Das Silicon Valley gilt als Arbeitsplatz mit paradiesischen Arbeitsbedingungen – zumindest für Männer. Frauen dagegen kämpfen seit Jahren gegen Sexismus und Diskriminierung. Von Gleichberechtigung könne im Technologiesektor keine Rede sein, kritisieren Aktivistinnen schon seit Jahren. Anfang des Jahres wurden heftige Sexismusvorwürfe gegen den Uber-Mitbegründer Travis Kalanick öffentlich. Danach berichteten auch zahlreiche andere Frauen aus der Tech-Branche von einer Machokultur, in der selbst sexuelle Übergriffe als normal gelten. Die TV-Moderatorin Emily Chang beschreibt in ihrem Buch Brotopia: Breaking Up the Boys' Club of Silicon Valley, wie Frauen im Silicon Valley systematisch ausgeschlossen werden.

ZEIT ONLINE: Sie berichten seit über sieben Jahren für Bloomberg TV aus dem Silicon Valley. Konnte Sie überhaupt noch etwas schocken, als Sie für Ihr Buch Brotopia: Breaking Up the Boys' Club of Silicon Valley über den dort herrschenden Sexismus recherchiert haben?

Emily Chang: Oh ja, die Sexpartys haben mich definitiv geschockt. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Zeit die Erfolgreichen der Tech-Branche in Stripclubs, Sado-Maso-Läden und eben auf diesen privaten Partys verbringen. 

ZEIT ONLINE: Waren Sie selbst mal auf so einer Party?

Chang: Nein, aber ich habe mit über 20 Menschen gesprochen, die dort waren. Die Partys finden etwa einmal im Monat statt, in privaten Villen oder Chalets, Gastgeber sind die Big Player des Valley, Investoren, erfolgreiche Gründer oder Vorstandsvorsitzende. Einlass natürlich nur mit Einladung. Die sind möglichst neutral gestaltet, falls sie Outsidern in die Hände fallen. Aber allen Eingeweihten ist klar, dass es eine Sexparty ist. Wer hingeht, muss auch mitmachen, sonst gilt er als Voyeur. Auf manchen Feiern herrscht eine intime Atmosphäre und die Gäste kochen gemeinsam, andere sind ausladende Feste, auf denen das Essen schon mal auf nackten Frauenkörpern angerichtet wird. Enthemmende Drogen wie MDMA stehen zur freien Verfügung – manchmal sind die Tabletten sogar in Form von Unternehmenslogos wie Tesla oder Snapchat. Oft bilden sich cuddle puddles, Menschen, die auf einem Haufen zusammenliegen und kuscheln oder knutschen, oder einzelne Paare oder Gruppen ziehen sich in separate Räume zurück. Diese sexuelle Offenheit gehört zum Selbstverständnis des Silicon Valley. Die Gründer glauben, dass sie die Welt nicht nur durch ihre Produkte verändern, sondern auch indem sie alte Moralvorstellungen überwinden und eine sexuell befreite Gesellschaft erschaffen.

Emily Chang, 37, ist eine amerikanische TV-Journalistin und Autorin. Sie war China-Korrespondentin für CNN, seit 2010 berichtet sie für Bloomberg TV aus dem Silicon Valley. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in San Francisco. ©David Paul Morris

ZEIT ONLINE: Das klingt doch ganz gut.

Chang: Klar. Leider ist es totaler Selbstbetrug. In Wahrheit verfestigen sie nur alte Rollenklischees, wie wir sie schon aus den 1950er-Jahren kennen. Die Einladungen sind sehr exklusiv, wer auf der Gästeliste steht, hat es geschafft. Das gilt zumindest für Männer. Für Frauen sieht es ein bisschen anders aus.

Eine Rollenverteilung aus den 1950ern

ZEIT ONLINE: Wie denn?

