"Wir haben überlegt, wie das aussieht, wenn man ausgerechnet als Autorin von Sexbüchern, das war ja mein Stempel zu der Zeit, sexuell belästigt wird." © Sandra Stein für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Was haben Sie danach getan?

Roche: Ich weiß nicht mehr, ob ich noch länger geblieben oder sofort gegangen bin. Zu Hause habe ich meinem Mann von dem Übergriff erzählt. Er war entsetzt. Wir sind dann zusammen alle Möglichkeiten durchgegangen, was wir tun könnten, zum Beispiel eine Anzeige bei der Polizei.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie darauf verzichtet?

Roche: Die Frage war, wer glaubt mir? Stehe ich am Ende womöglich als Verliererin da, weil Aussage gegen Aussage steht? Wir haben auch überlegt, wie das aussieht, wenn man ausgerechnet als Autorin von Sexbüchern, das war ja mein Stempel zu der Zeit, sexuell belästigt wird. Würde dann jemand sagen, du schreibst doch sexuelle Bücher, warum soll man dich dann nicht belästigen? Das willst du doch! Das ist natürlich Unsinn. Aber trotzdem hätte ich mit dieser Reaktion rechnen müssen. Wir haben uns daher entschieden, nichts zu machen. Im Nachhinein war das die falsche Entscheidung.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich auch entschieden, zu schweigen, weil es sich lediglich um eine Hand auf dem Po handelte?

Roche: Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht. Gibt es überhaupt eine Situation, in der ein Mann das machen darf? Nein. Das geht nur, wenn ich ihm das erlaube. Und jeder, der das verharmlost, soll sich mal fragen, wie er das fände, wenn ein fremder Mann seiner Frau oder Tochter eine Hand auf den Po legt.

"Natürlich weiß ich, dass es schlimmere Übergriffe gibt als den, den ich erlebt habe. Aber ich finde es verwerflich, wenn man sagt: Das ist doch nicht so schlimm."
Charlotte Roche

ZEIT ONLINE: Harvey Weinstein wird mehrerer Vergewaltigungen beschuldigt …

Roche: … und bei Wedel ging es um den Vorwurf angebrochener Nackenwirbel. Bei solchen Vorwürfen sind alle richtig empört und sich einig, das geht zu weit. Aber dass die Psyche auch nach viel kleineren Übergriffen dauerhaft leidet, ist doch wohl auch klar. Übergriffe auf Frauen werden ja ohnehin oft verharmlost, etwa wenn man die Täter Grapscher nennt oder eine Hand "ausgerutscht" ist. Eine Hand auf dem Po ist ein sexueller Übergriff. Und da muss man bei jedem einzelnen Fall "Stopp" sagen. Natürlich weiß ich, dass es schlimmere Übergriffe gibt als den, den ich erlebt habe. Aber ich finde es verwerflich, wenn man sagt: Das ist doch nicht so schlimm.

ZEIT ONLINE: Sind Sie Gebhard Henke seitdem noch einmal begegnet?

Roche: Nein. Ich habe mir damals sein Gesicht eingeprägt, seinen Haarschnitt, seine Hautfarbe, die Art von Brille, die er trägt. Das hat sich in meinen Kopf eingebrannt. Ab und an habe ich sein Gesicht in der Zeitung gesehen, aber rasch weitergeblättert. Bis letzte Woche habe ich nie wieder darüber gesprochen. 

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Roche: Ich habe mich geschämt, dass ich nichts gemacht habe. Das passt ja auch gar nicht zu mir, geschweige denn zu meinem Image. Ich bin eine selbstbewusste Frau, ich mache Kickboxen und Selbstverteidigungskurse als Hobby, ich kann mich wehren. Wer, wenn nicht ich, müsste massiv reagieren, wenn ein sexueller Übergriff stattfindet?

"Meine Reaktion passt nicht zu dem Bild, das ich selbst von mir habe."
Die Autorin Charlotte Roche vergangene Woche in Köln

ZEIT ONLINE: Hatten Sie Sorge, Ihr Image könnte Schaden nehmen?

Roche: Nein, so meine ich das nicht. Meine Reaktion passt nur nicht zu dem Bild, das ich selbst und andere von mir haben. Was würden andere Frauen denken, wenn sie hören: Charlotte Roche ist belästigt worden? Sie würden denken, ich hätte mich gewehrt und eine Anzeige erstattet. Und das wäre ja auch heldenhaft. Aber leider liegt es in der Natur der Sache eines sexuellen Übergriffs, dass man oft falsch reagiert. Diese Sache klebt jetzt an mir.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Roche: Ich werde aus meiner öffentlichen Äußerung vermutlich keine beruflichen Nachteile erfahren. Aber mein Name ist jetzt auf ewig mit dem Namen Henke verbunden. Wenn man mich googelt, kommt das jetzt. Das widert mich an. Ich bin es ja gewohnt, auch mit krassen Themen in der Öffentlichkeit zu stehen. Aber ich wollte nie ein Opfer sein.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie sich dennoch entschieden, intern beim WDR auszusagen und anschließend an die Öffentlichkeit zu gehen?

Roche: Als ich von dem anonymen Brief erfuhr, in dem er der sexuellen Belästigung bezichtigt wurde, fiel mir alles aus dem Gesicht. Mir wurde klar, dass ich möglicherweise nicht die Einzige bin, die von ihm belästigt wurde. Ich bin an die Öffentlichkeit gegangen, damit sich auch andere Frauen trauen, ihre Geschichte zu erzählen. Und weil ich damit den Fehler wiedergutzumachen versuche, dass ich vor fünf Jahren nicht reagiert habe.

ZEIT ONLINE: Sie fühlen sich schuldig?

Roche: Ja, ich fühle mich schuldig. Ich frage mich, wenn ich vor fünf Jahren an die Öffentlichkeit gegangen wäre, wären dann andere Frauen verschont geblieben?

"Frauenförderung kann auch eine Tarnung sein."
Charlotte Roche

ZEIT ONLINE: Der WDR hat auf Nachfrage bestätigt, dass sich nach dem Spiegel-Bericht weitere Frauen gemeldet haben, die angeben, betroffen zu sein. Warum jetzt erst?

Roche: Die Filmbranche ist so altmodisch und männerdominiert. Betroffene Frauen haben möglicherweise Angst, bestraft zu werden, ihren Ruf zu ruinieren und keine Aufträge mehr zu bekommen. Das sind existenzielle Sorgen. Und dann entscheiden sie sich doch lieber für den lieben Frieden, für die Zusammenarbeit, für die Karriere. Weil sie denken, für ihre Arbeit ist es besser, so einen Vorfall zu vergessen.

ZEIT ONLINE: Gebhard Henke gilt als Frauenförderer. Er hat viele Filme und Serien ermöglicht, etwa die Serie Mord mit Aussicht, die eine weibliche Kommissarin in den Mittelpunkt stellt.

Roche: Es ist der blanke Hohn, dass er es geschafft hat, als Frauenförderer zu gelten. Frauenförderung kann auch eine Tarnung sein. Ich finde, die, die ihm ihre Karriere zu verdanken haben, müssten besonders wütend sein. Was bedeutet das für Schauspielerinnen, die von ihm belästigt und im Gegenzug in einem Film besetzt wurden? Können sie stolz sein auf ihre Karrieren? So ein System macht die harte Arbeit der Frauen zunichte.