Er musste ein Abteilungsmeeting verpasst haben, da war Claas Thöle sich sicher. Es war einer seiner ersten Tage in der neuen Wirtschaftsrechtskanzlei Njord in Kopenhagen, und um 18 Uhr saß er allein im Büro. Nur eine Kollegin traf er noch auf dem Flur. "Die war ganz erstaunt, dass ich noch da war, und wollte wissen, ob ich denn keine Kinder habe", erzählt der Anwalt. "Da ist mir klar geworden, dass die Leute tatsächlich alle schon nach Hause gegangen waren, um mit der Familie zu essen."

"In Deutschland geht man nicht vor dem Chef, und man geht schon gar nicht vor 19 Uhr."
Claas Thöle

Aus seiner vorherigen Kanzlei in Deutschland war der Hamburger ganz anderes gewohnt. "Man geht nicht vor dem Chef, und man geht schon gar nicht vor 19 Uhr", sagt er. "In Dänemark ist es ganz selbstverständlich, dass man Zeit mit der Familie verbringt und darauf Rücksicht genommen wird." Mittlerweile verlässt auch der 41-Jährige das Büro fast immer am frühen Abend und fährt mit dem Fahrrad in den westlichen Stadtteil Brønshøj, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern ein Haus gekauft hat. "Wir essen dann gemeinsam, meine Frau und ich bringen die Kinder ins Bett", sagt Thöle. Ab und zu schafft er es dann noch, zum Meer zu fahren: "Ich segle sehr gern, manchmal drehe ich nach Feierabend mit Freunden noch eine kleine Runde mit dem Boot."

Die Dänen wurden schon mehrfach dafür ausgezeichnet, das Privatleben trotz Arbeit nicht zu kurz kommen zu lassen. Im OECD-Better-Life-Index, der das gesellschaftliche Wohlergehen in verschiedenen Ländern vergleicht, belegt Dänemark seit Jahren einen der Spitzenplätze in der Kategorie Work-Life-Balance. 2017 kamen die Dänen nach den Niederländern auf den zweiten Platz. Die 37-Stunden-Woche ist Standard, regelmäßige Überstunden wie in deutschen Firmen gibt es nicht. Nur 2,2 Prozent der Dänen geben an, "sehr lange Wochenarbeitszeiten" zu haben. Und 60 Prozent der Dänen mit mindestens einem Kind sagen, dass sie wenig oder keine Probleme damit haben, Arbeit und Familie zu vereinbaren.

Reiner Perau beobachtet die Unterschiede zwischen Dänemark und seinem Heimatland, seit er vor einigen Jahren Geschäftsführer der Deutsch-Dänischen Handelskammer wurde. "Die Dänen haben eine andere Arbeitskultur und andere Werte", sagt er. "Die Gesellschaft ist weniger wettbewerbsorientiert und stark auf Kooperation ausgerichtet. Das gilt sowohl für das Verhältnis zwischen Mann und Frau als auch zwischen Chef und Angestellten. Das hat Auswirkungen auf den gesamten Lebensstil."

Beide Eltern brechen früh auf und kommen erst abends nach Hause

An einem Montagabend sitzen Gernot und Kristin Abel am großen Holztisch in ihrem Esszimmer und trinken Tee. Die helle Wohnung – weiße Wände, Laminat – liegt im ruhigen Familienviertel Østerbro im Osten von Kopenhagen, nicht weit vom Hafen. Die drei jüngsten Kinder, 9, 11 und 13 Jahre alt, sind schon in ihren Zimmern, die Älteste, 15 Jahre, ist noch bei der Chorprobe. Vor 20 Jahren ist das Paar von Berlin nach Dänemark gekommen, Gernot Abel hatte eine Stelle in der Biotechnik angenommen.

Die Ehepartner arbeiten in der Forschung: Gernot Abel entwickelt für eine dänische Firma umweltfreundliche Lösungen – etwa um beim Wäschewaschen weniger chemische Mittel zu verwenden. Kristin Abel arbeitet in der Pharmaindustrie. Beide verlassen das Haus früh am Morgen und kommen in der Regel erst zum Abendbrot nach Hause. "Das ist kein Problem, weil wir wissen, dass die Kinder den ganzen Tag über versorgt sind", sagt Kristin Abel. "In der Schule bekommen sie warmes Essen. Danach gehen sie zum Karate, zum Kochkurs oder zum Musikunterricht. Die öffentlichen Angebote sind ein Traum." Und sie glaubt: "In Deutschland wäre es nicht machbar, dass wir mit vier Kindern beide so arbeiten, wie wir das hier tun." 

Es gibt einen Anspruch auf Betreuung

Tatsächlich fördert das dänische Modell, dass Männer und Frauen gleichermaßen Vollzeit arbeiten. Seit Jahrzehnten gibt es eine gut ausgebaute soziale Infrastruktur: Sobald das Kind ein halbes Jahr alt ist, haben Eltern Anspruch auf einen ganztägigen staatlichen Betreuungsplatz. Zunächst kommen die Kinder in eine Krippe oder zu einer Tagesmutter, mit knapp drei Jahren wechseln sie in den Kindergarten. Später kümmern sich dann Schulen und Gemeinden, bieten Nachmittagsunterricht und Sportprogramm an. 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verwendet der Staat für diese Angebote; der Anteil ist doppelt so hoch wie in Deutschland.

Dieser Aufwand spiegelt sich in der Müttererwerbsquote wider. Sie erfasst die Frauen, die mindestens ein Kind unter 15 Jahren haben und arbeiten. "In Dänemark sind das mehr als 80 Prozent, und fast alle davon arbeiten ganztags", sagt Peter Starke, Wohlfahrtsforscher an der Süddänischen Universität. In Deutschland liege die Quote bei etwa 70 Prozent – wobei nur knapp die Hälfte dieser arbeitenden Mütter in Vollzeit beschäftigt sei. "Für viele deutsche Frauen bedeutet Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dass sie nur Teilzeit arbeiten", sagt Starke. Da in Dänemark mehr Frauen Vollzeit arbeiten, gebe es mehr Anreiz, sich auch die Aufgaben außerhalb des Jobs zu teilen. Insbesondere Väter von kleinen Kindern verbringen weniger Zeit am Arbeitsplatz als in allen anderen Ländern. Dass Eltern ihre Kleinkinder auch während der Arbeitszeit von der Kita abholen können, ist eine Selbstverständlichkeit.