Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei, heißt es. Die Realität sieht anders aus. Wir fragen hier die Lehrer unter unseren Leserinnen und Lesern: Wie geht es Ihnen? Denn zu den Unterrichtsstunden kommen Vor- und Nachbereitung, Korrekturen, Konferenzen, Elterngespräche und Klassenfahrten. Seit einigen Jahren sitzen in den Klassen zudem vermehrt Schülerinnen und Schüler mit Behinderung oder Lernschwierigkeiten und Flüchtlingskinder, die besondere Betreuung benötigen. Jeder dritte Beschäftigte im Bildungswesen fühlt sich erschöpft oder ausgebrannt. Viele denken darüber nach, den Beruf zu wechseln. Drei, die sich entschieden haben, ihren früheren Traumjob aufzugeben, berichten hier von ihren Erfahrungen.

Grundschullehrerin, 36 Jahre, Nordrhein-Westfalen

Vor elf Jahren habe ich mein Referendariat in einem sozialen Brennpunkt in einer Großstadt begonnen. Mich überraschte, wie hart es selbst an einer Grundschule zugehen kann: Eltern, die sich auf dem Schulhof prügeln, Handtaschen und Handys, die aus dem Lehrerzimmer oder während eines Elterngespräches geklaut werden, Meldungen an das Jugendamt wegen Kindeswohlgefährdungen – das alles gehörte dazu. Trotzdem fand ich die Arbeit mit den Kindern bereichernd. Das Kollegium hielt zusammen, ich fühlte mich gut aufgehoben. Die Schule war schon seit einigen Jahren eine Schule, in der Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsam lernen. Ich teilte mir die Unterrichtsvorbereitung mit Sonderpädagogen, arbeitete mit ihnen im Team und konnte viel von ihnen lernen. Damals war ich der Meinung, dass gemeinsames Lernen der einzig richtige Weg ist. Das sollte sich in den nächsten Jahren ändern.

"Das größte Problem aber war die Schulleiterin."

Meine ersten Zweifel bekam ich, als eine neue Kollegin an die Schule kam, die den Unterricht überhaupt nicht ernst nahm. Es war schlimm, mit anzusehen, wie sie die Kinder sich selbst überließ. Im sozialen Brennpunkt fallen solche Kollegen erst mal nicht auf, da die Eltern dort kaum in der Lage sind, für sich selbst oder ihre Kinder einzutreten. Ich suchte das Gespräch mit der Schulleitung, aber es dauerte fünf Jahre bis die Kollegin gehen musste. Natürlich wurde sie nur versetzt, denn wer einmal auf Lebenszeit verbeamtet ist, den wird man nicht mehr so einfach los.



Nach meinem Referendariat blieb ich noch einige Jahre an der Schule, bevor ich für eine Stelle mit Verbeamtung an eine andere Grundschule wechselte – wieder in einem sozialen Brennpunkt. Hier war der Ton noch rauer und auch die Kollegen hielten nicht zusammen. Das größte Problem aber war die Schulleiterin. Sie war eine gute Lehrerin, aber hatte keinerlei Führungskompetenzen. Lehrer werden während ihrer Ausbildung nicht darauf vorbereitet, Erwachsene zu führen. Ein paar Seminare und eine Prüfung durch Schulräte, die vom Schulalltag keine Ahnung haben, können daran nichts ändern.

Mehrere gute Kollegen verließen die Schule mit einem Burn-out. Alle begründeten das mit dem Verhältnis zur Schulleitung. Die blieb trotzdem die gleiche. Es ist schwierig, Schulleitungen von Grundschulen zu besetzen. Kein Wunder, man muss viel arbeiten, wird aber eher schlecht bezahlt. Sonderpädagogen sind der Schulleitung unterstellt, verdienen jedoch besser.

"Gegen Ende meiner ersten Schwangerschaft drohte ein Junge damit, mir in den Bauch zu boxen, damit mein Baby stirbt."

