Lebenszeit gegen Geld – so lautet das Grundprinzip, auf dem unser Verständnis von Arbeit basiert. Einige bekommen für ihre Lebenszeit bedeutend mehr Geld, andere so wenig, dass es kaum zum Leben reicht. Es heißt, gerade junge Berufstätige stellten dieses Prinzip immer häufiger in Frage. Sie suchen Sinn und Erfüllung. Junge Großstädter ziehen aufs Land und tauschen harte, körperliche Arbeit gegen Kost, Logis und einen freien Kopf. Idealisten versuchen durch den eigenen Verzicht, die Schwächen des Kapitalismus zu erforschen. Andere wurden zum Leben ohne Geld gezwungen. Doch sie alle stellen fest: Ein Leben ohne Geld ist möglich. Hier erzählen sie wie.

Tauschgeschäfte

Arbeit gegen Arbeit: Tarek*, 46, lebte fünf Jahre ohne Konto – und lernte in der Zeit, dass man auch ohne Geld weiter kommt.

Mit Tauschwirtschaft habe ich zum ersten Mal vor acht Jahren angefangen. Der Auslöser: Plötzlich stand ich ohne einen gültigen Pass da. Meine Familie lebt zwar seitdem ich Kind bin in Deutschland, aber ich bin türkischer Staatsbürger und hätte den Militärdienst ableisten müssen, damit meine Papiere verlängert werden – oder mehrere tausende Euro auf einmal blechen. Um jedoch den deutschen Pass zu bekommen, hätte ich Rentenkassenbezüge für mehrere Jahre nachzahlen müssen, die ich als Kleinunternehmer nicht geleistet hatte. Für beide Möglichkeiten fehlte mir das Geld. Ohne Pass konnte ich kein Konto haben und keine Wohnung mieten – und ohne diese Sachen war es kaum möglich, einen Job zu finden.

Ich lebte deshalb bei Freunden und half ihnen im Gegenzug im Haushalt, oder renovierte ihre Wohnungen. Ich spiele viele Instrumente, bin gelernter Grafiker und war schon immer handwerklich begabt. Meine Arbeit habe ich dann gegen kleine Gefallen getauscht: Ich habe zum Beispiel einem Freund bei seiner Homepage geholfen, dafür hat er mich bekocht. Ich habe Dächer isoliert, Fahrräder repariert, Waschmaschinen angeschlossen und bei Partys Musik gemacht – und dafür gebrauchte Kleider und manchmal ein bisschen Geld bekommen. Mit der Zeit ist mein Bedürfnis nach Materiellem immer weiter geschrumpft. Im Sommer bin ich viel in den Wald und an den See gegangen, habe wild gezeltet. Ich bin mit dem Fahrrad im Berliner Umland rumgekurvt und habe mir manchmal einen Apfel vom Baum genommen, oder einen Salatkopf vom Feld. Ich wusste, es war Diebstahl, aber ich passte auf, dass die Bauern keinen ernsthaften Verlust erlitten.

"Einige Jobs mache ich schwarz."

Ich habe insgesamt fünf Jahre lang außerhalb des Systems gelebt. Vor drei Jahren wurde ein neues Gesetz erlassen, das mir ermöglichte, doch noch den türkischen Pass zu verlängern, ohne den Militärdienst abzuleisten. Ich habe jetzt wieder Papiere, eine Wohnung und ein Konto. Einen geregelten Job oder Hilfe vom Staat will ich aber nicht. Ich repariere weggeworfene, kaputte Fahrräder und verkaufe sie für einen fairen Preis. Hier und da nehme ich einen Auftrag an, etwas zu renovieren, einen Flyer zu gestalten oder Musik aufzulegen. Ich habe ein Kleingewerbe angemeldet. Einige Jobs mache ich aber schwarz, aber nur wenn der Kunde so wenig Geld hat, dass er mich nicht auf Rechnung bezahlen könnte und ich ihm trotzdem helfen will. Meine Kunden können mich nicht nur mit Geld bezahlen, sondern auch mit ihrer Zeit – oder anderen Dingen, die sie anzubieten haben: Zum Beispiel Sachen, die sie nicht mehr brauchen und die ich bei eBay versteigern kann. Am liebsten tausche ich einfach Arbeit gegen Arbeit: Eine Übersetzerin hat zum Beispiel einen halben Tag lang an Texten für mich gesessen – und ich habe ihr dafür an einem Nachmittag ein Bett gebaut. Oft helfe ich auch ohne Gegenleistung, zum Beispiel bei Foodsharing-Projekten oder bei der Anwohnerinitiative meines Viertels.

