Kurz nachdem mein Mann Marcus und ich zusammengezogen waren, bekam ich den Auftrag, ein Drehbuch zu schreiben. Ich fragte ihn, ob wir das nicht einfach zusammen machen wollen. Marcus ist Journalist. Ich dachte, das passt. Das wird witzig. Da können wir bestimmt voneinander profitieren. Jeder bringt das ein, was er am Besten kann. Außerdem wollten wir auch noch eine Familie gründen. Dass wir als Paar gemeinsam arbeiten, fand ich also absolut naheliegend und praktisch. In Wahrheit sogar mehr als das: Es war die Verwirklichung eines Kindheitstraums.

Ich bin nicht in den Kindergarten gegangen. Meine Eltern waren der Auffassung, dass niemand anderes als sie uns Kindern beibringen kann, worauf es im Leben ankommt. Und worauf es im Leben ankommt, wussten meine Eltern ziemlich genau. Auf eine ausgewogene Verbindung aus Form und Freiheit. Struktur und Kompromisslosigkeit. Genauigkeit und Spontaneität. Zielgerichtetheit und Impulsivität. Um dieses berauschende Zusammenspiel der Gegensätze hautnah in der Praxis mitzuerleben, fuhren meine Schwester und ich jeden Morgen mit meinen Eltern ins Büro, das sie nach ihrem Architekturstudium mit ein paar anderen Kommilitonen gegründet hatten.

Meine Eltern beflügelten sich gegenseitig

An den Wänden hingen Baupläne, Skizzen und Plakate von Le Corbusier. In den Regalen standen filigrane Pappmodelle von Siedlungen und ziemlich viel Styropor. Meine Eltern brachten uns Kindern bei, wie wir mit dem Bleistift schraffieren, Modelle akkurat bauen und Folien mit dem Papiermesser schneiden. Es war total klar, dass meine Mutter und mein Vater auf die genau gleichen Dinge Wert legten und ihr ästhetischer Anspruch geradezu identisch gelagert war – mal abgesehen davon, dass mein Vater sich im Gegensatz zu meiner Mutter nicht so anstellte, was das Einatmen von Lösungsmitteln anbelangte. 

Als Kind war es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass meine Eltern zusammen arbeiteten, planten, sich gegenseitig berieten, ergänzten und diskutierten. Schließlich waren sie meine Eltern und hatten beschlossen, eine Familie zu gründen und ihr Leben miteinander zu verbringen. Ich kann mich an keinen beruflichen Streit zwischen ihnen erinnern, in dem sich der eine dem anderen unterlegen oder missachtet gefühlt hätte. Irgendwie beflügelten sich meine Eltern gegenseitig – auch, wenn sie jeweils ganz andere Vorbilder hatten. Mein Vater stand extrem auf den Bauhausstil und seine klaren Linien, meine Mutter hätte vermutlich lieber alte Häuser ausgebaut und sich dafür "geschickte Lösungen" überlegt. Überhaupt ging es im Büro sehr viel um "geschickte Lösungen". Wir Kinder wurden auch ständig dazu angehalten, "geschickte Lösungen" für irgendwelche kniffligen Aufgaben und Situationen zu finden. Offenbar gab es für jedes Problem eine "geschickte Lösung". Solange man an seine eigene schöpferische Kraft glaubte. So weit meine Prägung als Kind.

Leider stellte sich das Miteinanderarbeiten mit meinem Mann Marcus bereits nach einer halben Stunde als absolut problematisch heraus. Wie gewohnt hatte ich losgelegt und ein paar Ideen rausgehauen, mit denen wir weiterarbeiten konnten. Dann legte Marcus los und machte sie wie mit einer riesigen Dampfwalze komplett zunichte. Er stellte sich das alles ganz anders vor. Und ich mir. Das, was Marcus da vorschwebte, hatte überhaupt nichts mehr mit dem zu tun, was ich für anstrebenswert hielt. Ihm ging es nicht anders. Er fand meine Herangehensweise viel zu impulsiv. Ich seine Herangehensweise viel zu verkopft. Plötzlich fühlte ich mich ausgerechnet in dem Bereich nicht mehr frei, der mir eigentlich ganz allein gehörte und den ich mir ursprünglich genau dafür geschaffen hatte – um frei zu sein.

An manchen Tagen war es uns unmöglich, auch nur einen Dialog von drei Zeilen zu schreiben, weil wir es jeweils derart unmöglich fanden, was der andere sich so vorstellte und wünschte. Wir fanden uns gegenseitig total bekloppt. Aus Angst, nur ein unangemessenes Wort zu sagen, saßen wir schließlich über Stunden stumm nebeneinander. All das, was wir an unserem Schreiben für "besonders" hielten, sollte vom anderen ausgemerzt werden. Zumindest erschien es uns so. Selten habe ich derart riesige Mauern des Widerstandes in mir gespürt wie in der ersten Zeit, in der ich mit meinem Mann zusammengearbeitet habe. Ähnlich dem grauenhaften Zusammenleben in einer WG – kurz bevor es knallt. Wer kennt das nicht? Man selbst ist sich hundertprozentig sicher, dass der Mitbewohner ein kompletter Hirni ist – während man selbst weiterhin meint, den totalen Durchblick zu haben. Manchmal war ich kurz davor, daran zu zweifeln, ob ich überhaupt mit dem richtigen Mann verheiratet war! Wenn es schon mit dem Arbeiten nicht klappte – wie sollte es dann erst mit dem Rest werden?

Was die Zusammenarbeit meiner Eltern betraf, kam der Bruch, als meine Schwester und ich nicht mehr mit ins Büro gingen, sondern in die Schule mussten. Plötzlich wurde meine Mutter zu einer Frau, die nur noch halbtags arbeitete und also nur noch halbtags mit meinem Vater "geschickte Lösungen" für ihre Bebauungspläne entwickelte. Meine Mutter war raus aus den ganz großen Entscheidungen, die jetzt mein Vater traf. Mit einem Mal hatten meine Eltern, die sich bisher uneingeschränkt unterstützt hatten, mit den typischen Schwierigkeiten zu kämpfen, mit denen auch alle anderen modernen Paare in dieser Zeit zu tun bekamen. Sie hatten zwei getrennte Tagesabläufe. Während meine studierte Mutter uns Kinder um sich scharte und gerne gearbeitet hätte, wurde mein Vater zu einer Art Workaholic-Trabant.