Chang: Zum einen werden oft bis zu doppelt so viele Frauen wie Männer eingeladen. Während die Männer die Big Shots der Tech-Branche sind, kommen die Frauen auch aus anderen Bereichen und sind bei Weitem nicht so einflussreich. Sie arbeiten in PR-Agenturen, in der Immobilienbranche oder auch als Personal Trainer. Es herrscht die gute alte Doppelmoral: Die Männer, die sich auf die Eskapaden einlassen, gelten als tolle Typen. Die Frauen werden diskreditiert und verlieren den Respekt ihrer Kollegen und Geschäftspartner. Das haben mir viele Frauen berichtet. Wenn sie allerdings nicht auf diese Partys gehen, dann werden sie von den ganzen Deals ausgeschlossen, die dort nebenbei, im Whirlpool oder an der Bar, angebahnt werden. Auch auf diesen Partys geht es letztlich mehr um Macht als um Sex. Und die Machtstruktur ist vollkommen unausgeglichen.

ZEIT ONLINE: Die Partys spiegeln das Ungleichgewicht in den Tech-Unternehmen wider. Wie schlimm ist es da?

Chang: Schlimm. In den USA sind nur 25 Prozent der Computerfachleute weiblich, bei den Studierenden sind es sogar nur 18 Prozent. Nur sieben Prozent der Partner in Risikokapitalgesellschaften sind Frauen. Gründerinnen bekommen zwei Prozent des gesamten Risikokapitals, das jedes Jahr in Start-ups investiert wird. Die restlichen 98 Prozent gehen an Gründer. Für people of color, ältere Menschen und andere Minderheiten sieht es noch düsterer aus.

ZEIT ONLINE: Die US-amerikanische Cosmopolitan hat 1967 einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel "The Computer Girls". Darin wurden Programmiererinnen vorgestellt, die von den Vorzügen des Jobs für Frauen erzählen. Was ist seither schiefgelaufen?

Chang: Der männliche Nerd wurde erfunden. Seit den 1940er-Jahren gab es viele Programmiererinnen, sie haben unter anderem für das Militär und die Nasa gearbeitet. Als Computer immer größere Teile unseres Lebens übernahmen, stieg der Bedarf an Fachleuten. Also wurden Persönlichkeitstest entwickelt, um geeignetes Personal zu finden. Einer der verbreitetsten Tests wurde Mitte der 1960er-Jahre von zwei Psychologen entworfen, die 1.378 Programmierer befragten, darunter nur 186 Frauen. Sie kamen zu einem fatalen Ergebnis: "Gute Programmierer mögen keine Menschen." Diese Idee hat sich durchgesetzt, es war die Geburtsstunde des Nerds. Wenn Sie nach dieser Maxime Mitarbeiter einstellen, landen Sie automatisch eher bei Männern als bei Frauen. Dabei gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg, dass Männer tatsächlich besser programmieren oder Matheaufgaben lösen können als Frauen. Und keine Menschen zu mögen ist sogar sehr hinderlich für einen guten Entwickler.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Chang: Programmierer arbeiten in Teams, sie treffen gemeinsame Entscheidungen und vor allem müssen sie sich in Millionen unterschiedliche Nutzer hineinversetzen. Das erfordert hohe soziale Kompetenz.

"An der Grenze zum Betrügertum"

ZEIT ONLINE: Ausgehend vom Status quo – gibt es einen Unterschied, wie Männer und Frauen Start-ups gründen und führen?

Chang: Ich würde es allgemeiner formulieren: Verschiedene Menschen gründen und führen unterschiedlich. Menschen haben unterschiedliche Risikoaffinitäten. Aber im Silicon Valley wird ein ganz bestimmter Typ bevorzugt: Gründer mit überzogenem Selbstbewusstsein, an der Grenze zum Betrügertum. Das trifft eher auf Männer zu als auf Frauen, was an der Sozialisierung liegt. Wenn die Tech-Unternehmen Entscheidungsträger mit verschiedenartigem Risikoverhalten gehabt hätten, wäre die Dotcom-Blase und ihr Platzen ziemlich sicher nicht so schlimm ausgefallen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für uns, die Konsumenten, wenn im Silicon Valley eine so homogene Gruppe regiert?

Chang: Die Erfindungen aus dem Silicon Valley verändern unser Leben grundlegend. Sie bestimmen, wie wir miteinander kommunizieren, wie und was wir einkaufen, wie wir die Welt sehen. All das wurde von ein paar weißen Männer geschaffen. Und sie haben die Produkte auf sich und ihre Bedürfnisse zugeschnitten, nicht auf uns alle.