Die fünf Jahre ohne Konto und mit kaum Geld gehörten zur schwierigsten Zeit meines Lebens. Die Erfahrung hat mir aber paradoxerweise die Angst vor Unsicherheit genommen. Ich habe gemerkt: Auch wenn man nichts im Portemonnaie hat, gibt es immer einen Ausweg. Man muss nur kreativ sein. Ich habe in der Zeit viele wichtige Freundschaften geschlossen. Wenn man kein Geld hat, ist man auf seine Mitmenschen angewiesen und lernt auch, auf Fremde zuzugehen. Zum Beispiel hat sich ein versoffener Jazzmusikant, um den ich normalerweise einen Bogen gemacht hätte, als ein super Typ herausgestellt, der mich für mehrere Monate bei sich zu Hause aufgenommen hat.

"Nur so viel arbeiten, wie man wirklich zum Leben braucht."

Vor 2010 habe ich zehn, zwölf Stunden am Tag geschuftet, jetzt lebe ich nach dem Prinzip: Nur so viel arbeiten, wie man wirklich zum Leben braucht. Und das ist in meinem Fall nicht viel. Die meisten materiellen Dinge, die ich brauche – Winterklamotten zum Beispiel – finde ich auf der Straße, bekomme sie geschenkt oder kaufe sie gebraucht für sehr wenig Geld. Ich bin so gesund und ausgeglichen wie noch nie, mache Musik, Filme und habe viel Zeit für Freunde. 80 bis 90 Prozent meines Tages verbringe ich mit Dingen, die mir wirklich Spaß machen. Ich würde sagen, ich bin einer der glücklichsten Menschen, die ich kenne. Wegen der Altersvorsorge mache ich mir noch nicht viele Gedanken. Ich glaube, dass das Rentenversorgungssystem in Deutschland ohnehin kaputt ist und vertraue eher darauf, dass ich weiterhin Menschen treffe, die mir helfen werden – und denen ich helfen kann. Ich kann mir vorstellen, als alter Mann einem Paar mit Kindern zu helfen oder ihnen den Haushalt zu führen.  

*Name von der Redaktion geändert

Protokoll: Wlada Kolosowa

Unter Kühen

Unter Kühen

Arbeit gegen einen freien Kopf: Unsere Autorin hatte eine Schreibkrise und zog auf die Alm, um Kühe zu füttern.

Resi war weg. Berta, Dori, Susi mit ihrem Kalb, der weiße Stier Asterix, sie alle hatten sich auf der Weide hinter dem Wald niedergelassen, die Kälber neben ihren Müttern, der Stier etwas abseits, nur Resi war einfach weg. Ich lief durch den Wald und suchte nach ihr. Asterix sah mir nach, panisch warf ich ihm im Vorbeilaufen etwas von der Maulgabe aus meinem Beutel zu, einem Gemisch aus Weizenkleie und Salz. Dass er mich nur in Ruhe ließ.

Es war das erste Mal, dass mich meine Chefin, Andrea, allein über die "oberen Weiden" gehen ließ und jetzt fand ich ihre Kuh nicht mehr. Es war acht Uhr morgens und ich war schon seit drei Stunden auf den Almen unterwegs. Mir war heiß, ich hatte Blasen in meinen Wanderschuhen und ich stank, weil ich mein "Kuh-T-Shirt" seit fünf Tagen nicht gewechselt hatte, aber vor allem hatte ich Angst, Angst vor Andrea, Angst vor Asterix.

