Sie mache "Schluss mit der Teilzeitfalle", wirbt die SPD gerade auf der Fraktionswebsite für ihre familienpolitischen Erfolge im Koalitionsvertrag. Wenn’s nicht so traurig wäre, müsste ich lachen. Aber dass es auch in den kommenden vier Jahren mit der Gleichstellung zwischen Mann und Frau wieder nicht richtig vorwärts gehen wird, geht ja nicht allein aufs Konto der Sozialdemokraten. Tatsächlich werden der Gleichstellung der Frau im Koalitionsvertrag mit der Union, der nun auch Grundlage einer neuen Bundesregierung wird, magere drei Seiten gewidmet. Einen der größten Gleichberechtigungshemmer, das Ehegattensplitting – made in 1958 – wird die künftige Bundesregierung wohl weitere vier Jahre schamlos ignorieren. Zumindest sucht man das Wort in dem Papier vergebens. Stattdessen ist die Rede von Frauen in Führungsrollen und vom Schutz vor der "Teilzeitfalle". Doch was bringt das Recht auf eine Rückkehr aus der Teilzeit in Vollzeit, wenn sich das Arbeiten für verheiratete Frauen immer noch nicht lohnt?

Ich gebe zu, es ist kompliziert. Was das Ehegattensplitting eigentlich genau ist und wie es sich auswirkt, merken die meisten erst, wenn es zu spät ist. Nämlich dann, wenn sie verheiratet mit dem ersten Kind da sitzen und gerne zurück in den Job wollen. Auch mich als Anwältin mit ehemals nahezu gleichem Einkommen wie mein Ehemann, musste ein Jahr nach dem Ende der ersten Elternzeit erst mein Steuerberater anrufen, um mir klarzumachen, dass sich meine reduziert aufgenommene Arbeit finanziell jetzt eigentlich nicht mehr rentiert: "Du musst erstmal mehr verdienen als ihr durch das Ehegattensplitting gespart habt. Momentan provozierst du nur Kindergartengebühren und sabotierst eure ehebedingten Vorteile bei der Steuer." Das ist so absurd, dass man es am liebsten nicht glauben will.

Kein Steuervorteil für gleichberechtigte Ehen

Vereinfacht gesagt erlaubt das Ehegattensplitting Ehepartnern, bei ihrer Steuererklärung die Einkommen zusammenzurechnen. Für Ehepaare mit sehr unterschiedlichen Einkommen errechnet sich ein günstigerer Steuersatz: Spitzenverdiener mit Stay-at-home-Mum (oder Dad) können bis zu 15.000 Euro pro Jahr sparen. Wollen Ehepaare besonders gleichberechtigt leben, sich also die Kinderbetreuung fair aufteilen und etwa gleich viel arbeiten und vielleicht sogar verdienen, schrumpft der Steuervorteil zusammen. Am meisten lohnt sich das Splitting also, wenn einer, meist ist das auch heute noch eine, zu Hause bleibt. Ich kann also gut verstehen, warum meine Nachbarin entschieden hat, nach der Geburt ihrer Kinder nicht mehr arbeiten zu gehen. Es lohnt sich finanziell einfach nicht. Dank Kinderbetreuungskosten und dem schwindenden Splittingvorteil wäre ihre Arbeit als Altenpflegerin kaum mehr als eine berufliche Beschäftigungstherapie.

Das Ehegattensplitting hatte durchaus seine Berechtigung, als es vor 60 Jahren eingeführt wurde: In dieser Zeit war es üblich, dass die Ehemänner die Konten führten und die Berufstätigkeit der Frauen in Westdeutschland rechtlich nur dann durchsetzbar waren, wenn ihre hausfraulichen Pflichten nicht darunter litten. Mit der Verminderung der Steuerlast des berufstätigen Ehemannes durch den Splittingvorteil wurden die Ehen entlastet, in denen in der Regel eine(r) nichts oder wenig verdiente und der andere viel oder alles.

Unser Ideal von der gleichberechtigten Partnerschaft, zumindest politisch, hat sich jedoch grundlegend verändert: Mütter, die nach der Elternzeit schnell wieder arbeiten, sind ausdrücklich erwünscht. Politische Anreize für die berufliche Eigenständigkeit der Eheleute werden aber erst dann gesetzt, wenn sich die Ehe auflöst. Seit der Änderung des Unterhaltsrechts 2008 müssen Männer ihren Exfrauen nach einer Scheidung (in Einzelfällen gilt das selbstverständlich auch andersherum) nicht mehr in jedem Fall nachehelichen Unterhalt zahlen. Das ist schizophren, solange während der Ehe die berufliche Eigenständigkeit der Frau durch das Ehegattensplitting torpediert wird. Da wurde also B gesagt, aber leider nie A.

