Thomas Hentschel leitet das gewerkschaftsnahe Peco-Institut in Berlin, das eine Studie (PDF) über die Situation der Erntehelfer veröffentlicht hat.

ZEIT ONLINE: Die Arbeitgeber in der Landwirtschaft sagen: Bald könnten in Deutschland die Erntehelfer fehlen, die bisher jedes Jahr zu dieser Zeit aus Osteuropa kommen, um auf den Äckern zu arbeiten. Müssen wir bald auf Spargel und Erdbeeren verzichten?

Thomas Hentschel ist Geschäftsführer des Peco-Instituts in Berlin, das auch die Situation der Saisonkräfte dokumentiert. Das Institut steht der IG BAU nah. Die Gewerkschaft vertritt Arbeitnehmer im Agrarsektor. © privat

Hentschel: Die Klage kommt von den Bauern regelmäßig. Vor ein paar Jahren hieß es noch, der Spargel müsse auf den Feldern verderben, weil die Polen plötzlich lieber in Großbritannien arbeiteten. Natürlich ändern sich die Herkunftsländer: Heute kommen die Saisonkräfte nicht mehr so oft aus Polen, dafür häufiger aus Rumänien. Ich kenne auch viele Betriebe, die gar keine Probleme haben, Erntehelfer zu finden. Wenn man die Leute anständig behandelt, kommen sie auch.

ZEIT ONLINE: Sind die deutschen Bauern also selbst schuld, wenn die Saisonkräfte einen Bogen um sie machen?

Hentschel: Die Bedingungen sind vielerorts tatsächlich schlecht. Nehmen wir die Bezahlung. Auf dem Papier zum Beispiel bekommt natürlich jeder Helfer den deutschen Mindestlohn von 8,84 Euro in der Stunde. In der Praxis sieht das ganz anders aus, und das spricht sich früher oder später natürlich auch in den Herkunftsländern herum.

"Es ist schwer zu quantifizieren, wie häufig die Landwirte hier tricksen."
Thomas Hentschel

ZEIT ONLINE: Es wird also im großen Stil der Mindestlohn umgangen?

Hentschel: Es ist schwer zu quantifizieren, wie häufig die Landwirte hier tricksen. Aber in der Praxis erleben wir immer wieder, dass auf den Lohnzetteln der Saisonkräfte sehr fantasievolle Abzüge auftauchen. Da wird den Erntehelfern zum Beispiel die Kleidung oder das Arbeitsgerät in Rechnung gestellt. Oder die Kosten für die Unterkunft sind so hoch, dass vom verdienten Geld kaum etwas bleibt. Die Saisonarbeiter haben oft keine Wahl: Sie müssen während ihres Einsatzes ja irgendwo wohnen. Das macht Lohndumping einfach, die Landwirte können mit den Abzügen Druck auf die Arbeitskräfte ausüben. Wenn die Erntehelfer da nicht mehr mitspielen, ist das eine gute Entwicklung.

ZEIT ONLINE: Sind die Bedingungen in anderen europäischen Ländern besser?

Hentschel: Manches ist in Deutschland tatsächlich laxer. Saisonkräfte können hier zum Beispiel 70 Tage im Jahr arbeiten, ohne dass der Bauer für sie Sozialabgaben zahlen muss. In Belgien oder Österreich müssen Helfer direkt am ersten Tag bei der Sozialversicherung angemeldet werden. Der Zoll kontrolliert bei uns zwar grundsätzlich, ob der Mindestlohn eingehalten wird. Aber es fehlt das Personal, um die Betriebe wirklich flächendeckend zu überprüfen. Dazu kommt, dass im Ausland die Mindestlöhne für die Helfer höher sind.

ZEIT ONLINE: Die Landwirte sagen, dass sie den Leuten kaum mehr zahlen könnten, weil der Handel nicht mehr für die Ernte zahlen will.

Hentschel: Das glaube ich nicht. Es gibt genug Betriebe, die ihren Leuten umstandslos das zahlen, was ihnen zusteht. Das widerlegt die Behauptung, es ginge nicht ohne Trickserei und Lohndumping. Übrigens klagen französische Bäuerinnen und Bauern, dass die deutschen Landwirte den Markt dort mit billigem Spargel überfluten, weil der Mindestlohn bei uns niedriger ist als auf der anderen Rheinseite. Die französischen Arbeitgeber verlangen inzwischen von den deutschen Gewerkschaften, dass sie für höhere Löhne in der Landwirtschaft sorgen sollen. Das ist doch absurd!

"Bio und Regionales haben überhaupt nichts mit Sozialstandards zu tun."

ZEIT ONLINE: Wie erkennt man als Verbraucherin oder Verbraucher, wo die Arbeitsbedingungen stimmen? Kann man bei Bioprodukten zum Beispiel eher davon ausgehen, dass die Erntehelfer nicht ausgebeutet werden?

Hentschel: Bio und Regionales haben überhaupt nichts mit Sozialstandards zu tun. Leider gibt es kaum etwas, was beim Einkauf Orientierung bieten könnte. Unser Institut hatte vor zehn Jahren einmal die Idee, ein Siegel für faire Saisonarbeit zu verleihen. Leider haben kaum Betriebe mitmachen wollen, sodass wir das Projekt schnell beerdigt haben. Die Schutzrechte für das damals von uns entwickelte Siegel laufen dieses Jahr endgültig aus. Wir werden sie nicht verlängern.

ZEIT ONLINE: Es gibt wenige Bereiche, die so sehr auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen sind wie die Landwirtschaft. Woran liegt das?

Hentschel: Wanderarbeit hat in der Landwirtschaft Tradition, weil sie sich gerade in dem Bereich anbietet. Bei der Ernte werden auf einen Schlag und sehr kurzfristig viele Helferinnen und Helfer gebraucht, oft mehr, als man vor Ort finden kann. Menschen aus ärmeren Regionen sehen darin eine Chance, ihr Einkommen aufzubessern. Die Anforderungen zum Beispiel an die Sprachkenntnisse sind niedrig, die Einsatzzeit ist überschaubar und in wenigen Wochen lässt sich sehr viel mehr verdienen als zu Hause. Das war schon im deutschen Kaiserreich so. Bereits 1860 gingen die Arbeitskräfte aus Schlesien zur Wanderarbeit nach Sachsen, die sogenannten Sachsengänger. So verbreitete sich die Wanderarbeit. Auf den Gütern baute man für die Helfer, die das Heu schnitten, große Unterkünfte. Diese Schnitterkasernen sieht man noch heute in manchen Dörfern Ostdeutschlands.