"Ich wollte weit weg sein von meinem Laptop und einfach an gar nichts denken."
Marie Gamillscheg

Dabei hatte ich mir das hier selbst ausgesucht. Ich hatte davor wochenlang vor einem leeren Word-Dokument gesessen, eine Schreibkrise bei der Arbeit am ersten Roman, und wollte nur weg. Weg aus Berlin, weg von diesem Laptop. Von WWOOF, einer internationalen Organisation, über die man gegen Kost und Logie auf Bauernhöfen mithelfen konnte, hatte ich schon gehört – meine Kommilitoninnen machten so Urlaub, wenn sie gerade kein Geld hatten, meine Mutter und ihre Lehrerkollegen hatten damit in ihren Sabbaticals die aufgestaute Sehnsucht nach einem Ausbruch aus dem Arbeitsalltag gestillt. Ich wollte was anderes: Ich wollte Arbeit gegen einen freien Kopf eintauschen. Ich wollte weit weg sein von meinem Laptop und einfach an gar nichts denken, was sich unterhalb der Baumgrenze abspielte.

Zwei Wochen war ich bei Andrea, einer Sennerin in den Türnitzer Alpen in Österreich. Nur wir zwei und 180 Kühe. Für die meisten von ihnen war es der erste und der letzte Sommer auf der Alm. Ich stand jeden Morgen um fünf Uhr auf, machte Frühstück, danach ging ich über die Almen, zählte die Kühe und fütterte ihnen die Maulgabe. Wenn ich nachmittags zurück in die Hütte auf der Bergkuppe kam, gab es noch die Blumen zu gießen, die Hühner zu füttern und die Wandergäste zu bedienen, die am Nachmittag vorbeikamen. Meine vermeintliche Verwandlung kam bald. Erst ahmte ich Andreas Kuhrufgeräusche nach, dann zog ich karierte Hemden an. Als Andrea einmal neue Würste aus der Kammer holte, setzte ich ihren Wanderhut auf und betrachtete mich im Spiegel. Abends fiel ich um neun ins Bett. Ich träumte von einer jungen Frau in den Bergen, die die Sprache der Kühe sprach, mit von Wind und Wetter gegerbter Haut, die das Trinkgeld der Wandergäste als seltenes Relikt einer anderen Kultur in einer Vitrine sammelte. Die keine Münzen, sondern nur Kühe zählte.

"Ich kam kein einziges Mal auf die Idee, meinem Kontostand hinterherzurechnen."

Reality hit me soon. Zwar gefiel es mir weiterhin, fernab des Geschehens im Tal zu leben. Vieles war hier oben einfacher. Ich dachte nicht an mein Manuskript. Auch nicht an Geld. Während im Tal mein Denken ständig darum kreiste, Geld zu verdienen, um dieses wieder auszugeben, kam ich hier oben kein einziges Mal auf die Idee, meinem Kontostand hinterherzurechnen. Herrlich. Doch: Das Frühaufstehen wurde zunehmend mühsam, die körperliche Arbeit anstrengend, das Wetter schlecht. Während Andrea auch im strömenden Regen ihre Kühe in aller Ruhe streichelte, rutschte ich im Schlamm aus und den Berghang hinunter, blieb einige Zeit liegen und bemitleidete mich selbst. Mir fehlten meine Bücher.

An jenem Morgen fand ich Resi noch. Sie lag, fernab der anderen, hinter einem Felsen, streckte ihr linkes Vorderbein von sich ab. Ich rief Andrea an, die rief den Bauern an, dem die Kuh gehörte. Er holte sie ab, wir sahen sie nie wieder. Ihr erster und letzter Sommer war kurz. Am Ende der zwei Wochen wanderte ich zu Fuß hinunter ins Tal. Als ich die erste asphaltierte Straße, die ersten Autos wiedersah, blieb ich kurz stehen. Wollte ich wirklich zurück? Ich stieg trotzdem in den Bus ein, weil er kam und stehenblieb und direkt vor mir die Tür öffnete, ich grüßte und ging gleich zu einer der hinteren Reihen. "Fräulein!", rief der Busfahrer mir hinterher. "Zahlen kennst?" 
Marie Gamillscheg

Couchsurfing und Containern

Couchsurfing und Containern

Tobi Rosswog lebte zweieinhalb Jahre geldfrei. Heute hält er Vorträge und verdient damit Geld – 350 Euro im Monat.

