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Verschiedene Medien berichteten, dass der finnische Test des Grundeinkommens gescheitert sei. Dem widerspricht Marjukka Turunen, die das Experiment des Sozialversicherungsinstituts Kela leitet: Noch gebe es gar keine Ergebnisse.

ZEIT ONLINE: Im kommenden Januar ist Schluss mit dem Grundeinkommen für die 2.000 Probanden. Ist das Experiment gescheitert?

Marjukka Turunen: Nein, was gerade in den internationalen Medien geschrieben wird, ist missverständlich. Es klingt immer so, als hätten wir das Experiment abgebrochen. Das ist aber nicht so. Es wurde von Anfang an für zwei Jahre geplant und es wird jetzt auch für zwei Jahre umgesetzt. Bis Ende 2018 werden die 2.000 Probanden weiterhin das Grundeinkommen von 560 Euro bekommen.

ZEIT ONLINE: Wie geht es danach weiter?

Turunen: Nach zwei Jahren werden wir das Experiment auswerten. Wir werden Interviews führen: Was machen die Leute jetzt? Wie viele von ihnen haben zwischenzeitlich gearbeitet, mehr oder weniger als in der Kontrollgruppe? Während der zwei Jahre lassen wir die Probanden komplett in Ruhe. Wenn wir sie regelmäßig befragen oder kontrollieren würden, würde das ihr Verhalten beeinflussen. Manche sähen sich vielleicht unter Druck gesetzt, Arbeit zu suchen. Das wollten wir vermeiden.

Z2X17 - Was passiert, wenn man Menschen bedingungslos Geld gibt? Joe Huston hat mit seiner Organisation 1000 Euro Grundeinkommen an Menschen in Südafrika überwiesen. Auf dem Z2X17-Festival erzählt er in fünf Minuten, was diese daraus gemacht haben. © Foto: ZEIT ONLINE

Grundeinkommen nur ein Experiment von vielen

ZEIT ONLINE: Aber ein Grundeinkommen wird es nicht geben, das steht schon fest?

Turunen: Fest steht nur, dass es eine Sozialreform geben wird, aber wie die aussehen wird, kann ich ihnen nicht sagen. Anfang 2019 wird in Finnland gewählt und die Regierung wird bis dahin keine neuen Gesetze zur Sozialhilfe beschließen. Wir haben zwei Probleme in Finnland. Zum einem ist unser Sozialsystem viel zu bürokratisch und zum anderen finden zu viele Leute nicht mehr zurück aus der Arbeitslosigkeit auf den Arbeitsmarkt. Das Grundeinkommensexperiment war ein Versuch, darüber nachzudenken, was wir daran ändern können. Unabhängig von dem Experiment hat sich ein Expertenausschuss mit Fragen der Sozialhilfe in Finnland beschäftigt.

Marjukka Turunen betreut seit zwei Jahren als Projektleiterin die Umsetzung des Grundeinkommensexperiments im finnischen Sozialversicherungsinstitut Kela. © privat

ZEIT ONLINE: Was sagen die Experten?

Turunen: Sie empfehlen Entbürokratisierung. Zurzeit gibt es in Finnland 43 verschiedene Sozialleistungen. Um jede muss man sich einzeln kümmern. Die meisten werden an unterschiedlichen Tagen überwiesen. Das schafft enorm viel Unsicherheit. Wenn wir das verschlanken, kann auch wieder Energie in die Suche von Arbeit fließen.

ZEIT ONLINE:
Und was sagt der Expertenausschuss zu der Idee, Menschen jeden Monat frei von jeder Bedingung Geld zu schenken?

Turunen: Die Untersuchungen des Expertenkomitees zeigen: Menschen einfach Geld zu schenken und zu hoffen, dass es auf alle einen guten Effekt hat, reicht nicht. Menschen sind sehr unterschiedlich: Manche können mit dem geschenkten Geld nicht umgehen, kaufen Alkohol und schließen sich zu Hause ein. Es gibt in Finnland eine große Gruppe von jungen, sozial benachteiligten Männern, über die wir sehr wenig wissen. Nur dass sie keine Arbeit haben. Diesen Menschen einfach Geld zu geben und zu hoffen, dass sie schon das Richtige damit machen, ist nicht sinnvoll. Man muss sie mit Hilfsangeboten unterstützen.

ZEIT ONLINE: Finanzielle Unterstützung wird also an Bedingungen geknüpft werden?

Turunen: Ja, zumindest ist das die Empfehlung der Experten. Wir müssen die Anreize und Sanktionen aber neu denken. Bislang war es ja so, dass die Leistungen von Menschen, die sich etwas dazuverdienen, gekürzt werden. Im schlimmsten Fall wirkt sich ein Zuverdienst also negativ auf das Einkommen aus. Das ist der falsche Anreiz. Möglich wäre es, Menschen, die kleinere Jobs übernehmen oder Weiterbildungen machen, finanziell zu belohnen. Also genau andersherum.

Kein Hype ums Grundeinkommen in Finnland

ZEIT ONLINE: Kritiker des Experiments sagen, dass das Geld zu wenig, der Zeitraum zu kurz und die Fallzahl zu klein war. Kann man aus dem Experiment wirklich Schlüsse ziehen?

Turunen: Ich verstehe die Kritik. Es wäre schön gewesen, eine größere Fallzahl zu haben, auch um zum Beispiel zu prüfen, ob das Anreizsystem unterschiedlich bei verschiedenen sozialen Gruppen wirkt, also ob Frauen beispielsweise eher anfangen zu arbeiten als Männer oder andersherum. Aber das Budget war nun mal begrenzt. Es wird oft übersehen, dass es nicht nur um die 2.000 Leute geht, die das Grundeinkommen bekommen, sondern auch um die Kontrollgruppe: 175.000 Arbeitslose, die es nicht bekommen, aber das gleiche Profil haben.

ZEIT ONLINE: Ist die Debatte um das Grundeinkommen mit dem Auslaufen des Experiments beendet?

Turunen: Nein, die Auswertung des Experiments wird genauso in die Sozialreform einer neuen Regierung einfließen wie die Ergebnisse des Expertenausschusses. Ehrlich gesagt ist das Grundeinkommen in Finnland sowieso nicht so heiß diskutiert worden wie in der internationalen Presse. Der Hype um das Grundeinkommen ist hier viel kleiner. Klar, am Anfang haben sich einige beschwert, die nicht von dem Experiment profitiert haben. Aber insgesamt wurde es als das genommen, was es ist: ein Versuch. Wenn die Erfahrungen jetzt dazu beitragen können, dass wir eine ordentliche Sozialreform hinbekommen, ist allen damit geholfen.