ZEIT ONLINE: Auf Ihrer Seite startupsanonymous.com erzählen Gründer und Mitarbeiter von Start-ups auf der ganzen Welt von ihren Problemen, Depressionen und Zweifeln. Von anderen Usern bekommen sie Unterstützung und Rat. Sie vergleichen diesen Austausch mit Sitzungen der Anonymen Alkoholiker. Sind Menschen, die in Start-ups arbeiten, so gefährdet wie Trunksüchtige? 

Dana Severson, 41, gründete 2012 Wahooley – eine Plattform, die Influencer und Start-ups zusammenbrachte. Es scheiterte. Daraufhin rief Severson Startups Anonymous ins Leben. Auf der Website können Gründer anonym von ihren Sorgen erzählen. © privat

Dana Severson: Das Tabu, über seine Probleme zu reden, ist ähnlich groß. Das Überleben eines Start-ups hängt ja zum großen Teil davon ab, ob man Investoren und Kunden davon überzeugen kann, dass alles super läuft. Die Menschen fürchten, ihrem Start-up zu schaden, wenn sie über ihre Angst oder psychische Probleme sprechen. Dabei arbeiten Gründer und Mitarbeiter von Start-ups unter enormen Druck. Sie schuften oft zwölf Stunden am Tag und geben alles – mit dem Wissen im Hinterkopf, dass nur ein Start-up aus zehn es schaffen wird. Viele leben in ständiger Unsicherheit, ob sie im nächsten Monat überhaupt noch einen Job haben werden. Hinzu kommt: Start-up-Mitarbeiter sind oft auch sehr jung und unerfahren. Häufig ist es ihr erster Job und sie haben noch nicht gelernt, wie man mit Stress und Niederlagen umgeht. 

»Fühlt sich noch jemand so, als würde er den ganzen Tag auf den Bildschirm starren und an einer App arbeiten, die kein Mensch braucht? Draußen ist es heiß und ein Kerl mäht den Rasen. Er schwitzt wie ein Schwein, aber sieht um Welten glücklicher aus als ich.«
Anonymes Geständnis bei Startups Anonymous

ZEIT ONLINE: "Stimmung ist schlecht. Alles mühselig. Trinke zu viel" – so lautet eines der Geständnisse auf der Seite. Wie ging es Ihnen, als es mit Ihrem ersten Start-up nicht klappte? 

Severson: 2012 habe ich meine Festanstellung gekündigt und ein Start-up gegründet. Ich war damals Anfang 30 und hatte eine Frau und Kinder, sodass mein Start-up nicht mein ganzes Leben war. Aber ich fiel trotzdem in ein tiefes Loch. Nach unserer Gründung konnte mein Team unseren eigenen Erfolg kaum glauben: Große Tageszeitungen schrieben über uns, wir sammelten eine Million Dollar von Investoren. Dann kam der Totalabsturz. Die Geschäftsidee hat einfach nicht langfristig funktioniert. Ich habe anderthalb Jahre meines Lebens in das Projekt gesteckt und die längsten Arbeitstage meines Lebens gehabt. Alles umsonst. Natürlich fiel ich erst mal in ein Loch.

»Mein Start-up hat meine Ehe zerstört und jetzt lebe ich wieder bei meinen Eltern.«
Anonymes Geständnis

ZEIT ONLINE: Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie die Niederlage verarbeitet haben?

Severson: Etwa ein halbes Jahr. Am schlimmsten war die Zeit, in der ich schon wusste, dass wir es nicht schaffen werden – aber das Start-up noch am Laufen war. Ich hatte unendlich viele Fragen, aber niemanden, dem ich sie stellen konnte. Muss ich mein Haus und mein Auto verkaufen, um die Schulden der Firma zu bezahlen? Muss meine Frau für mich haften? Als Gründer hat man viel Stolz. Man denkt schon an das nächste Start-up und möchte nicht öffentlich über seine Fehler und sein Unwissen sprechen. Aber der Bedarf, sich auszutauschen, ist auf jeden Fall da: Seit 2014 wurden auf startupsanonymous.com fast 14.000 Geständnisse, Fragen und Antworten verfasst. 

»Das Geld ist alle. Ich kann nicht schlafen, weil ich die ganze Zeit über mein Start-up und die Konsequenzen nachdenke. Ich habe Schiss. Ich wache mitten in der Nacht verschwitzt auf und mein Herz schlägt so schnell, dass ich Angst habe, es sei ein Herzinfarkt. Ich weiß nicht, was ich tun soll und wen ich um Rat fragen kann. Trotzdem muss ich vor meinen Angestellten so tun, als sei ich enthusiastisch und voller Energie.«
Anonymes Geständnis

ZEIT ONLINE: Dabei sagt man ausgerechnet der Start-up-Branche nach, offen mit dem Scheitern umzugehen. 

Severson: Das stimmt nur teilweise. Die Start-up-Kultur hat zwar dazu beigetragen, dass Scheitern als eine Lernerfahrung gesehen wird. Gründer schreiben auf Facebook Nachrufe auf ihre gescheiterten Start-ups und listen sie in ihren Lebensläufen wie Ehrenabzeichen. Aber über die dunkle Seite des Scheiterns spricht im Silicon Valley niemand: Die Verzweiflung, die Einsamkeit, die Existenzangst. Die Wahrheit ist: Scheitern ist scheiße. Es tut so weh, als würde man eine geliebte Person verlieren. Und da hilft wenig, sich selbst einzureden, dass man auch dann gewinnt, wenn man verliert. Ich finde es zum Beispiel total falsch, dass mein Sohn in der Schule Trostpreise bekommt, wenn er nicht zu den Besten gehört hat.