ZEIT ONLINE: Frau Verheyen, Sie haben erforscht, wie sich in der Geschichte der Leistungsbegriff herausgebildet hat, der unser Berufsleben prägt. Ist es heute wichtiger als früher, im Job etwas zu leisten?

Nina Verheyen: Auf den ersten Blick könnte man sogar das Gegenteil denken. Die Kategorie der Leistung scheint für die heutige Arbeitswelt nicht mehr so zentral zu sein wie noch vor einigen Jahrzehnten. Der Begriff taucht seltener auf, lieber sprechen wir heute von Performance oder Qualität oder Exzellenz. Und in vielen Bereichen gibt es nicht mehr die klaren, standardisierten Arbeitsvorgaben, mit denen die Fabrikarbeit im fordistischen Zeitalter noch gesteuert werden sollte. 

Nina Verheyen ist Historikerin an der Uni Köln. Ihr Buch "Die Erfindung der Leistung" ist bei Hanser erschienen. © privat

ZEIT ONLINE: Mit dem Ende der Akkordarbeit ist das Arbeitsleben also endlich entspannter geworden?

Verheyen: Das wäre zu kurz gedacht, im Gegenteil, es wird sehr viel evaluiert. Die Erwartungen an Beschäftigte sind aber breiter und vager geworden. Sie schließen Merkmale des Persönlichen ein, die früher nicht Gegenstand von Leistungserwartungen waren. Denken Sie an emotionale Kompetenz oder Kommunikationsfähigkeit, die heute in vielen Tätigkeitsfeldern mitbewertet werden. Gleichzeitig wird der ökonomische Erfolg zunehmend als Indikator für gute Arbeit herangezogen. Kritik an dieser Entwicklung läuft daher auch auf die Forderung hinaus, das alte Leistungsverständnis zu reaktivieren: Lasst uns doch wieder auf die Arbeit und die Anstrengung an sich schauen – und nicht, wie gut jemand kommunizieren kann oder gar, wie erfolgreich sich jemand vermarktet. Diesen Gedanken finde ich erst einmal überzeugend.

ZEIT ONLINE: Aber?

Verheyen: Das in dieser Forderung mitschwingende Leistungsverständnis ist sehr vereinfachend. Es ist stark physikalisch geprägt, überträgt Annahmen über eine Maschine auf den Menschen und denkt Leistung als aufgewendete Arbeit oder als Energieverbrauch pro Zeiteinheit. Es setzt voraus, dass individuelle Leistung eine objektive Größe ist, die sich exakt messen lässt. 

"Alles, was in der Erwerbswelt produziert wird, beruht auf den Anstrengungen von ganz vielen."
Nina Verheyen

ZEIT ONLINE: Tut sie das nicht?

Verheyen: Nie in dem Sinne, wie sich die Leistung einer Maschine messen lässt. Es gibt weder objektive Bewertungsinstanzen noch objektive Bewertungskriterien. Außerdem sind Arbeitsvorgänge viel zu eng miteinander verflochten, als dass man die Leistung eines einzelnen isolieren könnte. Hinter dem, was als individuelle Leistung gilt, steht ein kollektiver Kraftakt. Alles, was in der Erwerbswelt produziert wird, beruht auf den Anstrengungen von ganz vielen. Ähnliches gilt sogar im Bereich der Bildung, in dem wir ebenfalls von persönlicher Leistung sprechen. Das Können von Schulkindern beruht ja nicht nur auf ihrem eigenen Fleiß und ihrer Begabung, sondern auch auf dem Unterricht der Lehrer und der Unterstützung der Eltern. 

ZEIT ONLINE: Kollektive Kraftakte bestehen aber aus individuellen Anstrengungen.

Verheyen: Ich sage nicht, dass es individuelle Leistung überhaupt nicht gibt. Ich sage: Es gibt sie nicht in einem feststehenden physikalischen Sinne. Individuelle Leistung ist immer das Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung und einer perspektivenabhängigen Zuschreibung. Sie ist eine soziale Konstruktion, als solche aber sehr real und wichtig. Denn es geht darum, welches Tun wir als anerkennungswürdig bewerten und wie wir die Beiträge des Einzelnen bestimmen. Individuelle Leistung als soziale Konstruktion zu erkennen, macht es leichter, bestehende Leistungsverständnisse zu hinterfragen. 

"Die Zuschreibung von Leistung geht immer mit Ungerechtigkeiten einher."

ZEIT ONLINE Ist es eine gute Idee, Beförderungen oder die Bezahlung von der Leistung abhängig zu machen?

Verheyen: Es ist erst einmal zu begrüßen, wenn Gesellschaften versuchen, Status und Einkommen an Leistung zu knüpfen statt an Herkunft. Das soll nicht nur die Produktivität erhöhen, es gilt auch als sozial gerecht. Mit diesem Anspruch gehen aber gravierende Probleme einher. Schon im deutschen Kaiserreich wurde beispielsweise intensiv darüber diskutiert, ob schulischer Notendruck krank macht und zu einem rein strategischen Lernen führt. Frühzeitig wurde auch mit Blick auf die Erwerbsarbeit erwogen, dass Menschen nicht notwendig besser werden, wenn ihr Output ständig kontrolliert wird. Im schlimmsten Fall zerstört es demnach die intrinsische Motivation, mit der doch sehr viele an ihre Arbeit gehen. Die Zuschreibung von Leistung geht immer mit Ungerechtigkeiten einher. Wenn wir uns vor Augen führen, wie verflochten Arbeitsprozesse sind und dass sich persönliche Leistungen einer objektiven Messung entziehen, haben allzu große Einkommensunterschiede schnell ein Legitimitätsproblem. 

ZEIT ONLINE: Ex-VW-Chef Matthias Müller bekommt knapp zehn Millionen im Jahr, trotz Abgaskrise. Er sagt: Die Verantwortung, die Manager tragen, rechtfertige Gehälter in dieser Höhe. Finden Sie das nachvollziehbar?

Verheyen: Es ist schon lange üblich, Verantwortung als Indikator für Leistung zu nutzen. Aber Verantwortung lässt sich schwer messen, und eine Hebamme im Kreißsaal oder gar bei einer Hausgeburt übernimmt ebenfalls viel Verantwortung. Schließlich geht es ganz unmittelbar um Leben und Tod. Das führt in ihrem Fall nicht zu einem hohen Einkommen, sondern zu hohen Versicherungskosten, die die Hebamme selbst zu tragen hat. Die sehr geringe Bezahlung in diesem Bereich ist nicht das Ergebnis sehr geringer Leistung, sondern einer schwachen Interessenvertretung.

Umgekehrt ist es Spitzenunternehmern in den letzten Jahrzehnten ausgesprochen gut gelungen, ihre Interessen zu vertreten und ihr herausstechendes Einkommen als Ausdruck einer besonders großen Leistung glaubhaft zu machen und darüber zu rechtfertigen.