Schützenswerte Ehe?

Dass Politiker, vor allem die konservativen, das Ehegattensplitting behüten wie ein kostbares Relikt aus vergangenen Zeiten, ist fast schon reaktionär. Woran das liegt, kann ich nur vermuten. Weil sie sich um alternde Wählerstimmen sorgen? Oder weil die im Grundgesetz erwähnte Ehe an sich als schützenwerte Einrichtung durch steuerliche Vorteile attraktiv bleiben soll? Das war zumindest einmal der Grund, bis homosexuelle Paare forderten, dieselben Steuervorteile aus dem Splitting zu bekommen wie heterosexuelle Paare auch. Auf einmal schien den konservativen Politikern die Ehe an sich doch nicht mehr so schützenswert.

Plötzlich ging es dann doch um die Kinder, die theoretisch aus einer heterosexuellen Ehe entstehen können. Genau da liegt der entscheidende Punkt: Wie viele und ob ein Paar überhaupt Kinder bekommt, hat keinen Einfluss auf den Steuervorteil aus dem Splitting. Alles was zählt, ist dass sich ein Mann und eine Frau oder mittlerweile auch Frau und Frau oder Mann und Mann das Ja-Wort gegeben haben. Am allermeisten profitiert von unserem System des Generationenvertrags die Ehe ohne Kinder. Denn nur in der kinderfreien Ehe kann ungestört gearbeitet, Rentenpunkte gesammelt und zudem privat vorgesorgt werden. Die geschiedene oder verwitwete Mutter oder der Vater mit zwei Kindern verliert den Splittingvorteil und wird nahezu besteuert wie der kinderlose Singleonkel. Die Kosten für Windeln, Musikunterricht und Skianzüge aber bleiben und erschweren eine eigene Altersvorsorge.

Kinder beeinträchtigen einen ehelichen Vermögensaufbau wie nichts anderes. Genau deshalb müssen Menschen mit Kindern steuerlich entlastet werden und nicht Menschen mit Trauschein.
Nina Straßner


Es stimmt zwar, dass Renten und erwirtschaftetes Vermögen bei einer Scheidung aufgeteilt werden müssen. Doch das Argument der gegenseitigen finanziellen Verantwortung zu nutzen, um das Ehegattensplitting zu rechtfertigen, ist in Zeiten, in denen die gesetzliche Rente nicht mal mehr für eine Person reichen wird, ein schlechter Scherz. Es muss sich auch kaum ein Ehepaar darum sorgen, das Vermögen aufzuteilen, denn in den meisten Normalverdiener-Ehen mit Kindern ist keines da. Kinder beeinträchtigen einen ehelichen Vermögensaufbau wie nichts anderes. Genau deshalb müssen Menschen mit Kindern steuerlich entlastet werden und nicht Menschen mit Trauschein.

Dass es nicht schwer ist, an diesem falschen Anreizsystem etwas zu ändern, zeigt ein Blick nach Frankreich. Dort wird dank dem quotient familial das zu versteuernde Einkommen auf alle Familienmitglieder umgelegt. Sind Kinder dabei, verringert sich die Steuerlast der Erwachsenen, weil Kinder eben kein Einkommen haben – ganz unabhängig davon, ob die Eltern verheiratet sind oder frisch geschieden. Der quotient familial macht Erwerbstätigkeit auch für alleinerziehende Frauen und Männer mit Kindern sinnvoll.

Wenn aber der kommenden Regierung  – übrigens mit dem männlichsten Bundestag seit Jahrzehnten – auch in den kommenden vier Jahren nichts Besseres als mehr Kindergeld einfällt, dann bleibt mir und meinen Freundinnen nichts übrig, als zu dem Schluss kommen, dass uns weder die Ehe, noch die eigenen Kinder vor  Altersarmut bewahren können, sondern nur ein reiner Singel-Erwerbstätigen-Lifestyle. Eine junge Frau, die den Fehler im System, also beim Ehegattensplitting, verstanden hat, geht das Risiko Kind 2018 einfach nicht mehr ein.

Spätestens jetzt sollte klar werden, dass mit dem Ehegattensplitting nicht nur Frauen verlieren, sondern auf lange Sicht auch unsere ganze Gesellschaft: Mal sehen, wer dann die Rente des kinderlosen Onkels bezahlt, wenn die Frauen heute schon vor dem ersten Kind kapieren, dass sie ohne Kinder und dafür mit Vollzeitjob besser durchs Alter kommen.