Als der WDR-Filmchef Gebhard Henke am 29. April freigestellt wurde, recherchierte ZEIT ONLINE bereits im Umfeld des Senders. Der Redaktion lag zu diesem Zeitpunkt ein anonymes Schreiben vor, das Henke der sexuellen Belästigung bezichtigt. Der Absender ist ZEIT ONLINE bis heute nicht bekannt. Um den Vorwürfen nachzugehen, legten wir einigen Frauen aus der Film- und Medienbranche, darunter Charlotte Roche, das Flugblatt vor. Die Autorin und Moderatorin meldete sich am nächsten Tag und berichtete, dass Gebhard Henke sie sexuell belästigt habe. Sie habe aber, außer mit ihrem Mann, nie über den Vorfall gesprochen. Kurz darauf machten Roche und fünf weitere Frauen ihre Vorwürfe gegen Henke in einem Bericht des "Spiegel" öffentlich. Henke hat alle Vorwürfe durch seinen Anwalt bestreiten lassen.   

ZEIT ONLINE: Frau Roche, Sie haben gegenüber dem Spiegel und auch beim Personalchef des WDR gesagt, Gebhard Henke, der Fernsehspielchef des WDR, habe Sie vor fünf Jahren sexuell belästigt. Er bestreitet das. Was werfen Sie ihm vor?

Charlotte Roche: Ich war im Astor Kino in Köln zu einem sogenannten Werkstattgespräch eingeladen. Ich hatte gerade die Filmrechte für mein zweites Buch Schoßgebete verkauft. Auf einer kleinen Bühne saß ich mit dem Regisseur Sönke Wortmann und der Hauptdarstellerin Lavinia Wilson zusammen, um über den Film zu reden. Im Publikum saßen etwa 30 geladene Gäste. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde mir Gebhard Henke vorgestellt.

ZEIT ONLINE: Kannten Sie ihn?

Roche: Nein, ich war ihm noch nie zuvor begegnet. Ich wusste nicht, wer er ist, und auch nicht, dass der WDR den Film mitfinanziert. Ich habe ja normalerweise kaum Kontakt zur Filmbranche. Als wir später in einer Runde zusammenstanden, Lavinia Wilson war auch dabei, bemerkte ich an den anderen: Der ist wichtig.

"Vertut er sich gerade und denkt, das ist mein Rücken?"
Charlotte Roche

ZEIT ONLINE: Was ist dann passiert?

Roche: Er stellte sich mir vor, reichte mir seine rechte Hand und hörte nicht auf, sie zu schütteln. Seine linke Hand legte er dabei mitten auf meinen Po. Ich kenne Situationen, in denen Männer ihre Hand bei der Begrüßung auf meinen Rücken legen und sie langsam runterrutschen lassen. Das ist unangenehm, aber geht nicht weiter als bis zum unteren Rücken, da ist die Grenze. Doch die Hand von Henke lag ganz fest auf meinem Po und blieb auch da. Vorne wurde die ganze Zeit weitergeschüttelt. Dabei redete er mit mir.

ZEIT ONLINE: Was sagte er zu Ihnen?

Roche: Ich weiß nicht mehr, was er sagte, ich war die ganze Zeit mit dieser Hand auf meinem Po beschäftigt. Er redete viele, viele Sätze lang, und ich dachte: Vertut der sich gerade und denkt, das ist mein Rücken?

ZEIT ONLINE: Sie dachten an ein Versehen?

Roche: Ja, ich dachte, das kann doch keine Absicht sein, und dann auch noch vor so vielen Menschen. Man verteidigt automatisch den Täter.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie reagiert?

Roch: Ich war in diesem Klammergriff gefangen und habe versucht, mich seitlich wegzubewegen wie ein Krebs. Aber er ist mitgegangen, seine Hand weiter auf meinem Po, bis es mir schließlich gelang, ihn abzuschütteln. Ich weiß nicht mehr, ob das eine Minute oder fünf gedauert hat.

ZEIT ONLINE: Wie hat die Runde darauf reagiert? Lavinia Wilson sagte auf unsere Nachfrage, sie könne sich nicht an einen Übergriff erinnern.

Roche: Keiner schien es zu bemerken. Ich habe mich umgeschaut und gedacht: Sieht das niemand? Ich war in dem Moment alleine.

ZEIT ONLINE: Gebhard Henke bestreitet, dass es diese Situation je gegeben habe. Warum haben Sie sich nicht gewehrt?

Roche: Das habe ich mich auch gefragt. Wenn ich zum Beispiel im Nachtleben unterwegs bin, erwarte ich, dass so etwas passieren kann. Da habe ich schon viele Male richtig reagiert, geschubst, geschrien, mich gewehrt. Aber auf dieser Veranstaltung fühlte ich mich sicher, ich kannte viele Leute, ich mochte die. Deshalb war ich komplett perplex. Ich weiß noch, dass ich dachte: Wenn ich den Mann von mir wegstoße und schreie, was ein normales Verhalten wäre, dann verursache ich damit den Eklat des Abends.

ZEIT ONLINE: Was wäre daran so schlimm gewesen?

Roche: Das sollte ein toller Abend werden, das war mir superwichtig, ich wollte den Abend nicht kaputt machen.

"Das war ein öffentlicher Auftritt. Das sollte gut werden. Das war der Druck, unter dem ich stand."
Charlotte Roche

ZEIT ONLINE: Die Frauen, die Harvey Weinstein oder Dieter Wedel nun sexuelle Gewalt vorwerfen, standen oft noch am Anfang ihrer Karriere und in einem Abhängigkeitsverhältnis zu diesen Männern. Sie jedoch hatten gerade Ihren ersten Roman über eine Million Mal verkauft.

Roche: Stimmt, bei mir war das anders. Die Filmrechte waren verkauft, die Förderung des Films durch den WDR war abgemacht. Ich hatte keine Angst, dass das Projekt platzen könnte.

ZEIT ONLINE: Im Spiegel haben Sie gesagt, Sie hätten "unter Druck" gestanden. Herr Henke hat Ihre Schilderung bestritten, außerdem hätte er zu diesem Zeitpunkt keinen Einfluss mehr auf das Projekt nehmen können. Wieso sprachen Sie von "Druck", obwohl die Verfilmung bereits gesichert war?

Roche: Ich war an diesem Abend einfach aufgeregt, für mich war die Verfilmung meines Buches eine Riesensache. Das war ein öffentlicher Auftritt. Das sollte gut werden. Das war der Druck, unter dem ich stand.