Dass Politiker, vor allem die konservativen, das Ehegattensplitting behüten wie ein kostbares Relikt aus vergangenen Zeiten, ist fast schon reaktionär. Woran das liegt, kann ich nur vermuten. Weil sie sich um alternde Wählerstimmen sorgen? Oder weil die im Grundgesetz erwähnte Ehe an sich als schützenwerte Einrichtung durch steuerliche Vorteile attraktiv bleiben soll? Das war zumindest einmal der Grund, bis homosexuelle Paare forderten, dieselben Steuervorteile aus dem Splitting zu bekommen wie heterosexuelle Paare auch. Auf einmal schien den konservativen Politikern die Ehe an sich doch nicht mehr so schützenswert.

Plötzlich ging es dann doch um die Kinder, die theoretisch aus einer heterosexuellen Ehe entstehen können. Genau da liegt der entscheidende Punkt: Wie viele und ob ein Paar überhaupt Kinder bekommt, hat keinen Einfluss auf den Steuervorteil aus dem Splitting. Alles was zählt, ist dass sich ein Mann und eine Frau oder mittlerweile auch Frau und Frau oder Mann und Mann das Ja-Wort gegeben haben. Am allermeisten profitiert von unserem System des Generationenvertrags die Ehe ohne Kinder. Denn nur in der kinderfreien Ehe kann ungestört gearbeitet, Rentenpunkte gesammelt und zudem privat vorgesorgt werden. Die geschiedene oder verwitwete Mutter oder der Vater mit zwei Kindern verliert den Splittingvorteil und wird nahezu besteuert wie der kinderlose Singleonkel. Die Kosten für Windeln, Musikunterricht und Skianzüge aber bleiben und erschweren eine eigene Altersvorsorge.

Kinder beeinträchtigen einen ehelichen Vermögensaufbau wie nichts anderes. Genau deshalb müssen Menschen mit Kindern steuerlich entlastet werden und nicht Menschen mit Trauschein.
Nina Straßner


Es stimmt zwar, dass Renten und erwirtschaftetes Vermögen bei einer Scheidung aufgeteilt werden müssen. Doch das Argument der gegenseitigen finanziellen Verantwortung zu nutzen, um das Ehegattensplitting zu rechtfertigen, ist in Zeiten, in denen die gesetzliche Rente nicht mal mehr für eine Person reichen wird, ein schlechter Scherz. Es muss sich auch kaum ein Ehepaar darum sorgen, das Vermögen aufzuteilen, denn in den meisten Normalverdiener-Ehen mit Kindern ist keines da. Kinder beeinträchtigen einen ehelichen Vermögensaufbau wie nichts anderes. Genau deshalb müssen Menschen mit Kindern steuerlich entlastet werden und nicht Menschen mit Trauschein.

Dass es nicht schwer ist, an diesem falschen Anreizsystem etwas zu ändern, zeigt ein Blick nach Frankreich. Dort wird dank dem quotient familial das zu versteuernde Einkommen auf alle Familienmitglieder umgelegt. Sind Kinder dabei, verringert sich die Steuerlast der Erwachsenen, weil Kinder eben kein Einkommen haben – ganz unabhängig davon, ob die Eltern verheiratet sind oder frisch geschieden. Der quotient familial macht Erwerbstätigkeit auch für alleinerziehende Frauen und Männer mit Kindern sinnvoll.

Wenn aber der kommenden Regierung  – übrigens mit dem männlichsten Bundestag seit Jahrzehnten – auch in den kommenden vier Jahren nichts Besseres als mehr Kindergeld einfällt, dann bleibt mir und meinen Freundinnen nichts übrig, als zu dem Schluss kommen, dass uns weder die Ehe, noch die eigenen Kinder vor  Altersarmut bewahren können, sondern nur ein reiner Singel-Erwerbstätigen-Lifestyle. Eine junge Frau, die den Fehler im System, also beim Ehegattensplitting, verstanden hat, geht das Risiko Kind 2018 einfach nicht mehr ein.

Spätestens jetzt sollte klar werden, dass mit dem Ehegattensplitting nicht nur Frauen verlieren, sondern auf lange Sicht auch unsere ganze Gesellschaft: Mal sehen, wer dann die Rente des kinderlosen Onkels bezahlt, wenn die Frauen heute schon vor dem ersten Kind kapieren, dass sie ohne Kinder und dafür mit Vollzeitjob besser durchs Alter kommen.