Konzerne wie Volkswagen haben schon 2011 beschlossen, den Zugang zu Arbeits-E-Mails nach Feierabend zu reduzieren: Eine halbe Stunde nach Arbeitsschluss und am Wochenende werden die E-Mails vom Mailserver des Unternehmens nicht auf die Smartphones der Beschäftigten weitergeleitet. Und nun kommt dieses unschuldige Slack langsam im Arbeitsalltag an und tut so, als wären alle Stressprobleme mit einem beschwichtigenden Emoji behoben. Theoretisch können Beschäftigte die Slack-Benachrichtigungen auf ihrem Telefon zwar aus- oder stummschalten. Aber so einfach ist es ja nicht.

Wie lange darf man nicht antworten, bis die Kommunikationspause als firmeninternes Ghosting gilt?

Woher sollen sie wissen, ob eine Information relevant ist? Wie cool reagiert der Teamleiter wirklich, wenn man die Nachricht nicht sieht, oder ignoriert, und deshalb das Meeting verpasst? Wie soll man runterkommen, wenn die ständige Arbeitsbereitschaft nicht mit Dienstende aufhört – weil gar kein Diensthandy angeschafft wurde, das man ausschalten könnte? Wo sind diese gesetzlich regulierten Schonzeiten am Abend und am Wochenende, um sich vom "zentralen Nervensystem" – so nennt es Slack-Gründer Butterfiled – auszuloggen, ohne dabei beruflich draufzugehen? Wie lange darf man nicht antworten, bis die Kommunikationspause als firmeninternes Ghosting gilt? Während bei E-Mails gefühlt eine Toleranzgrenze von bis zu fünf Tagen gilt, hat Slack eher etwas von WhatsApp. Man kann sehen, wann jemand online ist – und kann sich nur schwer rechtfertigen, nichts sofort geantwortet zu haben.

Für den Umgang mit den neuen Kommunikationstechnologien gibt es noch kaum Regeln. Das ist aber nicht der einzige Haken. Mit der schnellen, vermeintlich lockeren Kommunikation ist es wie mit dem Duzen vom Chef und den Sneakern im Büro: An sich ist die Lockerheit nicht schlecht. Firmen lassen sich auf das Neue – mehr Flexibilität – ein. Doch dabei vergessen sie das Alte – Hierarchien, Präsenzmeetings und Kontrolle – zu reduzieren. Alte Umgangsformen werden wie ein Jeanshose auseinandergerissen und dann zu einem Hemd zusammengenäht, das am Ende niemandem so richtig passt.

"Jennifer-Lawrence-Memes können keine passiv-aggressiven Befehlstöne kaschieren."

Die schlecht vernähten Überbleibsel alter Zeiten reißen zuallererst beim Zwischenmenschlichen. Herr Heidenbück und Herr Miebach werden plötzlich zu Stefans, Frau Reitnagel und Frau Lauff zu Steffis, die von Tag eins versuchen, der beste Freund statt die Abteilungsleiterin zu sein. Und dann melden sie sich schon bald nach Feierabend und geben munter "Infos zum morgigen Termin" durch. Und scheuen sich nicht einmal, einen um 22 Uhr aus dem Netflix-Binge-Marathon mit dem Partner zu reißen: "Es ist spät, aber geht es vielleicht doch noch? 🙏".

Smileys bei Slack sind daher ungefähr so wertvoll wie Sushi von Aldi: Denn Arbeitsaufträge, die in den Sechzigerjahren im Befehlston durch das ganze Büro geschrien wurden, werden nicht dadurch leichter zu bewältigen, dass man heute am Ende einer Nachricht einen Zwinker-Smiley setzt. Der Chef wird nicht zum Kumpel, weil man auf dem Sofa sitzend mit ihm chattet. Und nachgeschobene Jennifer-Lawrence-Memes können keine aggressiven Befehlstöne kaschieren, im Gegenteil. Das künstliche Bonding macht es schwer, professionell miteinander umzugehen, nüchtern über Geld zu verhandeln, klar zu sagen, womit man unzufrieden ist – oder schlicht abzusagen, wenn man eine Aufgabe nicht annehmen möchte.

Bis es also soweit ist, dass wir auf Augenhöhe miteinander sprechen und arbeiten, sollten wir Arbeit als das betrachten, was sie ist: Ein Weg, mit dem Menschen ihren Lebensunterhalt finanzieren – und nicht das nächste unternehmensinterne Ping-Pong-Turnier, das sich anfühlt wie eine große Familienfeier.