Die sonderpädagogische Stelle an dieser Schule war nicht besetzt, als ich dort anfing. Die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf waren natürlich trotzdem da. Ich musste aggressiven Kindern hinterhereilen, damit sie andere Schüler nicht verletzten. Einmal zog ich mir dabei eine Prellung zu. Ein Junge schlug vor Wut eine Glastür ein. Ein anderer musste mit mir in einen Raum eingesperrt werden, um sich und andere nicht zu verletzen.

Ich unterrichtete, während Kinder sich prügelten, mit Stühlen warfen, auf den Tischen standen und schrien. In meinem ersten Jahr an dieser Schule ging ich in der Pause auf die Toilette, um zu weinen. Gegen Ende meiner ersten Schwangerschaft tickte ein sonst ruhiger Junge aus, schubste mich und drohte mir damit, mir in den Bauch zu boxen, damit mein Baby stirbt. Der Junge musste die Klasse verlassen.

Ermahnen, Erziehen und Beruhigen

Als ich mit meinem zweiten Kind schwanger war, merkte ich, dass ich in der Schule verunsichert war. Daher ging ich zu einer Ärztin, die ein Berufsverbot während der Schwangerschaft aussprach. Nach der Elternzeit werde ich mich versetzen lassen, weiß aber nicht, wohin. Sollte ich mich dort auch unwohl fühlen, brauche ich erneut das Einverständnis der Schulleitung. Bis man das bekommt, dauert es oft Jahre.

Deshalb versuche ich gleichzeitig, einen Weg aus dem Lehrerberuf zu finden. Momentan mache ich nebenher eine Weiterbildung zur psychologischen Beraterin und möchte danach an einer Fernuni Psychologie studieren. Ich würde gerne in den schulpsychologischen Dienst gehen, denn mit Kindern möchte ich weiterhin arbeiten. Aber nicht mehr mit 29 auf einmal.

Lehramtsstudentin und Vertretungslehrerin an einer Gesamtschule, 26 Jahre, Hessen

Ich habe schon im dritten Semester angefangen, als Vertretungslehrerin an einer Gesamtschule zu arbeiten. Erst vier Stunden pro Woche, dann acht, insgesamt eineinhalb Jahre lang. Ich hatte zwei Gymnasialkurse, es lief super und ich war stolz, so früh schon zu unterrichten.

Inzwischen unterrichte ich seit mehr als einem Jahr an einer anderen Gesamtschule. Hier unterrichte ich Kurse mit drei bis vier Flüchtlingskindern. Dazu kommen einige Kinder mit ADHS und anderen Verhaltensauffälligkeiten. Der Inklusion wegen waren diese Schüler auch in meinen leistungsstarken Kursen.

"Ein Junge schreit so laut, dass ich denke, mir platzt das Trommelfell."

Wenn es gut läuft, unterrichte ich 20 Minuten in einer Schulstunde, die restlichen 25 Minuten verbringe ich mit Ermahnen, Erziehen und Beruhigen. Ein Schüler wälzt sich auf dem Boden hin und her. Ein anderer steht auf und bespuckt seine Mitschüler. Ein Junge schreit so laut, dass ich denke, mir platzt das Trommelfell. Ein Schüler fängt an zu singen, ein anderer führt Selbstgespräche. Einer leckt die Wand ab. Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich arbeite nicht mehr mit den Schülern, sondern gegen sie.

Alle Kollegen sind der Meinung, dass diese Schüler – und es sind nicht wenige – in der Förderschule besser aufgehoben wären. Leider schließen jedoch immer mehr Förderschulen. So ist keinem geholfen: Weder dem Schüler mit Förderbedarf, noch den anderen. Die Schüler, die etwas erreichen wollen, aber nicht können, weil der Unterricht immer und immer wieder unterbrochen wird, tun mir leid. Eine Privatschule kann sich nicht jeder leisten.