 "Zweieinhalb Jahre lang lebte ich konsequent geldfrei. Vorher habe ich Soziale Arbeit in Hannover studiert. Dabei hatte ich aber festgestellt, dass ich mit meiner Zeit sinnvolleres für diesen Planeten machen möchte, als in Hörsälen zu sitzen. Also habe ich meine gesamten Sachen verschenkt und bin dann mit der Aktivistin Pia Selina Damm durch Europa gereist. Ohne einen Cent auszugeben. Wie das funktioniert? Natürlich nicht von jetzt auf gleich.

Ich habe vorher schon recht genügsam gelebt und mich mit Alternativen zum Kapitalismus auseinandergesetzt. Pia und ich sind beide in einem großen Netzwerk von Menschen, die alternativ leben. Wir haben Workshops über Nachhaltigkeit, Minimalisums und ein geldfreieres Leben gegeben. In den zweieinhalb Jahren wurden wir dann immer wieder in verschiedene Städte eingeladen, um Vorträge zu halten. Bremen, Stuttgart, Graz und Marseille – um an den nächsten Ort zu kommen, sind wir getrampt.

"Wir haben weggeworfene Lebensmittel aus den Müllcontainern von Supermärkten geholt."

Es war auch kein Problem, geldlos an Essen zu kommen: In diesem Land gibt es Nahrungsmittel im Überfluss. Wir haben containert – also weggeworfene Lebensmittel aus den Müllcontainern von Supermärkten geholt. Oder wir haben via foodsharing Lebensmittel bei kooperativen Supermärkten abgeholt. Das sind Filialen, die sich dazu bereit erklärt haben, Essen, was sonst in der Tonne landen würde, abzugeben.

Erst mit 25 brauchten Tobias Rosswog und seine Freundin Geld: für die Krankenversicherung. © living utopia

In dieser Zeit wurde mir klar: Mangel ist ein kapitalistisches Konstrukt. Wir leben in einer unglaublichen Fülle. Wir übernachteten in der Zeit bei Freunden und Bekannten oder bei Menschen, die uns für einen Workshop in ihre Stadt eingeladen hatten. Irgendetwas fand sich immer. Einmal liefen wir abends mit unseren großen Rucksäcken durch Saarbrücken und wussten noch nicht, wo wir schlafen würden. Da hat uns einfach ein Mann angesprochen und uns angeboten, bei ihm zu übernachten. Wir haben noch zusammen mit ihm gekocht und am nächsten Tag sind wir weiter gezogen.

Unser Experiment endete, als Pia und ich 25 Jahre alt wurden und nicht mehr weiter über unsere Familien versichert waren. Wir mussten uns selbst krankenversichern, und dafür brauchten wir Geld. Deshalb haben wir mit zehn Freunden ein Kollektiv gegründet, Imago: Wir sind zehn Referentinnen und Referenten und halten Vorträge und Workshops an Universitäten, Schulen und auf Festivals – und damit nehmen wir Geld ein. Unsere Themen sind breit gefächert rund um die sozial-ökologische Transformation.

"Ich spüre bei den Menschen eine Sehnsucht nach einem Leben jenseits von Arbeit, Geld und Eigentum."

Wir haben eine gemeinsame Ökonomie. Wenn Geld reinkommt, dann fließt es direkt in unsere Kollektiv-Kasse. Aus dieser nehmen wir uns eigenverantwortlich Geld heraus. Streit gab es darüber noch nie. Ich vertraue darauf, dass alle nur so viel nehmen, wie sie wirklich zum Leben brauchen. Pro Person sind das rund 350 Euro. Weil wir alle sehr genügsam leben, reicht das auch. Ich containere nach wie vor und schlafe mal hier, mal dort. Ich zahle also keine Miete. 

Ich mache das, weil es mir wichtig ist, Alternativen zum Kapitalismus zu erforschen. Unser jetziges System ist nicht zukunftsfähig: Es basiert auf unbegrenztem Wachstum auf einem begrenzten Planeten. Bei meinen Workshops spüre ich immer wieder die Sehnsucht der Menschen nach einem Leben jenseits von Arbeit, Geld und Eigentum. Aus diesem Hamsterrad auszutreten bedeutet: Geldfreier zu leben und all das, was es schon gibt, mehr zu nutzen statt ständig Geld für neue Dinge auszugeben. Und mit anderen zu kooperieren.
Daniela Singhal

Ehrenamt und Aktivismus

Ehrenamt und Aktivismus

Lisa Groß, 27 Jahre alt, hat eine halbe Stelle als Werkstudentin in einer NGO. Den Rest ihrer Zeit arbeitet sie ehrenamtlich.

