antilärmkopfhörern anzutreffen, weil er sich ohne nicht konzentrieren kann und Gespräche vermeiden will. Kurze Unterhaltungen und Ausbrüche der Freude werden von ihm sofort mit Augenrollen abgestraft. Manche im Coworking-Space zweifeln daran, dass der Spielverderber Zähne hat, denn man sieht ihn beim Arbeiten niemals lachen. Ihn in einem privaten Kontext zu treffen, kann extrem verwirrend sein, da er außerhalb des Coworking-Space Freunde, vielleicht sogar einen Partner und definitiv Spaß am Leben zu haben scheint. Sobald der Laptop hochgefahren ist, herrscht jedoch wieder Eiszeit. Nur Masochisten versuchen sich mit dem Spielverderber anzufreunden.