Am liebsten sind Anais Gilbert die Bräute. Wenn sie mit ihren aufwändigen Hochsteckfrisur den Friseursalon Richtung Standesamt verlassen, seien sie überglücklich – und zahlten großzügiges Trinkgeld. "Für mich ist es der schönste Beruf der Welt", sagt die 27-Jährige. Auf den Hügeln im südfranzösischen Nizza hat sich Gilbert aufs Relooking spezialisiert. Stolz präsentiert sie Vorher-nachher-Fotos von Frauen, deren ungestümen Lockenkopf sie in einen spiegelglatten Pagenkopf verwandelte oder wie sie aus braunen Haaren eine glänzende auberginenfarbene Pracht kreierte.

Anais Gilberts Kundinnen mögen ausgefallene Frisuren tragen, als glückliche Friseurin ist Gilbert kein Einzelfall. Nach einer aktuellen Studie des französischen Arbeitsministeriums sind Friseure mit ihrem Beruf am zufriedensten – zufriedener als beispielsweise Bankangestellte oder Versicherungsvertreter.

In Deutschland kam die letzte Erwerbstätigenbefragung von 2012 zu ähnlichen Ergebnissen wie die aktuelle Pariser Studie: Auch hier zählten Friseurinnen zu den zufriedensten Arbeitnehmern. 94 Prozent bezeichneten sich darin als "sehr zufrieden" oder "zufrieden". Das Bonner Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) befragte in dieser Studie 20.000 Teilnehmer, um festzustellen, wo die Deutschen arbeiten, für welches Gehalt, ob sie gesundheitliche Beschwerden haben und eben auch, wie zufrieden sie sind. Die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage von 2018 wurden noch nicht veröffentlicht.

Sie sind glücklich, weil sie andere glücklich machen

Dass ausgerechnet der Friseurberuf die Zufriedenheitsliste anführt, überrascht: Die gesellschaftliche Anerkennung hält sich in Grenzen, Aufstiegsmöglichkeiten gibt es kaum, und die Bezahlung ist schlecht: Französische Friseure verdienen im Schnitt 2.000 Euro, deutsche nach der Ausbildung nur rund 1.500 Euro. Im dritten Ausbildungsjahr beziehen Französinnen und Franzosen je nach Alter zwischen 800 und 1.150 Euro und damit etwa doppelt so viel wie Deutsche. Hier waren Friseure zuletzt in den Medien, weil sie mit der Kampagne "Besser abschneiden" gegen die miserable Bezahlung während der Ausbildung protestierten.

Warum sind die Friseure trotzdem so zufrieden?

Die Gründe, die französische Friseure in der Paris Studie angeben: Sie schätzen das selbstständige Arbeiten, stehen nicht unter Zeitdruck und vor allem: Ihre Kundinnen und Kunden sind zufrieden. So sieht es auch Gilbert: "Ich mache am laufenden Band Menschen glücklich", sagt sie. Gilbert ist entschlossen, noch bis zur Rente – in ihrem Fall rund 35 Jahre – weiter als Friseurin zu arbeiten. Was sie und die anderen Friseure zufrieden macht, ist nicht das Gehalt, sondern die Wertschätzung. Sie sind glücklich, weil sie andere glücklich machen.

Das Ergebnis mag auch deshalb so eindeutig ausfallen, weil die Pariser Studie ihre Probanden vor allem nach sogenannten weichen Faktoren fragte: nach der Atmosphäre am Arbeitsplatz, der Sinnhaftigkeit ihres Jobs, ob sie Fehler machen dürfen, ob sie mitentscheiden können und ob ihr Tageswerk finanziell oder symbolisch anerkannt wird. Außerdem sollten sie angeben, wie häufig sie sich in den vergangenen zwei Wochen glücklich, ruhig, energiegeladen und gut gelaunt gefühlt hätten.