In meiner Jugend war ich recht unpolitisch. Bis ich vor ein paar Jahren in einem Uniseminar zur Asylpolitik der Europäischen Union saß und auf einmal merkte: Es ist absolut ungerecht und ein Skandal, wie man in Europa mit geflüchteten Menschen umgeht. Gleich danach machte mich ein Praktikum bei borderline-europe, einem Verein, der auf die Situation der Migrantinnen und Migranten im Mittelmeerraum aufmerksam machen will. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.

Heute habe ich eine halbe Stelle als Werkstudentin in einer Menschenrechtsorganisation. So verdiene ich, was ich zum Leben brauche. Drei Tage die Woche sitze ich im Büro, meine zwei freien Tage gehen fast gänzlich für meine aktivistische Arbeit drauf. Mittlerweile arbeite ich für mehrere Projekte: Bei HarekAct mache ich Öffentlichkeitsarbeit zum türkisch-europäischen Grenzregime, beim WatchTheMed-Alarmphone betreiben wir in einem transnationalen Kollektiv eine 24/7-Telefonhotline, bei der Geflüchtete in Seenot anrufen können. Mit anderen Aktivistinnen habe ich auch gerade ein neues Projekt ins Leben gerufen: Bei Mare Liberum werden wir ein eigenes Schiff haben, mit dem wir die Menschenrechtssituation für Flüchtende im Ägäischen Meer zwischen Griechenland und Türkei beobachten werden. 

"Als Werkstudentin verdiene ich, was ich zum Leben brauche."
Lisa Groß

Seit meinem Praktikum nimmt die ehrenamtliche Arbeit einen immer größeren Anteil meines Alltags ein. Ich kann einfach nicht damit aufhören, in neue Projekte einzusteigen, wenn ich ständig sehe, was in dem System alles falsch läuft. Deshalb bin ich froh, dass ich meine Lohnarbeit habe, die mich ab und zu dazu zwingt, Abstriche zu machen, weil ich keine Zeit finde. Der Job verschafft mir Struktur. Allerdings leidet mein Studium unter meiner Arbeit. Seit fast einem Jahr habe ich kaum noch etwas für meine Masterarbeit gemacht, weil mir immer etwas anderes wichtiger war.

Mir ist bewusst, dass es ein großes Privileg ist, dass ich eine halbe Stelle habe und davon leben kann, und deshalb so viel Zeit für Aktivismus habe. Ich komme aus Deutschland, einem Land mit guten Lebensbedingungen, und habe eine gute Ausbildung. Deshalb möchte ich mein Privileg teilen. Nicht jeder kann acht Stunden die Woche ein Telefon hüten, ich kann es, deshalb tue ich es auch.

Natürlich wäre es toll, wenn man sich mit dieser wichtigen politischen Arbeit auch finanzieren könnte. Warum ich trotzdem so viel Zeit darin investiere? Natürlich, weil ich die EU-Abschottungspolitik schrecklich finde und dagegen ankämpfen möchte. Aber auch, weil ich mich so in einer ganz anderen Arbeitswelt bewege, in der ich viel lernen kann. In einem kapitalistischen System, wo Arbeit sehr kleinteilig strukturiert ist, kann man nur sich nur in einem sehr kleinen Bereich weiterentwickeln. Im Ehrenamt ist das anders: Ich arbeite sehr autonom, ich habe die Freiheit, selbst zu bestimmen, was ich machen möchte und was nicht. Denn in den politischen Gruppen, in denen ich aktiv bin, gibt es nur flache bis gar keine Hierarchien. Das Puzzle an Lohnarbeit, politischen Projekten und Aufgaben, dass ich mir selbst zusammengebastelt habe, möchte ich heute nicht mehr missen.
Marie Gamillscheg