Ist Onlinemobbing ein männliches Phänomen?

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Chang: Für mein Buch habe ich den Twitter-Mitgründer Evan Williams gesprochen. Er hat mir gesagt: Wenn Frauen stärker an der Entstehung von Twitter beteiligt gewesen wären, wäre Onlinemobbing nie ein so großes Problem geworden. Die Gründer dachten an all die schönen Möglichkeiten ihrer Anwendung. An Beschimpfungen und Vergewaltigungsdrohungen dachten sie nicht. Ich frage mich oft, wie unsere Welt aussehen würde, wenn mehr Frauen und Minderheiten bei den Tech-Firmen das Sagen gehabt hätten. Wäre das Internet ein freundlicherer Ort? Videospiele nicht ganz so gewaltverherrlichend? Pornos weniger omnipräsent? Die Diskriminierung, die heute herrscht, schreibt sich fort in den Technologien der Zukunft. Gesichtserkennung zum Beispiel ist sexistisch und rassistisch, Frauen und ethnische Minderheiten werden schlechter erkannt.

Die PayPal-Mafia kennt sich von der Uni

ZEIT ONLINE: Ihr Buch liest sich manchmal fast wie ein Krimi. Wenn eine neue Figur eingeführt wird, denkt man sofort, "Oh nein, was wird jetzt Schlimmes passieren?". Sie berichten in Ihrem Buch von der sogenannten PayPal-Mafia. Wer ist das?

Chang: Der Begriff stammt nicht von mir, sondern kursiert seit über zehn Jahren in der Branche. Er bezeichnet eine Gruppe von gut 20 Männern, die alle mal bei dem Onlinebezahldienst PayPal angefangen haben und inzwischen erfolgreiche Geschäftsmänner im Silicon Valley sind. Der PayPal-Gründer Peter Thiel gehört dazu, der heute als Unternehmer, Investor und politischer Aktivist auftritt. Er hat die Kandidatur von Donald Trump unterstützt. Auch Tesla-Chef Elon Musk ist dabei. Die PayPal-Mafia ist das perfekte Beispiel für die undurchlässigen, männerdominierten Netzwerke im Silicon Valley.

ZEIT ONLINE: Wie funktionieren diese Netzwerke?

Chang: Sie gehen auf die Anfangsjahre der Start-up-Kultur zurück und schreiben sich immer fort. In den Anfängen von PayPal, in den späten 1990er-Jahren, engagierten die Firmengründer einfach alle ihre Kumpel und deren Kumpel, ohne sich Gedanken über Einstellungsverfahren zu machen. Viele davon gingen mit Peter Thiel auf die renommierte Standford University. Das waren sicher schlaue Leute, aber ich bezweifle, dass sie wirklich die besten für die Jobs waren. All diejenigen, die anders waren als die Gründer, nicht zur Clique gehörten oder an einer weniger renommierten Uni studierten, hatten keine Chance. Egal, wie qualifiziert sie waren.

ZEIT ONLINE: Viele sagen, der Erfolg gibt den PayPal-Gründern recht …

Chang: Natürlich sind sie erfolgreich, weil sie sich immer noch kräftig gegenseitig unterstützen und in der Öffentlichkeit verteidigen. Wenn einer aus der Gruppe eine neue Firma gründet, investieren seine Freunde Geld. Sie haben das Silicon Valley quasi unter sich aufgeteilt. Und das hat wie gesagt auch Folgen für die Konsumenten. Das Absurde daran ist, dass sie wirklich glauben, ihre Firmen und die ganze Branche seien eine Meritokratie (merit = Verdienst, Leistung), dass also Erfolg und Misserfolg nur von ihrer eigenen Leistung abhängen. Dabei ignorieren sie einfach, wie privilegiert sie sind und schon immer waren, als gut vernetzte weiße Männer von einer Eliteuni. Diese Typen müssen ihre Privilegien endlich anerkennen und dann gegensteuern.

ZEIT ONLINE: Warum sollten sie – aus moralischen Gründen?