Gespräche mit den Schülern und ihren Eltern bringen selten etwas. Wenn man Glück hat, schaltet sich nach Monaten die Schulpsychologin ein und später manchmal das Jugendamt. Diese Schüler brauchen Hilfe, bekommen sie aber nicht.

Hinzu kommt, dass die Pausen eigentlich keine Pausen sind. Bis ich im Lehrerzimmer angekommen bin, sind es noch 15 Minuten. Dann will immer ein Lehrer oder Schüler etwas oder ich muss noch kopieren. So komme ich nicht dazu, ordentlich zu essen, muss immer alles schnell in mich hineinschlingen. Ich war in diesem Schuljahr bisher auch erst zweimal auf der Lehrertoilette. Von dem Dauerstress habe ich chronische Blähungen bekommen.

"Wenn es im Unterricht laut wird, bekomme ich inzwischen Atemprobleme, Magenschmerzen und Schweißattacken."

Ich habe inzwischen sieben Jahre als Vertretungslehrerin gearbeitet und lange gedacht, ich könnte etwas ändern. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie ich den Unterricht besser gestalten kann und mir lange gesagt, dass sich vieles bessern würde, wenn ich erst mal verbeamtet wäre. Mein Körper hat mir aber deutlich signalisiert, dass es so nicht weitergeht. Wenn es im Unterricht laut wird, bekomme ich inzwischen Atemprobleme, Magenschmerzen und Schweißattacken. Und das bei aktuell 15 Stunden pro Woche. Wie soll es erst bei einer vollen Stelle aussehen? Unmöglich. Deshalb habe ich mich entschieden, nicht ins Referendariat zu gehen.

Nach dem ersten Staatsexamen werde ich mich für ein duales Studium im Verwaltungswesen bewerben. Verwaltung, weil ich nach meinen Erfahrungen in der Schule einen Beruf möchte, der in einer ruhigen Atmosphäre stattfindet. Ich kann mir gut vorstellen, später nebenbei an einer Volkshochschule oder Berufsschule zu arbeiten, denn ich unterrichte nach wie vor gerne. Nur nicht mehr unter den Bedingungen wie an der Schule.

Gesamtschullehrer, 57 Jahre, Nordrhein-Westfalen

Als ich in den Achtzigerjahren mein Referendariat abschloss, gab es kaum Stellen. Deshalb habe ich eine Nachhilfeschule gegründet und freiberuflich Deeskalationstrainings geleitet. Nach einem Streit mit meinem Geschäftspartner bin ich mit 48 Jahren doch noch an die Schule gegangen.

An der Gesamtschule, an der ich anfing, gab es immer wieder Stress und Schlägereien. Von der Schulleitung hieß es dazu: "Schreib das auf. Erst wenn die Akte voll ist, können wir etwas machen." Selbst mit einer vollen Akte bekamen die Schüler aber nur eine Mahnung – nichts, was sie beeindruckt hätte. Ich hätte mir gewünscht, dass wir Schüler schneller suspendieren, also zu Hause lassen. Damit die Eltern sehen, wie die sich benehmen. Mit leeren Drohungen erreicht man die Schüler nicht. Die lächeln dich an und machen weiter.

"Wenn ich mit einer Sechs drohe, ist denen das egal"

Manche Schüler sagen: Meine Eltern kriegen seit dreißig Jahren Sozialhilfe, wir fahren trotzdem in den Urlaub, warum soll ich mich anstrengen? Das kann ich nicht kontern. Wenn ich mit einer Sechs drohe, ist denen das egal. Zu Kolleginnen sagen manche Jugendliche mit Migrationshintergrund: Von einer Frau lasse ich mir sowieso nichts sagen.

