Wir wollen von ZEIT-ONLINE-Lesern wissen: Haben Sie schon einmal Diskriminierung am Arbeitsplatz oder bei der Bewerbung erfahren? Wurden Sie schon einmal aufgrund Ihres Geschlechts, Ihrer Hautfarbe oder Ihres Äußeren benachteiligt – oder weil Sie zu einer bestimmten Gruppe gehören? Schicken Sie Ihre Geschichte an debatte-arbeit@zeit.de. Hier erzählt Samuel*, 26 Jahre alt, warum er keine lästigen Fragen mehr beantworten muss, seit er seinen Namen geändert hat.

Ich bin in Deutschland geboren, besitze einen deutschen Pass, habe hier studiert, gearbeitet, geheiratet. Trotzdem weigerten sich zwei Männer im Schwarzwaldgasthof, in dem ich während meines Studiums gekellnert habe, von mir bedient zu werden: "Nicht von einem Ausländer", sagten sie. Auf meinem Namensschild stand mein polnischer Nachname.

Er war das Einzige, was mich noch mit dem Land verband, aus dem meine Eltern stammen. Erst als ich vor zwei Jahren meinen Namen änderte, wurde mir klar, wie sehr ich mich mein ganzes Leben lang für meine polnischen Wurzeln erklären musste. Denn seither fragt mich niemand mehr: "Sie sprechen aber gut Deutsch. Wo haben Sie das denn gelernt?"

Vor allem während meiner Arbeit in der Gastronomie wurde ich von Gästen und Kollegen ständig nach meiner "eigentlichen Herkunft" gefragt oder daraufhin geprüft, wie deutsch ich eigentlich bin. Wenn ich dann erzählte, dass ich aus der Gegend sei, wurde noch einmal nachgehakt: Die Gäste wollten wissen, wo ich wirklich herkomme. Die Antwort, dass ich ursprünglich aus Stuttgart stamme, reichte selten aus. Erst wenn ich preisgab, dass meine Eltern aus Polen stammen, gaben sich Kunden und Kollegen zufrieden – meist mit einem triumphierenden: "Hab’ ich mir doch gedacht."

"Ich gewöhnte mich also an den rauen Umgangston und antwortete auf dieselbe Art und Weise."

Anfangs ging ich noch darauf ein und erklärte, dass ich nicht verstünde, was das mit meiner Tätigkeit als Kellner zu tun habe. Doch diese Gespräche führten zu nichts. Immer fühlten sich meine Gesprächspartner ertappt und gaben patzige Antworten. Nach dem Motto: Wird man ja wohl noch fragen dürfen. Fand ich eher nicht, aber gerade Kunden gegenüber blieb ich natürlich höflich.

Viel härter war auch der Umgangston in der Gastronomie unter Kollegen. Als eines Mittags ein Essen fehlte, hatte der Koch schon eine Vermutung: Das muss wohl der Pole gestohlen haben! Später stellte sich heraus, dass der Bon auf den Boden gefallen war. Niemand nahm mich in Schutz und keiner entschuldigte sich bei mir. An diesem Abend steckte ich mir eine Zigarette an, obwohl ich sonst nicht rauche. Seitdem habe ich gelernt, dass ich besser dran war, wenn ich konterte – denn auf die Hilfe meiner Vorgesetzten und Kollegen konnte ich nicht zählen. Ich gewöhnte mich also an den rauen Umgangston und antwortete auf dieselbe Art und Weise.

Polenwitze sind so alt wie die Bundesrepublik

Als der Koch beim Aussteigen aus dem Auto mal bemerkte: "Hier muss man ja zum Kippen holen abschließen, sonst steht der Wagen morgen in Polen", antwortete ich: "Bei deiner Schrottkarre ist ja nicht einmal die Ausfuhr drin." Ein andermal sagte er beim Vorbeigehen: "Hände in die Taschen, der Pole kommt!" Ich zuckte mit den Schultern und sagte: "Bei dir gibt’s doch sowieso nichts zu holen."

Noch mehr als in der Gastronomie verwundert mich aber, dass ich mir ganz ähnliche Kommentare auch in meiner jetzigen Arbeit als Chemiker an einem Institut für angewandte Forschung anhören musste. Auch hier kam es vor, dass ein Kollege sein Portemonnaie suchte und als Erstes fragte: "Samuel warst du das?" Ein anderer Kollege stellte mich einmal so vor: "Vor dem musst du dich hüten, sonst ist dein Schreibtisch leer." Klar, ist alles lustig gemeint und Polenwitze sind ja beinah so alt wie die Bundesrepublik selbst, aber im offiziellen Umgang, bei Konferenzen und im Kundenkontakt sind sie erst recht unangebracht. Es verblüfft mich, das viele auch in einem so internationalen Umfeld ihr Schubladendenken nicht überwinden können.

Zum Glück ist damit jetzt Schluss: Ich habe bei der Hochzeit den Namen meines Mannes angenommen – nicht weil ich meinen polnischen Nachnamen loswerden wollte, sondern weil mein Partner Schwierigkeiten damit hatte, ihn auszusprechen. Mit diesem Problem war er nicht alleine und deswegen entschieden wir uns für den einfacheren, deutschen Nachnamen.

Einfacher ist seitdem nicht nur die Aussprache, sondern auch der Umgang mit den Kollegen. Der letzte blöde, sicherlich gut gemeinte Spruch, waren die Glückwünsche zu unserer Hochzeit. Mir wurde dazu gratuliert, endlich ein richtiger Deutscher zu sein.

*Samuels echter Name ist der Redaktion bekannt.