Als Anne* im Büro eine Banane aß, begann ihr Chef, sie mit dem Handy zu filmen. Er habe gesagt: "Steck sie dir mal richtig rein, wir drehen jetzt einen Porno." Auf ihre Aufforderung, damit aufzuhören, habe er nur mit Lachen reagiert – verbunden mit dem Hinweis, dass sie sich nicht so haben solle. Anne habe sich bei der nächsthöheren Instanz über ihren Chef beschwert. Ohne weitere Konsequenzen. Es sei nichts passiert, schrieb die Frau.

Haben Sie sich gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gewehrt? Und was ist geschehen, nachdem Sie sich zur Wehr gesetzt haben? Das wollten wir von Betroffenen erfahren. Auf diesen Aufruf und einen anderen zur Frage, ob unsere Leserinnen und Leser bereits sexuelle Belästigung im Job erlebten, haben sich bis heute 1.398 Menschen gemeldet – Frauen und Männer. 467 von ihnen berichten, dass sie sich gewehrt haben. 292, dass sie sich nicht gewehrt haben. Von den anderen haben wir dazu keine Aussage. Die Berichte der Frauen und Männer sind nicht repräsentativ. Doch sie zeigen: Wer sexuell belästigt wird und im Betrieb nach Hilfe sucht, erhält oft kaum Unterstützung, dafür mitunter zweifelhafte Ratschläge. 

"Woher wollen Sie wissen, dass das sexuelle Belästigung ist?"
Vorgesetzte zu einer Auszubildenden

Eine Frau berichtete uns von unangenehmen Erfahrungen mit einem männlichen Betreuer während ihrer Ausbildung zur Kauffrau. Immer wieder habe er zweideutige Bemerkungen gemacht, ihr hinterhergeschaut und unter den Rock. Als die damals 19-Jährige ihrer Ausbildungsleiterin berichtete, dass sie sich von dem Betreuer belästigt fühle, habe diese zu ihr gesagt: "Woher wollen Sie wissen, dass das sexuelle Belästigung ist?" Anschließend wandte die Frau sich an den Betriebsrat und eine Vertreterin der Auszubildenden. Dort habe man ihre Beschwerde über die Belästigung zwar ernst genommen, allerdings auch gesagt, dass man ihr nicht helfen könne – und sie lernen solle, damit umzugehen. 

Eine angehende Ärztin schilderte uns, wie sie und andere Medizinstudentinnen im Praktischen Jahr sich über die Zudringlichkeiten eines Chefarztes in der Chirurgie beschwerten. Die für die Frauen zuständige Oberärztin habe nur mit dem Kopf geschüttelt und abgewiegelt. Die ebenfalls informierte Universität würde weiterhin Studentinnen für ihr Praktisches Jahr in diese Abteilung senden. 

Arbeitgeber sind gesetzlich verpflichtet, Belästigung zu verhindern

Suchen Sie sich Hilfe, wehren und beschweren Sie sich! Das sind die klassischen Tipps an jene, die am Arbeitsplatz sexuelle Belästigung erfahren. Beispielsweise raten dazu die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe. An dem Rat ist nichts falsch, im Gegenteil: Es gibt Hinweise darauf, dass die Belästigung schneller unterbleibt, wenn sich Betroffene zur Wehr setzen und die belästigende Person direkt konfrontieren. Es ist auch deshalb sinnvoll, sich Unterstützung zu suchen, weil der Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet ist, ein belästigungsfreies Klima zu schaffen. Er muss jeder Beschwerde über sexuelle Belästigung nachgehen – und durch Sanktionen und andere Maßnahmen dafür sorgen, dass belästigte Personen in Zukunft geschützt sind. Angestellten, die eine Beschwerde einreichen, dürfen daraus außerdem keine Nachteile entstehen.