Chang: Nein, aus geschäftlichen. Studien zeigen, dass gemischte Teams kreativer, innovativer und finanziell erfolgreicher sind. Eine breit angelegte Untersuchung des Internationalen Währungsfonds hat gezeigt: Wenn auf der Management- oder Vorstandsebene nur ein Mann durch eine Frau ersetzt wird, ist das Unternehmen bis zu acht Prozent profitabler. Wenn über 60 Prozent Frauen in Führungspositionen sind, lässt sich der Effekt allerdings nicht mehr feststellen. Es geht eben nicht darum, dass Frauen grundsätzlich bessere Chefs sind, sondern darum, unterschiedliche Führungstypen zu fördern.

"Wir brauchen mehr Unterstützung von denen, die die Macht haben"

ZEIT ONLINE: Was muss passieren, um das Machtverhältnis zu ändern?

Chang: Ich finde es toll, dass sich immer mehr Frauen wehren. Ellen Pao, Partnerin bei der Risikokapital-Gesellschaft Kleiner Perkins, hat die Firma 2012 wegen Geschlechterdiskriminierung verklagt. Sie hat die Klage zwar verloren, aber die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert und einige weitere Klagen von Frauen angestoßen. Die Uber-Mitarbeiterin Susan Fowler hat letztes Jahr mit einem einzigen Blogeintrag über sexuelle Übergriffe bei Uber eine riesige öffentliche Debatte losgetreten. Es gab eine Untersuchung, und mehr als 20 Mitarbeiter, darunter der CEO, mussten das Unternehmen verlassen. Der New York Times gegenüber erzählten über zwei Dutzend Frauen vom Sexismus in der Risikokapitalbranche. Aber wir können nicht nur von den Opfern verlangen, dass sie etwas sagen. Alle, auch Männer, müssen sich verantwortlich fühlen. Jeder, der unangebrachtes Verhalten beobachtet, muss einschreiten. Wir brauchen mehr Unterstützung von denen, die die Macht haben. Letztlich liegt die Verantwortung bei den CEOs, nur sie können das System wirklich ändern. Und bei den Risikokapitalgebern, die einfach mehr in gemischte Teams investieren müssen.

ZEIT ONLINE: Gibt es CEOs, die das bereits tun?

Chang: Ja, Stewart Butterfield von Slack zum Beispiel. Die Firma ist schnell gewachsen, von 20 Mitarbeitern auf über 1.000 in vier Jahren. Aber immerhin 43,5 Prozent der Angestellten sind Frauen – 48 Prozent Managerinnen und 30 Prozent Entwicklerinnen. Immer noch zu wenig, aber mehr als die meisten anderen. Das gelang nur, weil Butterfield von Anfang an Diversität zu einer seiner Top-Prioritäten gemacht hat. 2014, als die Firma aus 50 Mitarbeitern bestand, hat er Anne Toth zur Führungskraft gemacht und sie mit der Aufgabe betraut, neue Leute einzustellen. Viele Start-ups haben bei der Größe noch gar keine Personalabteilung. Toth, die inzwischen nicht mehr bei Slack ist, hat ein sehr gemischtes Team zusammengestellt, bestehend aus einem Sechzigjährigen, einer Latina, zwei Afroamerikanerinnen, einem Afroamerikaner, einem Asiaten, einigen weißen Frauen und einigen aus der LGBT-Community. Sie haben ihren Suchradius ausgeweitet auf Studierende, die nicht auf eine der Elite-Unis gehen und auf Quer- und Wiedereinsteiger. Bestimmte Begriffe wie "Rockstar", "Ninja" oder "genial" wurden aus Stellenausschreibungen gestrichen, weil sie nur einen ganz speziellen Typ ansprechen. Ich hoffe, dass Slack das beibehält, auch wenn das Unternehmen weiter wächst.

ZEIT ONLINE: Und was können wir als Konsumenten tun?

Chang: Die Branche ist von Geld getrieben, und da kann man die Firmen empfindlich treffen. Denken Sie nur an die Aktion "delete Uber", bei der letztes Jahr Kunden aufgefordert wurden, die App zu löschen, um gegen den Umgang des Unternehmens mit Frauen zu protestieren. Viele sind der Aufforderung nachgekommen, das hat Uber wirklich wehgetan. Gerade sieht man es an Facebook. Werbekunden ziehen sich zurück, Nutzer löschen ihr Profil. Wir haben mehr Macht, als wir denken. Wir müssen sie nur nutzen.