In einigen Klassen sind bis zu fünf Inklusionsschüler. Manche sind lernbehindert, andere körperlich oder geistig behindert oder haben sozial-emotionale Schwächen. Jeden soll ich gleichzeitig so unterrichten, dass er seine individuellen Ziele erreicht. Ich habe Sonderpädagogik studiert und weiß: Einige gehören einfach auf eine Förderschule.

"Manche Regelschulen tricksen, um behinderte Schüler nicht aufnehmen zu müssen."

Die Vereinten Nationen haben 2009 beschlossen, dass alle behinderten Schüler das Recht haben, auf eine Regelschule zu gehen. Das ist in einigen Ländern sinnvoll, aber nicht in Deutschland. Wir haben ein gutes sonderpädagogisches System mit einer fundierten Ausbildung für Sonderpädagogen und spezialisierten Schulen, etwa für hör- oder sehbehinderte Kinder.

Die Sonderpädagogen müssen sich jetzt zwischen den Förderschulen und den Regelschulen mit Inklusionskindern aufteilen. So haben sie an keiner Schule genug Stunden, um den Bedarf abzudecken. Manche Regelschulen tricksen deshalb, um behinderte Schüler nicht aufnehmen zu müssen. Zum Beispiel, indem sie die fünften Klassen in einem Stockwerk unterbringt, das für Gehbehinderte nicht zu erreichen ist.

Obwohl wir eine Gesamtschule sind, hat bei uns von hundert Schülern nur einer eine Gymnasialempfehlung. Unter den vielen schwachen Schülern, die sehr viel Betreuung benötigen, leiden die guten Schüler. Das ist für niemanden zufriedenstellend.

"Der Efeu wächst durch die Fensterrahmen; im Winter ist es so kalt, dass die Schüler mit Jacken dasitzen."

Dazu sind die Schulgebäude in einem furchtbaren Zustand: Der Efeu wächst durch die Fensterrahmen; im Winter ist es so kalt, dass die Schüler mit Jacken dasitzen. Die EU hat zwar Geld für unsere Schule bereitgestellt, aber auf dem Schulverwaltungsamt wurden so viele Mitarbeiter eingespart, dass keiner einen Antrag für uns stellen konnte.

Im Sommer lag ich mehrere Wochen im Krankenhaus, habe viel nachgedacht und entschlossen, dass ich den Beruf unter diesen Bedingungen nicht mehr ausüben möchte. Als ich kündigte, sagten meine Kollegen zu mir: Wir können das nachvollziehen – selbst mein Schulleiter sagte das.

Als ich mein Arbeitszeugnis bekam, habe ich mich gefragt, warum man mir nicht vorher mal gesagt hat, dass ich gute Arbeit mache. Bei meiner letzten Klassenfahrt habe ich mir 76 Stunden um die Ohren gehauen. Bedankt hat sich dafür niemand. Viele Kollegen fahren deshalb nicht mehr auf Klassenfahrten. Auch bei meinem Abschied von Schülern, die ich sechs Jahre als Klassenlehrer unterrichtet habe, hat sich bei mir niemand bedankt. Nur um einen Selfie wurde ich gebeten. Wer Anerkennung im Beruf sucht, ist im Lehrerberuf sicherlich falsch.

Jetzt mache ich eine Weiterbildung zum rechtlichen Betreuer, früher hieß das Vormundschaft. Als rechtlicher Betreuer werde ich Menschen, die ihr Leben nicht mehr auf die Reihe bekommen, zum Beispiel psychisch Kranke oder Drogenabhängige, organisatorische Aufgaben abnehmen. Ich kann mir dann meine Zeit wieder selbst einteilen, habe nur mit einzelnen Personen zu tun und lerne noch mal etwas ganz Neues. Ich kann meinen Hund mit ins Büro nehmen, mit meiner Frau außerhalb der Ferien Urlaub machen, werde bei gleicher Arbeitszeit mehr verdienen und kann im Alter meine kümmerliche Rente mit einigen Betreuungen aufbessern. Es gibt wenig, das ich am Lehrersein vermissen werde.